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Literatur

Ein Roman mit Anmerkungen

01. Juni 2019 00:04 Uhr

Ein Roman mit Anmerkungen
Marlene Streeruwitz

Zum neuen Roman von Marlene Streeruwitz gehört auch eine Chronik der politischen Ereignisse von 19. März bis 9. Oktober 2018.

Die Streeruwitz hat sich dazu entschlossen, Details zum Entstehen in den Text einzuarbeiten, denn laut Untertitel handelt es sich um einen "Roman mit Anmerkungen". Gegliedert ist er nicht nach inhaltlichen Gesichtspunkten, sondern nach seinen Entstehungsdaten. Obwohl er keineswegs als Tagebuch fungiert. Am Ende halten 83 mit den Kapitelüberschriften korrespondierende Fußnoten Ereignisse der österreichischen Innenpolitik fest.

Wie das alles mit der von Streeruwitz erzählten Geschichte zusammenhängt, eine Art langer Monolog der 52-jährigen Adele Süttner, die sich ein Sabbatical als Deutschlektorin genommen hat und in Stockholm über die von ihrem Lebensgefährten erfahrenen Enttäuschungen räsoniert, ist schwer zu sagen.

Adele hadert mit ihrem Schicksal, das sie stellvertretend für ihr Geschlecht, ihr Alter, ihre soziale Stellung erleidet. Sie hat sich mit ihrem Geliebten Gustav Jacobsen, ein karrierebewusster deutscher Korruptionsbekämpfer und Steuerfahnder in international relevanter Position, auf ein künftiges gemeinsames Leben eingestellt. Doch sein Satz "Du weißt, dass wir da nicht mehr herauskommen, wo wir jetzt sind. Wir zwei." bekommt schlagartig den Charakter einer Drohung, ein Gefühl von Gefangenschaft, als sie glaubt, Beweise dafür zu haben, von ihm betrogen zu werden.

Der lange, durch extrem kurze, abgehackte Sätze atemlos wirkende Gedankenfluss führt immer wieder zurück in die Kindheit, zum kriegsversehrten Vater und der "perfekten Nazifamilie in der Nachkriegszeit", zu den Züchtigungen, denen der Bruder ausgesetzt war. Vor allem kreisen sie aber um ihre Beziehung zu dem älteren Gustav, in der sie eine Art Inzest sieht, obwohl ihr Partner impotent ist. Wut und Wehleidigkeit bestimmen den Text, in dem Streeruwitz viele Irritationen und Variationen, Fehlleistungen und Stolperstellen eingebaut hat. Wenn im letzten Drittel ein Hermelin eine Hauptrolle übernimmt und Adele sich mittels eines bunten Rocks freiwillig in eine noch größere Außenseiterrolle begibt, driftet die Geschichte in Richtung eines surrealen Albtraums.

Die titelgebende Flammenwand stammt aus Dantes "Göttlicher Komödie", durch sie muss man hindurch, will man ins Paradies. Wo Adele am Ende landet, ist dagegen ungewiss. Immerhin gelingt es ihr im Supermarkt-Hinterzimmer, weggesperrt und getasert, trotz starker Schmerzen an ihr Handy zu gelangen. "‚Wollen Sie wirklich den Notruf bedienen?’, stand auf dem Display. ‚Ja.’, sagte sie laut. ‚Ich will.‘" (whl)

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