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Musik

Kopfhörer #49: Jenseits der Schubladen

Von Reinhold Gruber  12. Mai 2021 08:44 Uhr

Imelda May entzieht sich der Schublade und zeigt auf ihrem neuen Album, dass sie auch die Rockqueen sein kann.

Schubladendenker können nie überrascht werden, weil sie sich ausnahmslos von Oberflächlichkeit und vorgefasster Meinung leiten lassen. Umgekehrt werden Schubladen nicht immer grundlos geöffnet.

Ist das noch Schlager? Die Frage darf erlaubt sein. Denn wenn Ben Zucker mit Kraft, Energie und rockigen Gitarren „Guten Morgen Welt“ singt, dann ist man sich nicht so sicher. Aber auch der Schlager wandelt sich, ist vor allem produktionstechnisch heute schon viel mehr Pop als die meisten meinen wollen. Der Deutsche mit der rauen, kraftvollen Stimme und hohem Fanzuspruch schickt mit „Jetzt erst recht!“ sein drittes Album ins Rennen. Mitten in der Pandemie, die ihm, dem Live-Künstler, seine Basis entzogen hat, lässt er halt im Studio Dampf ab, ohne das Herz beiseite zu schieben. Von letzterem gibt es reichlich. Also doch Schlager.

Ben Zucker "Jetzt erst recht!" (Airforce 1)

Einmal noch die Welt mit Kinderaugen sehen. Ein Wunsch, den Chantal Dorn, Schauspielerin und Sängerin, auf ihrem Album „Feuerfest“ formuliert. Ein schöner Gedanke, weil sich darin die Neugier, die Unvoreingenommenheit und die Begeisterung der Jugend beim Blick auf die Welt spiegelt. Und wenn sie zu warmherziger Melodie davon singt, dass es wichtig ist, im Hier und Jetzt zu leben („Es ist immer jetzt“), dann weiß man, dass Dorn keine Rückblickerin ist. Wenn nach Gestern geschaut wird, dann nur aus der Erkenntnis daraus, dass alles für etwas gut ist und den Reichtum der Erfahrung begründet. Seinen eigenen Weg zu gehen – dazu will Dorn ermutigen und tut dies selbst mit großer Überzeugung. Denn Schubladen sind ihr so fremd. Sie ist eine musikalische Grenzgängerin, die stilistisch die Vielfalt lebt und ihre Geschichten großteils mehr wie eine Chansonette denn wie eine Popsängerin erzählt. Zuhören lohnt sich immer.

Chantal Dorn "Feuerfest" (WildWaters)

Vorgefasste Meinungen erschweren das Entdecken. Darum sollte man sich nicht allzu sehr von Schubladen, Kategorien, Klischees und Namen leiten lassen. Auch wenn es immer wieder einmal so ist, dass das Erwartete dann auch eintritt, man sich in seiner Meinung bestätigt sieht, so gibt es auch die Momente, wo man überrascht wird. Imelda May zum Beispiel siedelt man im Blues und Jazz an. Dass sie auch im Pop und Rock Spuren setzt, ist irgendwie neu. Auf „11 Past The Hour“ streicht May diese Seite hervor, gibt die Poprock-Queen („Made To Love“), schwingt sich an der Seite von Niall McNamee zu einer Folk-Sängerin auf („Don’t Let Me Stand On My Own“), blitzt als gefühlvolle Songwriterin auf („Different Kinds Of Love“) und rockt mit Noel Gallagher und Ronnie Wood in „Just One Kiss“, als hätte sie nie etwas anderes getan. Natürlich sind auf dem Album auch die Balladen zu finden, die Songs, die von May erwartbar waren, aber richtig hängen bleiben tut die andere Seite. Das Entdecken lohnt sich und man sollte als Hörer auch mit der Erkenntnis zurückbleiben, dass Grenzen dazu da sind, um zumindest über sie drüber zu schauen. Imelda May hat sich weiter vor getraut, stilistisches Neuland für sich entdeckt, das zu ihr passt.

Imelda May "11 Past The Hour" (Decca)

Bei Paul McCartney braucht man die Schublade nicht. Der Mann ist ein Klassiker, eine Pop-Legende und das hat nicht nur damit zu tun, dass er einer der Fab Four, der Beatles war. Dass der Mann zwar schon längst im Pensionistenalter ist, aber immer noch mit großer Jugendlichkeit im Geist gesegnet ist, verdeutlicht die Cover- und Remixversion seines 2020er-Albums „III“. Auf „III reimagined“ schafft er das Kunststück, seinen eigenen, noch nicht ganz so alten Songs, wieder frische Lebendigkeit einzuhauchen. „The Kiss Of Venus“ entfaltet in der Version mit Dominic Fike gleich noch einmal mehr Glanz, während St. Vincent („Women And Wives“) oder Blood Orange („Deep Down“) McCartney’s Musik in ein trendiges, ein heutiges Soundkleid betten, was vor allem eines zeigt: Dass Sir Paul ein Songwritertalent ersten Ranges ist, einer, der zeitlos zu sein scheint. Und mit Josh Homme („Lavatory Lil“) hat McCartney einen rockigen Bruder im Geiste gefunden. Schön schräg die beiden.

Paul McCartney "III reimagined" (Capitol)

Artikel von

Reinhold Gruber

Lokalredakteur Linz

Reinhold Gruber
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