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Spinnad und Stur

Von Roman Kloibhofer, 04. Oktober 2014, 00:04 Uhr
Spinnad und Stur
Diskussion mit Leib und Seele sowie großer Begeisterung: Klaus Ranzenberger (re.) und Hans Kumpfmüller. Bild: Furtner

Der Innviertler gilt als Sturschädel, als Meister der Beharrlichkeit, als Mosttrinker und als Raufbold. Aber: Gibt es DEN Innviertler eigentlich? Zwei Innviertler Autoren gehen dieser Frage nach.

Der Herrgott ist an diesem Abend ein Innviertler. Vom Herrgottswinkel der Gaststube im Gasthof "Kaiserlinde" in Polling blickt er gütig auf die beiden Innviertler Autoren Hans Kumpfmüller und Klaus Ranzenberger, als diese über das Wesen des Innviertlers diskutieren. Ohne Messer unter dem Tisch, wie man es dem Innviertler ja immer noch gerne nachsagt. Allerdings: Ein bisschen Spinner und sturer Hund darf, ja muss man im Innviertel dann wohl doch sein.

Hoamatland: Muss man ein Sturschädl sein, um dem Anspruch an den Innviertler gerecht zu werden?
Ranzenberger: Da müsste man einmal über die Sturheit selbst reden. Ich glaube, dass das immer zu negativ gesehen wird. Stur ist eine Eigenschaft, die ich als positiv empfinde, eine kindliche Eigenschaft, die uns im Lauf der Zeit weg-erzogen wird. Beharren auf die eigene Meinung ist nicht verkehrt. Wir leben ohnehin in einer Zeit, in der das Gegenteil um sich greift. Kumpfmüller: Stur – des hat, i möcht net sag’n Charme, des wär zu viel, oba a gewisse Originalität. Bei uns hat ma’ eh nie g’sagt stur, meine Großeltern hab’n immer g’sagt "So a Birnschädl". Birnschädl kannst heit nimma sag’n, zu dem hamma scho’ z’vü Bam umg’schnitten.

Mir ham an Bauern g’habt, der war der Meinung, im Wirtshaus b’scheißns oan. Da hams vü kleanare Glasl. Der hat sö im Rock sei Glasl mitgnumma, hat’s aussag’numma und g’sagt "dös füllst ma iatzt an!" So was hat a g’wisse Originalität … aber i glaub, dahoam für sei Frau war’s net so klass.

Können Sie beide stur sein?
Ranzenberger:
Ich sag’ immer, ich hab’ seit meiner frühesten Kindheit a Mainstream-Allergie. Das war als Kind schon so. Da kann einem vielleicht das eine oder andere entgehn, aber im Großen und Ganzen bin ich ganz gut gefahren damit. Kumpfmüller: In dem Moment, wos’d a weng zum Denga anfangst, bist eh scho stur.

Der Innviertler gilt ja auch als Mostschädl. Und der Most kann einem ja das Gesicht verziehen lassen und nachhaltig Beschwerden bereiten – ist der Innviertler mit dem Charakter des Mostes vergleichbar?
Ranzenberger: Darüber hat der Stelzhamer etwas geschrieben: "A Most wiar a Wein, macht di g’sprachig und frisch, und wannst aufstehst siagst as, der drahd di…" Kumpfmüller: Man muss generell sag’n, den Innviertler gibt’s ja ned. Aber hat da Most überhaupt nu den Stellenwert? Da hat der Brandstetter ja amal gschriebn: Früher is da Mostkruag am Tisch g’standn, dann is er am Fensterbrettl g’standn und jetzt is a ganz verschwundn … Da Most war amal megaout – heit brauchstn grad ‚Cider’ nenna, dann is er wieda in! Ranzenberger: Heute wird der Most schon manchmal sortenrein ausgebaut und edel verarbeitet, dem typischen Mosttrinker von früher hätt’ der nicht geschmeckt.

Trinken Sie lieber Most oder Bier?
Ranzenberger:
Meistens Bier, den Most trinke ich gern dort, wo er gemacht wird, wo er hinghört. Mein Opa hat mich immer zu Hause in den Keller geschickt "um an Most". Kumpfmüller: I trink überhaupt koan Alkohol, aber früher ham mia an Most im Keller g’habt, da hat da Großvater g’sagt "Da kriagst schon an Rausch, wannst vorbeigehst".

DER Innviertler – gibt’s den? Ihr Buch "Onkel Franz" hat als Untertitel "Typologie des Innviertlers". Gibt’s ihn doch?
Ranzenberger:
Der Titel ist ja an Torbergs "Die Tante Jolesch" angelehnt. Freilich gibt’s ihn, aber nicht in der Kategorie. Man wünscht sich, dass es ihn mehr gibt. Das Originäre gefällt uns ja überall – der Flamenco in Spanien, der Prosciutto in Italien… das is ja alles klass’! Da schadet es nicht, wenn man sich auf seine Wurzeln besinnt – auch in der Mentalität. Kumpfmüller: Mir drei san a Innviertler und san do alle verschieden. I hab aber scho a Problem mit der "Mir han mia-Mentalität", da lauf i hoaß. Ranzenberger: Ich habe auch was anders gemeint. Das "im eigenen Sud Kochen" lehne ich auch ab, zum Beispiel alles, was von außen kommt, zu favorisieren. Früher, wenn wir zu meiner Oma nach Lambrechten gefahren sind – dort hatten die Leute einen tiefen Dialekt – das hat mich angwidert. Der Dialekt war sowas von uncool. Erst später bin ich draufgekommen, man muss sich nicht so amerikanisieren oder so reden wie die Münchner. Ich glaub, da ist ein Unterschied zwischen dem ‚Mia san mia’ und dem Ablehnen all dessen, was von außen kommt. Da muss man einen gesunden Mittelweg finden. »»»

