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Steyr

Der Pfarrer aus dem Gemeindebau

Von Hannes Fehringer 14. Juni 2019 00:04 Uhr

Der Pfarrer aus dem Gemeindebau
Das Kreuz trägt Ernst Pimingstorfer jeden Tag um den Hals. Jungscharkinder haben es ihm zur Pension geschenkt.

STEYR. Seit 1964 lebt Ernst Pimingstorfer im Hieb. Der Pfarrer hat die Kirche mit den Arbeitern versöhnt und mit Jugendmessen belebt. Jetzt feiert er das 60-jährige Priesterjubiläum.

Die Wohnadresse ist die Arbeiterstraße auf der Steyrer Ennsleite, der Lift im Stiegenhaus ruckelt hoch in den siebten Stock zu einer Wohnung der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft der Stadt Steyr (GWG). Der 83-jährige Pensionist, der dort wohnt, kocht sich aus Polenta, geriebenem Käse und aus der Gefriertruhe aufgetauten Eierschwammerln zum Mittagessen einen fleischlosen Auflauf. Er wäre ein ganz normaler Rentner, wenn er nicht an fünf Wochentagen losfahren würde, um eine heilige Messe zu zelebrieren. Ernst Pimingstorfer, der seit 1964 Pfarrer in der Pfarre des Arbeiterhiebs war, feiert sein diamantenes Priesterjubiläum und bemüht sich seit 60 Jahren jeden Tag seinen Primizspruch "Ich bin bei euch als einer, der dient" menschenmöglich in die Tat umzusetzen.

OÖN: Sie haben als Schichtarbeiter am Band die Arbeitslast in der Fabrik am eigenen Leib verspürt, hatten also viel Verständnis für die Arbeiterschaft. Trotzdem war der Anfang als Pfarrer auf der Ennsleite schwer.

Pimingstorfer: An Sonntagen standen auf dem Gehsteig gegenüber Betriebsräte der Steyr-Werke und schrieben Mitarbeiter auf, die in die Kirche gingen. Die haben dann in der Arbeit Beton bekommen. Grund dafür waren tiefe Wunden aus der Geschichte. Die Arbeiterschaft hat mit viel Mühe und Entbehrung 1932 auf der Ennsleite das Kinderfreundeheim errichtet, das dann nach den Februarkämpfen 1934 enteignet wurde. Nach der Niederschlagung hat die Kirche das Heim übernommen. Dieses erlittene Unrecht grub sich tief in die Erinnerung.

Bei der Abneigung blieb es nicht, weil es von der Pfarre eine einzigartige Aktion gegeben hat.

Wir haben das 50-jährige Gedenken an die Februartage zum Anlass genommen, am 5. Februar 1984 einen Versöhnungsgottesdienst zu feiern, bei dem wir das damals begangene Unrecht einbekannten, und dazu die Sozialdemokraten eingeladen. Landesrat Reichl und Bürgermeister Schwarz waren gekommen. Gebäude und Grundstück waren lange zuvor schon zurückgegeben worden. Das war eine Wende im Verhältnis zueinander, jetzt gehen viele Sozialisten in die Kirche, was keine Besonderheit ist.

Abgesehen vom modernen Gotteshaus mit seinem freistehenden Glockenpult, das 1970 geweiht wurde, machte die Ennspfarre auch Furore durch die "Fio"-Gottesdienste, Urtypus dessen, was man damals zaghaft "rhythmische Messe" nannte.

Dafür waren die Kapläne in der Pfarre mit den Jugendlichen verantwortlich, weniger ich selber. Meine Aufgabe war, diese neue Form der Liturgie, in der die jungen Menschen mit Musik und Texten ihr eigenes Leben in den Gottesdienst einbrachten, zu ermöglichen, in dem ich notfalls den Schutzschirm bildete. Einmal hat uns ein konservativer Kaplan einer Nachbarpfarre in Linz verklampfelt, aber ich habe alles dem Generalvikar erklärt.

Das war von einer Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanischen Konzils getragen. Die ebbte ab – warum?

Leider wurde spürbar, dass die Reformen zurückgedrängt wurden. Von dem Erhofften kam nichts, keine Aufhebung des Pflichtzölibats, kein Frauenpriestertum. Wir in der Pfarre können das leider nicht entscheiden, aber wir können dafür den Boden aufbereiten, dass es endlich doch geschieht.

Wenn man heute auf der Homepage der Ennsdorfer Pfarre nachliest, erfährt man unter "Personelles", dass mit der Theologin Angelika Paulitsch eine Frau die Leitung in der Pfarre innehat.

Ich halte das gar nicht mehr für so sensationell, es gibt schon mehrere Pfarren mit einer solchen Struktur. Ich war zu meiner Pensionierung wirklich glücklich, dass die Pfarre in so gute Hände weitergegeben wurde. Wenn ich bei der Messe aushelfe, bin ich der einzige Mann im Altarraum, weil wir auch überwiegend Mädchen im Ministrantendienst haben. Wir waren ja auch die erste Pfarre, in der nicht nur Buben ministrieren durften. Das hat sich einfach selber entwickelt, ich habe nie ein Machtwort gesprochen und wollte das auch nicht.

Wie feiern Sie das 60-jährige Priesterjubiläum?

Mit einem Gottesdienst am 30. Juni um 9.30 Uhr, das ist der Höhepunkt für mich. Ich werde mich auch mit Altbischof Maximilian Aichern treffen, wir sind Jahrgangskollegen und wurden beide im Jahr 1959 zu Priestern geweiht.

Artikel von

Hannes Fehringer

Lokalredakteur Steyr

Hannes Fehringer
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