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Proteste: Mehr als 700 Festnahmen in Russland

Von nachrichten.at/apa, 25. September 2022, 07:07 Uhr
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Die Polizei ging hart gegen die Demonstrierenden vor.

MOSKAU. Bei neuen Protesten in Russland gegen die Teilmobilmachung sind mehr als 700 Menschen festgenommen worden.

Am Samstag kamen trotz des harten Vorgehens der Polizei bei früheren Protesten bei kühlem Regenwetter mehr als 100 Menschen an diesem Samstag ins Zentrum von Moskau, um gegen die von Machthaber Wladimir Putin angeordnete Teilmobilmachung zu protestieren. Eine junge Frau mit beiger Herbstjacke und geblümtem Kopftuch rief: "Wir sind kein Fleisch!" Sofort stürmen Einsatzkräfte heran, zerren sie weg.

"Wir sind kein Fleisch! Wir sind kein Fleisch!", rief die Frau weiter, bis sie in einem der Transporter verfrachtet wurde. Immer wieder war dann von dort das Knacken von Elektroschockern zu hören.

Polizisten prügeln mit Schlagstöcken auf Demonstrierende

Auch in anderen russischen Städten gehen an diesem Wochenende bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage Menschen auf die Straßen. Es sind die größten Anti-Kriegs-Proteste seit Russlands Einmarsch ins Nachbarland Ukraine am 24. Februar. Videos aus der Ostsee-Metropole St. Petersburg zeigen, wie vermummte Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken auf Demonstranten einprügeln. Am Samstagabend zählt die Bürgerrechtsorganisation OVD-Info landesweit mehr als 700 Festnahmen.

Blanke Panik in vielen Familien

Mit dem Beginn der Mobilmachung von Reservisten betrifft der Krieg gegen die Ukraine, den viele Russen bisher verdrängt haben, nun so gut wie jede Familie in dem Riesenland mit seinen 146 Millionen Einwohnern. Bei vielen herrscht blanke Panik. Sieben Monate nach dem Einmarsch in die Ukraine hat Putin offenbar die Rechnung ohne einen großen Teil seiner Bevölkerung gemacht.

In Sozialen Netzwerken kursieren Videos vom Abtransport von Männern, der nur Stunden nach Putins TV-Ansprache am Mittwoch begann. Regimekritiker veröffentlichen Aufnahmen von weinenden Ehefrauen und Müttern an Bahnstationen und Busbahnhöfen. "Papa, tschüss", schluchzt eine Kinderstimme in einem viel beachteten Clip. In Chatgruppen berichten Menschen davon, wie Männer im wehrpflichtigen Alter ohne Vorwarnung an ihrem Arbeitsplatz oder Zuhause abgeholt werden.

Politologe: Proteststimmung könnte noch deutlich zunehmen

Immer wieder wurden in den vergangenen Monaten Umfragen zitiert, denen zufolge die Mehrheit der Russen den Krieg unterstützt. Soziologen wiesen allerdings schon früh darauf hin, dass viele Befragte mit Unbehagen statt Enthusiasmus auf die Kämpfe blickten. Und nun zeigt sich deutlich, dass nur wenige einsehen, warum ihre Männer, Söhne und Enkel in der Ukraine sterben sollen. Es werde wohl noch eine Weile dauern, aber dann könne die Proteststimmung im Land noch deutlich zunehmen, glaubt der Politologe Abbas Galljamow.

Schon jetzt ist die russische Sprache um ein neues Wort reicher geworden: "Mogilisazija" - eine Mischung aus den Begriffen "Mobilisierung" und "Grab". Viele Russen sind überzeugt: Sie sind nur Kanonenfutter, sollen schlicht verheizt werden für die Ziele eines Kriegs, an denen selbst ihre Berufsarmee scheitert.

Unter dem Druck ukrainischer Gegenoffensiven hat die sich zuletzt aus dem ostukrainischen Gebiet Charkiw zurückgezogen. Nun braucht es eine große Zahl Soldaten, um zumindest die besetzten Teile der Gebiete Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson zu halten, die Moskau mithilfe von derzeit laufenden Scheinreferenden annektieren möchte. Für besondere Wut in der russischen Bevölkerung sorgt zudem, dass einfache Bürger gezwungen werden, ihr Leben zu riskieren, während Mitglieder der politischen Führung unbeschadet davon kommen.

Regierung soll es auf bis zu eine Million Männer abgesehen haben

Insgesamt 300.000 Männer sollen laut Verteidigungsminister Sergej Schoigu eingezogen werden. Einer Recherche des Mediums "Nowaja Gaseta" zufolge soll es der Kreml insgeheim sogar auf eine Million Rekruten abgesehen haben. Putins Sprecher dementierte das zwar kürzlich - doch viele Russen haben das Vertrauen in Aussagen ihrer politischen Führung komplett verloren.

In Wolgograd (früher Stalingrad) wurde Medienberichten zufolge ein 63-jähriger, an Diabetes erkrankter Mann eingezogen - obwohl offiziell nur bis 55-Jährige kämpfen sollen. In der Region Burjatien trifft es einen Vater von fünf Kindern. In Jakutien in Sibirien muss Republikchef Aissen Nikolajew einräumen, dass Fehler gemacht worden seien in den Wehrkreisämtern. "Es wurden Reservisten fehlerhaft eingezogen, sie müssen zurückgeschickt werden."

Kritik sogar von offiziellen Stellen

Zwei Spitzenvertreter des russischen Parlaments und enge Verbündete von Präsident Wladimir Putin zeigen Verständnis für die zahlreichen Beschwerden über die Kampagne zur Mobilisierung Hunderttausender Soldaten. Walentina Matwijenko, die Vorsitzende des Föderationsrats, des Oberhauses des russischen Parlaments, verwies auf Berichte, wonach auch Männer einberufen wurden, die von der kürzlich verkündeten Teilmobilisierung eigentlich nicht betroffen sein dürften.

"Solche Auswüchse sind absolut inakzeptabel. Und ich halte es für absolut richtig, dass sie eine scharfe Reaktion in der Gesellschaft auslösen", schrieb sie am Sonntag auf Telegram. Die Regionalgouverneure Russlands seien für die Umsetzung verantwortlich. Sie müssten sicherstellen, dass die Kriterien der Teilmobilisierung vollständig und fehlerfrei beachtet würden. Wjatscheslaw Wolodin, der Vorsitzende des Unterhauses, der Duma, wiederum erklärte, dass Fehler, sollten sie gemacht worden sein, korrigiert werden müssten. "Behörden auf allen Ebenen sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein."

An den Grenzen zu Russlands Nachbarländern stauen sich unterdessen lange Autokolonnen. Flüge ins Ausland sind auf Tage ausverkauft oder bei weiten Zielen kaum zu bezahlen. Fluchtartig verlassen Tausende mit dem Auto das Land - etwa in Nachbarländer Kasachstan oder Georgien, wo keine Visa nötig sind. "Gib Bescheid, falls du jemanden kennst, der in den nächste Tagen über den Landweg ausreist", bittet eine Moskauerin in einem privaten Chat. "Wir versuchen, den Mann einer Freundin rauszubringen."

Eine junge Frau aus Nowosibirsk schreibt nach Stunden des Bangens: Ihrem kleinen Bruder sei die Flucht ins zentralasiatische Kirgistan geglückt. Sie ist erleichtert - und niedergeschlagen zugleich: "Wer weiß, wann ich ihn wiedersehen kann."

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