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Studium

"Auch ein Priester hat den Wunsch nach Zärtlichkeit"

Von René Laglstorfer  05. März 2020 00:04 Uhr

"Auch ein Priester hat den Wunsch nach Zärtlichkeit"
Michael Rosenberger ist Priester und Professor an der Katholischen Privatuniversität Linz.

LINZ. Michael Rosenberger ist Priester und Professor an der Katholischen Privatuniversität Linz. Er tritt für die Frauenweihe ein und ist gegen den Pflichtzölibat, den er seit 33 Jahren lebt.

Mit 25 Jahren erhielt der gebürtige Würzburger Michael Rosenberger (58) in Rom die Priesterweihe. Er habilitierte sich und hat seit 2002 den Lehrstuhl für Moraltheologie an der Katholischen Privatuniversität der Diözese Linz inne. Im Interview verrät er, wie er seine Sexualität ohne Bruch des Zölibats leben kann, warum das Kirchenrecht geändert werden muss und wo Papst Franziskus "grottenschlecht" argumentiert.

Waren Sie überrascht, dass das aktuelle Papst-Schreiben der erhofften Lockerung des Zölibats und der Frauenweihe so eine deutliche Absage gebracht hat?

Ich war überrascht und auch wirklich enttäuscht. Papst Franziskus hat damit die meisten in der Weltkirche sehr enttäuscht, nicht nur in Europa. Wenn die Bischöfe ihm so ein deutliches Votum geben, dann muss er handeln. Nur zu sagen, ich mach die Tür nicht zu, aber ich geh auch nicht durch, geht nicht. Er ist der Papst und macht das Gesetz. Franziskus hat damit ganz viel Autorität bei den weltoffenen Katholiken verloren, die ihn bisher mitgetragen haben.

Was spricht für die Aufhebung des Pflichtzölibats?

Neben der offenkundigen Doppelmoral die Menschenrechte und das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung. Franziskus wundert sich, warum in seinem Schreiben alle nur auf den Zölibat und die Frauenweihe blicken. Das Problem ist: In diesen beiden Fragen liegt die katholische Kirche quer zum Wertekonsens der Gesellschaft. Das muss er erkennen.

Wie sehen Sie Franziskus’ Argumentation zur Rolle der Frauen?

Die ist theologisch einfach grottenschlecht. Der Papst schreibt, Gott sei in zwei Gesichtern erkennbar, Jesus sei das männliche und Maria das weibliche. Aber Maria kann man nicht mit Jesus auf eine Stufe stellen. Gott erscheint in Jesus in seinen weiblichen und männlichen Zügen. Genau deshalb argumentieren moderne Theologen, dass man das Frauenpriestertum sogar einführen müsste, weil Gott in beiden Geschlechtern zu Hause ist, und da gibt es keinen Unterschied, wie zwischen schwarzen und weißen Priestern.

Sie lehren auch Sexualethik. Wie glaubwürdig ist die Kirche etwa bei der Homosexualität?

Es stimmt, dass es durch den Pflichtzölibat einen höheren Anteil an homosexuellen Priestern (etwa 20 Prozent) als in der Gesamtbevölkerung gibt (sechs bis acht Prozent). Das sagen alle empirischen Untersuchen, die es gibt. Viele Priester meinen, sich durch den Zölibat nicht mit der eigenen Sexualität auseinandersetzen zu müssen und bei einer unreifen Sexualität stehen bleiben zu können. In Deutschland will eine Mehrheit der Bischöfe eine positivere Sexualmoral entwickeln. Franziskus hat das in Amoris Laetitia (Papst-Schreiben 2016, Anm.) schon angedeutet, nämlich das Schöne, die Erotik und die sexuelle Anziehung zu würdigen und nicht gleich alles mit Sünde zu verbinden. Da hat mit Franziskus ein innerkirchlicher Prozess begonnen.

Kann man sich als zölibatär lebender Mensch mit der eigenen Sexualität überhaupt auseinandersetzen?

Klar, so wie jeder Verheiratete auch: Was sind meine Sehnsüchte und wie gehe ich damit um? Jenseits der genitalen Sexualität, die ein Tabu ist, hat auch ein Priester den Wunsch nach Zärtlichkeit. Diesen kann er bis zu einem gewissen Maß in seinem Freundeskreis leben. Ein Priester, der niemanden hat, der ihn umarmt, verkümmert in seiner Persönlichkeit.

Leben nicht viele Priester ihre Sexualität trotz Zölibats und haben sogar Kinder und Familie?

Ja, das ist so. Wenn so viel an Doppelmoral da ist, und das wissen auch die Bischöfe und der Papst, dann braucht es eine Korrektur der kirchlichen Gesetze.

Haben Sie nie mit der verpflichtenden Ehelosigkeit gehadert?

Doch, das habe ich, aber nicht als 25-Jähriger. In den eiskalten Jahren unter Papst Benedikt habe ich mich gefragt, ob ich noch Priester in dieser Kirche sein will, das war eine persönliche Krise.

Warum leben Sie dennoch seit 1987 zölibatär?

Ich halte den Zölibat nicht um des Zölibats willen. Das ist kein Selbstzweck. Für mich war die Frage: Wie kann ich meine Begabung am besten für die Menschen fruchtbar machen? Letztendlich bin ich immer wieder zum Schluss gekommen: als Priester, wobei es momentan aber diese Bedingung gibt.

Werden wir Priesterinnen und einen optionalen Zölibat in der katholischen Kirche noch erleben?

Ich wünsche mir das. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber die Hoffnung habe ich schon. Solche Prozesse kommen oft sehr überraschend, wie der Fall der Berliner Mauer 1989: Noch ein halbes Jahr vorher hätte das niemand für möglich gehalten.

  • Papst-Schreiben: Papst Franziskus befürwortet keine Lockerung der Zölibatspflicht für katholische Priester. Oberösterreichs Katholiken reagierten großteils enttäuscht >> Mehr dazu im OÖNplus-Bericht

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René Laglstorfer

Redakteur Land und Leute

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