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Reisen

Wo Kram etwas Feines ist

Von Bernhard Lichtenberger 19. Oktober 2019 00:04 Uhr

Wo Kram etwas Feines ist
Die Krämerbrücke, das Juwel von Erfurt, ist die längste mittelalterliche Wohnbrücke Europas.

Das deutsche Thüringen ist mehr als Luther und Weimar. In den Gassen der Erfurter Altstadt und in der quirligen Studentenstadt Jena laden außergewöhnlich kreative Läden zum Schlendern, Gustieren und Entdecken ein.

Vergessen Sie Florenz und seine Ponte Vecchio. Unsere Brücke ist älter, schöner und bunter", sagt Matthias Gose. Der Erfurter Stadtführer im schwarzen Dreireiher schmückt sich nicht mit Bescheidenheit, wenn es um die Krämerbrücke geht. In Bögen umspannt die mit 79 Metern längste, durchgehend mit Häusern bebaute Brücke Europas die durch die Altstadt der Thüringer Metropole plätschernde Gera. Wo im 12. Jahrhundert in hölzernen Buden gehandelt wurde, bilden 32 schmucke Fachwerkhäuser ein nahtloses Spalier für Schau- und Kauflustige, die auf der fünf Meter schmalen, mit Kopfstein gepflasterten Gasse flanieren.

Der Kram, der heute feilgeboten wird, ist ein durchwegs feiner. Wer sich der Brücke vom Wenigemarkt nähert, erliegt sogleich den süßen Verlockungen der Goldhelm-Schokoladen-Manufaktur von Alexander Kühn. Der gelernte Grafiker, der als 16-Jähriger gleich nach der Wende in Australien die Weite der Welt und danach in der Heimat seine Bestimmung suchte, fand diese in seiner Leidenschaft für Genuss.

Als Ein-Mann-Show zog er 2005 ein kleines Geschäft auf, in dem er der dunklen Masse auf einer schlichten Marmorplatte freien Lauf ließ – für den Kauf von Gussformen war er damals nicht flüssig genug. Aus der Not, die den Erstling mit rosa Pfefferkörnern gebar, machte Kühn eine Tugend. Die Tafeln, für die Kakao aus Peru verwendet wird, nehmen sich noch heute wie verronnene Patzen aus und werden, weil keine exakt der anderen gleicht, nach Gewicht vertrieben. Ein Griss herrscht um die handgemachten Pralinen, deren geschmackliche Vielfalt endlos erscheint. Mittlerweile beschäftigt Selbstverwirklicher Kühn 80 Mitarbeiter.

Wo Kram etwas Feines ist
Das im gotisierenden Stil erbaute Hauptpostamt dominiert den Erfurter Anger.

Die Krämerläden laden zum Entdecken ein. Das kulinarische Potpourri im "Thüringer Spezialitätenmarkt" reicht von der Rostbratwurst in der Dose über 22 Sorten Eierlikör bis zu den Gerstensäften der jungen Erfurter Braumanufaktur "Heimathafen". Wen es im Magen zwickt, der nippe am "Aromatique", der Anfang des 19. Jahrhunderts von einem Apotheker als Arznei gegen eine Epidemie ersonnen wurde – und seit 190 Jahren als ein das Wohlbehagen fördernder Kräuterlikör verkauft wird.

Kreative Selbstverwirklicher

Ein paar Türen weiter hat sich Mohne Luhn mit "maboni" eingenistet. Sie stellt biozertifizierte Kindermode bis zum 14. Lebensjahr so gefinkelt her, dass diese über drei Kleidergrößen mitwächst. Für die 38-jährige Schneidermeisterin, die ihre Kollektion von alleinerziehenden Müttern aus der Region fertigen lässt, bedeutete ihr Geistesblitz den Fluchtweg aus einer umweltschädigenden und ausbeuterischen Modeindustrie, der sie nicht weiter angehören wollte.

Kreative Selbstverwirklicher wie Kühn und Luhn findet man in den altstädtischen Gassen von Erfurt, das 35 Kirchen und 150 Brücken zählt, auf Schritt und Tritt. Dazu zählen auch die sogenannten Wächter – künstlerisch begabte Geister, die ihre kleinen Ateliers in leerstehenden Häusern einrichten, die sie damit vor dem Verfall bewahren. Wie Doreén Reifenberger, die sich von der Archäologin zur schöpferischen Töpferin gewandelt hat. Schwalben und zarte Intarsienlinien sind Motive ihrer naturbezogenen Loop-Keramik, an deren Kollektionen auch Restaurants Gefallen finden.

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In einem Erfurter Wächterhaus hat Doreén Reifenberger ihre Bestimmung gefunden.

