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Wirtschaft

Fall der Berliner Mauer ebnete der Währungsunion den Weg

Von Josef Lehner   28. Dezember 2011 00:04 Uhr

Deutschlands Kanzler Helmut Kohl und Frankreichs Präsident François Mitterrand bei einem Treffen 1993.

1970 beschlossen die Mitgliedsstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), binnen zehn Jahren die Währungsunion umzusetzen. Es dauerte 20 Jahre länger und wäre auch dann nicht gelungen, wenn nicht die Berliner Mauer gefallen wäre.

1970 legte der luxemburgische Ministerpräsident Pierre Werner im Auftrag des Europäischen Rates einen Plan zur Währungsunion bis zum Jahr 1980 vor. Erst sollte die Wirtschaftspolitik koordiniert, dann der Kapitalmarkt liberalisiert und die Steuersysteme harmonisiert werden.

Auf Ersterem bestanden Deutschland und die Niederlande, während die anderen Mitgliedsländer die Währungskoordination forderten. Sie standen unter enormem Aufwertungsdruck. Frankreich, Großbritannien, Italien und Irland verließen schließlich den erst 1972 geschaffenen Europäischen Währungsverbund, der die weltweiten Kursturbulenzen in einer gewissen Bandbreite halten sollte.

USA geht Geld aus

Zwei epochale Ereignisse bremsten die europäische Integration. Das war einerseits der ab 1971 einsetzende Zerfall des 1944 im US-Bergstädtchen Bretton Woods geschaffenen Weltwährungssystems (feste Wechselkurse, gelenkt vom mit Gold hinterlegten US-Dollar). Grund waren die riesigen Zahlungsbilanzdefizite. Die USA hatten sich im Vietnam-Krieg finanziell überfordert und streiften die Goldbindung ab, um den Kalten Krieg gegen den kommunistischen Erzfeind weiter finanzieren zu können. Heute sehen das viele Ökonomen als Wurzel des grenzenlosen Gelddruckens und damit als Grundübel der hemmungslosen Schuldenpolitik.

Zweiter Hemmschuh war, dass die Industrieländer wegen der sogenannten ersten Ölkrise in eine wirtschaftliche Agonie verfielen. Ägypten und Syrien hatten im Oktober 1973 überraschend Israel angegriffen, die arabischen Ölexportländer (OPEC) drosselten die Förderung, um den Westen von einer Unterstützung des Judenstaates abzuhalten.

„Das kommt 100 Jahre nicht“

Die Wirtschaft in den Industrieländern brach ein, weil der Ölpreis bis 1975 von drei auf fünf Dollar je Barrel, ein Jahr später auf zwölf stieg (heute rund 100 Dollar). Die Schrittmacher der europäischen Integration mussten improvisieren und schufen 1979 als Übergangsregime das Europäische Währungssystem (EWS). Es sollte zu starke Schwankungen der nationalen Währungen bremsen. Eine Verrechnungswährung wurde geboren: European Currency Unit, kurz ECU.

Das Projekt wurde schließlich vom heute legendären Kommissionspräsidenten Jacques Delors wieder in die Spur gebracht. Den Auftrag gab Frankreichs sozialistischer Präsident François Mitterrand, denn für sein Land war die Stärke der Deutschen Mark eine permanente Demütigung.

 

ECU: Die Europäische Währungseinheit, abgekürzt ECU (European Currency Unit), war von 1979 bis 1998 die Rechnungseinheit der Europäischen Gemeinschaft und Vorläufer des Euro. Der Wert des ECU war durch einen so genannten Währungskorb festgelegt, der mit Hilfe von exakt spezifizierten Mengen der nationalen Währungen der Mitgliedsstaaten definiert war.

Es dauerte aber bis 1988, bis ein Fahrplan erarbeitet war, der in drei Schritten zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion führen sollte. Doch alle rechneten mit dem gewohnt zähen Brüsseler Tempo. „Ich war überzeugt, das kommt frühestens in 100 Jahren“, sagte der mächtige deutsche Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, der Hüter der D-Mark.

Noch einmal funkte die Weltgeschichte dazwischen, als Ende 1989 der reale Sozialismus zusammenbrach und Deutschland vor der Wiedervereinigung mit der DDR stand. François Mitterrand nutzte die Chance, dem christdemokratischen deutschen Kanzler Helmut Kohl als Entgelt für das Ja zur Einheit die Währungsunion abzupressen. Hinter den Kulissen spielten sich ab Dezember 1989 dramatische Verhandlungen ab. Kohl soll an Mitterrand appelliert haben, dass die Deutschen noch nicht reif seien für die Aufgabe ihres Nationalstolzes, der wesentlich von der Erfolgswährung geprägt sei. Der Präsident im Elysée-Palast soll ihm gedroht haben: Wenn sich Deutschland jetzt ohne Zugeständnisse wiedervereinige, stehe es bald so isoliert da wir vor dem Ersten Weltkrieg.

Schicksalhafte Spätherbsttage

2010 wurde in Deutschland heftig diskutiert, ob Kohl seinem Ruf als Wendekanzler die D-Mark geopfert habe. Der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble, der die Verhandlungen zum Einigungsvertrag leitete, konterte: „Einen solchen Handel hat es nie gegeben.“

Der britische Chronist David Marsh: „In den schicksalhaften Spätherbsttagen 1989 waren wichtige Entscheidungen zur Einheit und zur Gemeinschaftswährung verwoben.“ Mitterrand-Berater Hubert Védrine: „Ohne deutsche Zugeständnisse hätte es von Mitterrand kein Ja zur Wiedervereinigung gegeben.“ Bei einem Strandspaziergang, den die beiden Staatschefs im Jänner 1990 in der Nähe von Mitterrands Landsitz am Atlantik bei Latche unternahmen, dürfte die Einigung besiegelt worden sein. Die beiden widersprachen einander ab sofort nicht mehr, ob bei Wiedervereinigung oder Währungsunion.

Morgen lesen Sie:

Der Maastricht-Vertrag.

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