Sind Sie bekennender Innviertler? Also jemand, der seine Wurzeln nicht verleugnet…
Kumpfmüller:
Alloa durch mei Sprach bekenn i mi dazua. Wann mi oana im breitesten Innviadla Dialekt anliagt, is mia ona, der a wenig schnöselt, aber d’ Wahrheit sagt, liaba. Mir g’falln de Klangfarb’n vom Dialekt, da brauchst in da Hochsprach drei Zeilen, bis dass’d dös hinbringst, was’d im Dialekt mit oan Wort aussagst. Ranzenberger: Früher, als ich so 17, 18 Jahr alt war, war’s gerade modern, dass man auf jeden Fall nicht in Braunau bleibt. Da hat ma mindestens nach München müssen, auf jeden Fall weit weg von dem Kaff. Die meisten hatten ein gespaltenes Verhältnis zu den Eltern. Viele haben das gemacht, ich hab noch Kontakt mit einigen. Die sind entwurzelt… Ich bin der Meinung, dass dort, wo man sozialisiert ist, wo man die gemeinsame Sprache spricht, dort hast du deine Wurzeln.

Darf man den Begriff Heimat überhaupt noch verwenden in Zeiten der Globalisierung?
Ranzenberger:
Darf man schon. Wenn man ihn nicht verwenden darf, dann wegen dem Strache, dem darf man auch nicht jeden Begriff überlassen. Ich glaube, Heimat braucht jeder, in welcher Form auch immer. Kumpfmüller: Er is halt überstrapaziert, da wird halt ständig mit de Dreschflegeln hineinghaut. Generationen haun mit Dreschflegeln auf den Begriff Heimat hi. Und immer wieder fliagt a Körndl aussa. Aber dös Körndl Wahrheit suachn mia heit nu. Und wann amoi oans drin is, dann kommts zur Spreu, weil ma’s nimma kennan. I hab amal gschrieben: "Dös is oana. Eh ned amal a Lederhosn, aber jeds zweite Wort is Heimat".

Gibt es typische Innviertler Werte? Was macht uns Innviertler liebenswert?
Ranzenberger:
Die Frage ist, ob man nach dem Ideal fragt oder nach dem tatsächlichen Befinden des Durchschnitts. Ich weiß nicht, ob man das in einen Topf schmeißen kann. Ich bin ein Anhänger der kleinen Strukturen. Ich bin Regionalist. Es ist vielleicht nicht der spezielle Innviertler Wert, aber der Charme der kleinen Struktur. Und das haben wir im Innviertel Gott sei Dank. Das sollten wir uns erhalten. Der Eigensinn gehört gefördert. Mein "Onkel Franz" ist ja eine Art Essigwurst-Guerrillero in einer Prosciuttowelt. Man sollte den Widerspruchsgeist wieder ein wenig anstacheln! Kumpfmüller: Wann is auf’n Punkt bring: ‚Spinner’ is a Ehrentitel, oder? Ranzenberger: Sag’s halt glei! Kumpfmüller: Dös is dös Schenste, wann’s dö Spinner nennan, da bist halt anders.

Was ist Ihr Lieblingsbegriff im Innviertlerischen?
Kumpfmüller:
Was mi fasziniert, is da Ausdruck "gach". Dös kann was. I hab in New York zum Taxler gsagt: "Empire State Building, aber gach!" Und i hab ma einbildt, er is auf’s Gas g’stiegn. Ranzenberger: Da gibt’s viele Begriffe. Momentan find ich Sachen schön wie "enter" und "ebbs", weil das heute eine ganz andere Bedeutung hat. "Enter" heißt die Taste mit dem verbogenen Pfeil am Computer und die Jugend hat neue Apps, und "mia ham ebbs Neichs".

Das Feindbild für den Innviertler ist oft der Linzer. Wie schaut für Sie der überzeichnete, karikierte Linzer aus?
Ranzenberger:
Für mich ist das gar nicht so sehr der Linzer. So weit, wie wir Braunauer von Linz weg sind, so ist es umgekehrt auch. Linz ist für uns gar nicht so wichtig. Wir orientieren uns viel mehr nach Salzburg. Wenn wir ein Feindbild brauchen, nehmen wir einen Bayern … Kumpfmüller: Mir is es umgekehrt ergangen. I hab amal g’schriebn: Weid g’nua danöfoan muasst, wannst Dialekt schreibst, dann verstehns di schon. I hab ned wirkli a Feindbild. I brauch mir ned auswärts a Feindbild holn, i hab dahoam g’nua davon.

Und wie schauts mit dem Raufen im Innviertel aus?
Kumpfmüller:
Nimmer g’rauft wird ned deswegen, weil sa sö so lieb hab’n, sondern weil’s mit da Zeit z’teuer wordn is. So a Nasenboabruch geht scho ordentli ins Geld …

Zur Person

Der Hans: Hans Kumpfmüller -  Der Innviertler Mundart-Autor (61) und Fotograf schreibt nach eigenen Angaben in Hoch- und Tiefsprache, hat zahlreiche Gedichtbände veröffentlicht und ist ein Meister der Sprachpointen und der Beobachtung.

Der Klaus - Klaus Ranzenberger (50) ist Friseurmeister in Braunau und Autor des Gastro-Führers „Feinspitz im Innviertel“ sowie des Buches „Der Onkel Franz“, in dem er sich mit der Typologie des Innviertlers auseinandersetzt.

 

Spinnad und Stur
Bild: Furtner

Wirtin Elfi Stranzinger aus Polling im Innkreis hat mit ihrer Gaststube ein altes Stück Innviertler Gemütlichkeit erhalten

 

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