Beim Schlenkern, wie eine lokale Begleiterin das Schlendern nennt, stößt man auf den Laden von Born-Senf, der 38 Sorten der würzigen Paste führt. Die aus Genua stammende Restauratorin Rosanna Minelli taucht in ihrem "Erfurter Blau" Stoffe und Schals in jene Farbe, die aus einer Pflanze, dem Thüringer Waid, gewonnen wird. In der Straße "Lange Brücke" entfaltet Carolin Pfleger ihren Ideenreichtum: Die Wohnung über "Madame Pflegers Seifenlädchen" dient als Fotostudio, kann von Donnerstag bis Sonntag aber auch von Besuchern für 55 Euro pro Nacht als Unterkunft gemietet werden.

Der in Thüringen omnipräsente Martin Luther hat neben Eisenach auch in Erfurt seine Spuren hinterlassen. Die Universität, an der er ab dem Jahr 1501 studierte, nannte er "meine Mutter, der ich alles verdanke". Vor der Kaufmannskirche, in der er mit einer Predigt einen Konfessionsstreit schlichtete, hat man ihm ein Denkmal errichtet. Stadtführer Mathias Gose geizt auf seiner Tour durch die stimmige Architektur nicht mit Zitaten des Theologen. Vor dem Standesamt entschlüpft ihm ein Spruch, der Luther heute Schelte eintrüge: "Sollte das Weibe auch etwas bitter sein, man muss es ertragen, denn es gehört ins Haus."

Sein loses Mundwerk nahm Luther mit ins Wittenberger Grab. Die dafür vorgesehene bronzene Grabplatte sucht man dort allerdings vergeblich. Dafür muss man sich nach Jena begeben, wo das Kunstwerk nach einem Gezerre um die kurfürstliche Macht letztendlich in der Michaeliskirche landete.

Mit der einnehmenden Atmosphäre, die von der Erfurter Altstadt mit Fischmarkt, Dom und den Fassaden der Bürgerhäuser ausgeht, kann Jena nicht mithalten. "Sehr viel Altstadt haben wir nicht mehr", sagt Gästeführerin Sabine Weiß. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs haben Bomben Historisches vernichtet, auch sozialistisches Bauwesen hat Altes aus der Zeiss-Stadt verdrängt, die das betriebsälteste Planetarium der Welt (seit 1926) beherbergt.

Mehr als 17.000 Studenten durchfluten die von Muschelkalkhängen eingefasste Universitätsstadt mit jungem Leben. Wer auf hippes Straßenessen steht, steht vor allem Schlange – so beliebt sind Pommes, Sandwiches und Currywurst von "Fritz Mitte", das sein Streetfood-Konzept von einem alten Kiosk aus DDR-Zeiten auf einen flotten Salon ausgedehnt hat.

Für den kleinen Verdauungsspaziergang bietet sich das Grün um das Gartenhäuschen an, das Friedrich Schiller drei Sommer lang Inspiration für seine Dichtkunst war. Dort zieht es einen zu dem steinernen Rundtisch, an dem Schiller und Goethe manch kluges Wort unter der Pergola wechselten, und man hofft, in der Luft läge noch Genie, bestenfalls ansteckendes.

Wo Kram etwas Feines ist
Danny Müller, das Bar-Genie aus Jena.

Danny Müller dürfte es jedenfalls erwischt haben. Seit fünf Jahren führt er den "Gastraum Weintanne" als Bar mit kleiner, aber feiner Speisekarte. Müller mixt jeden Cocktail persönlich, 360 Rezepturen hat er im Kopf. "Erzählen Sie mir eine Geschichte und ich bastle den Drink, der zu Ihnen passt", sagt der Autodidakt.

Er hat nicht übertrieben, also: Zum Wohl, Jena!

Tipps

Ausflug: Interaktiv, spannend, überraschend – so verführen die Porzellanwelten in der mittelalterlichen Leuchtenburg nahe Kahla. 600 Exponate, von der größten Porzellanvase der Welt (acht Meter) bis zur winzigsten Teekanne (4x3x3 mm), öffnen die Augen für das „weiße Gold“. Weil Scherben Glück bringen, darf jeder Besucher einen Wunschteller von einer Plattform in die Tiefe werfen. Eintritt: 13,50 Euro

Kulinarik: „Das Ballenberger“, feine Dinnermenüs (4 Gänge/46 Euro), nahe der Erfurter Krämerbrücke; „Fritz Mitte“, hippes Streetfood, zwei Standorte in Jena

Anreise: mit der Bahn um 11.36 Uhr ab Linz direkt nach Erfurt (an 16.02 Uhr)

Info: thueringen-entdecken.deerfurt-tourismus.de, visit-jena.de

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