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Innviertel

Abschiedsbrief war schon geschrieben: "Dann legte ich den Schalter um"

Von Reinhard Burgstaller   09. Februar 2019 17:23 Uhr

Abschiedsbrief war schon geschrieben: "Dann legte ich den Schalter um"
Seit 2010 betreibt der Tarsdorfer Ernst Bachmaier intensiv Ausdauersport. 2012 nahm er zum ersten Mal an einem Handbiker-Marathon teil. alle

TARSDORF. Paracycling: Ernst Bachmaier (48) will 2020 bei den Paralympics in Tokio starten

"Mein Abschiedsbrief war bereits geschrieben. Ich wollte so nicht weiterleben. Ich hatte mich Jahre daheim eingesperrt." Anlass für diese Depressionen von Ernst Bachmaier war ein Verkehrsunfall, der den bis dahin vor Tatendrang lebenshungrigen jungen Mann so gut wie unbeweglich machte. "Fünfter, sechster Halswirbel gebrochen" lautete 1996 die niederschmetternde Diagnose der Ärzte. Mit Schaudern erinnert sich Bachmaier an diese Zeit zurück, den als Beifahrer miterlebten Unfall vor Augen, als wäre das Ganze gestern, und nicht vor gut zwanzig Jahren, passiert. Hätten sich er und sein das Auto lenkender Freund nicht noch eine Leberkäsesemmel gekauft, säße er heute nicht im Rollstuhl. "Hätt i, war i" zählen aber heute nicht mehr. Für den inzwischen zum begeisterten Radsportler mutierten 48-Jährigen gibt es nur noch eines, den Blick nach vorne.

Abschiedsbrief war schon geschrieben: "Dann legte ich den Schalter um"
Auf der letzten Etappe der OÖ. Paracyclingtour in Attnang-Puchheim ließ Ernst Bachmaier (vorne Mitte) sogar den amtierenden Weltmeister hinter sich.

Bei der Paracycling WM 2018 in Maniago (I) wurde Ernst Bachmaier Fünfter.
 

 

Trainingszentrum "daheim"

Im zweiten Stock des modernen und Wärme ausstrahlenden Holzhauses – "das hat noch mein Vater gebaut, meine Frau Traudi und ich haben es behindertengerecht ausgebaut" – schaut es aus wie in einem Trainingszentrum für Handbiker. Und genau das ist Bachmaiers neue Welt. Seit er seine Depressionen abgeschüttelt hat, gibt es für ihn sportlich nur noch ein Ziel: "In meiner Klasse weiterkommen." Seine Klasse, die H1, ist jene, in der "die besonders schwierigen Fälle", wie der sympathische Glatzkopf schmunzelnd selbst sagt, antreten. Zum Vergleich: Walter Ablinger aus Rainbach, einer der bekanntesten Handbiker Österreichs und Freund Bachmaiers, startet in H3. "Der Walter ist eines meiner großen Vorbilder. Seine Erfolge und vor allem sein Talent zur Selbstvermarktung sind einmalig", anerkennt der Tarsdorfer neidlos. Das Buhlen um Sponsoren ist "nicht meine Sache". Vor allem, wenn er daran denke, dass bei den Firmen ohnehin jede Menge Bittsteller wie Feuerwehren, Musikkapellen und so weiter anklopfen.

Da spricht er schon lieber über seinen Sport, das Biken beim Paracyclingclub Österreich. Ausgerechnet über Rugby hat Ernst Bachmaier den Weg zum Sporteln im Rollstuhl gefunden. "Siegfried Buchner, inzwischen ein guter Freund, hat mich mehrmals aufgefordert, bis ich endlich bereit war, mein Selbstmitleid über Bord zu werfen." Viele Jahre spielte er ab 2000 begeistert Rugby, um dann – "es war um 2010" – draufzukommen: "Das ist mir zu wenig. Ich möchte intensiv Ausdauersport betreiben." Zwei Jahre später hat er am ersten Handbiker-Marathon teilgenommen und wieder zwei Jahre später Christoph Etzelstorfer aus Linz kennengelernt. "Dann wurde der Schalter endgültig Richtung Leistungssport umgelegt", erinnert sich Bachmaier. Etzelstorfer wurde sein Trainer "und Freund".

Bachmaier ist aufgrund seiner Einschränkungen aber kein Handbiker im herkömmlichen Sinne. Bei dem Unfall wurden nicht nur zwei Halswirbel gebrochen, er hat auch sein vegetatives Nervensystem eingebüßt. Das heißt unter anderem, dass der Tarsdorfer nicht mehr schwitzt und sein Puls über 130 nicht hinausgeht. Auch die Kraft zum Antreiben des Handbikes kommt bei ihm nicht über die Hände, sondern die Ellenbogen. Umso bemerkenswerter ist die Position Bachmaiers in der "Marathon World Ranking List for Handcycling Men Quad", in der er unter 41 Kollegen aus aller Welt Rang zwei (!) einnimmt.

Abschiedsbrief war schon geschrieben: "Dann legte ich den Schalter um"
Bei der Paracycling WM 2018 in Maniago (I) wurde Ernst Bachmaier Fünfter.

Bachmaier mit seinem dreizehnjährigen Sohn, der ihn zu Rennen begleitet.
 

 

Paralympics 2020 als Ziel

Für heuer hat sich der Vater eines dreizehnjährigen Sohnes – "der mich mit meiner Frau Traudi bei vielen Rennen unterstützt" – viel vorgenommen. Nach dem dreiwöchigen Trainingslager im Februar wird es am 6. April bei einem Europacup-Rennen in Massa (I) ernst. Es folgen der Linz-Marathon, diverse Weltcup-Rennen, die WM in Emmen (NL) und mehrere Städte-Marathons. Ganz großes Ziel von Ernst Bachmaier sind aber die Paralympics 2020 in Tokio. Schön wäre es, fände der sympathische Sportler aus Tarsdorf bis dahin einen Hauptsponsor, wofür wir hier Werbung machen, weil Bachmaier selbst zu bescheiden dafür ist.

Abschiedsbrief war schon geschrieben: "Dann legte ich den Schalter um"
Bachmaier mit seinem dreizehnjährigen Sohn, der ihn zu Rennen begleitet.

Auf der letzten Etappe der OÖ. Paracyclingtour in Attnang-Puchheim ließ Ernst Bachmaier (vorne Mitte) sogar den amtierenden Weltmeister hinter sich

 

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