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Literatur

Über die Zwänge, die Heimat zu verlassen

03. August 2019 00:04 Uhr

Isabel Allendes "Dieser weite Weg"

Historisches Thema, aber brandaktuell: Isabel Allendes Migrationsroman "Dieser weite Weg".

Isabel Allendes Hauptmotiv ist die Migration. Es geht um die Zwänge, deretwegen Menschen ihre Heimat verlassen, um Abschied, Verlust, Ankommen, Neubeginn und Identitätssuche in einer neuen Welt. Auch die Wirren der Politik und der Liebe kommen nicht zu kurz.

Die Autorin ließ sich neben den aktuellen Migrationsdebatten auch von der "Winnipeg" inspirieren, einem Dampfer, auf dem 1939 von Frankreich aus mehr als 2200 Flüchtlinge aus dem vormals republikanischen Teil Spaniens vor den nach drei Jahren Bürgerkrieg im blutigen Siegesrausch befindlichen Truppen des nationalistischen Generals und späteren Diktators Francisco Franco flohen. Organisator dieses Transports war der chilenische Dichter Pablo Neruda, der 1971 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet werden sollte.

Neruda kommt in Allendes Buch vor. So wird es zumindest zum Teil zu einem Schlüsselroman. Denn auch ihr Onkel – der spätere marxistisch-sozialistisch orientierte Präsident Salvador Allende – tritt darin auf, als Schachpartner eines der Flüchtlinge, die in Chile Zuflucht suchen. Im Roman ist das Victor Dalmau, ein Sanitäter und Student, der im Spanischen Bürgerkrieg sogar als Frontarzt zum Einsatz kommt und in Chile nach Beendigung seiner Ausbildung als Mediziner reüssiert. Im wirklichen Leben hieß dieser Mann Victor Pey. Der Journalist und Unternehmer emigrierte tatsächlich auf der "Winnipeg" und gehörte später zum Kreis der Wegbegleiter und Freunde von Salvador Allende.

Salvador Allende wird im Roman wie in der Wirklichkeit 1973 beim von den USA unterstützten Putsch des Rechtsaußen-Generals Augusto Pinochet getötet. Durch den Militäraufstand wird Victor auch das lieb gewonnene Exil-Zuhause zunehmend fremd. Wegen seiner Sympathien für Allende wird er von einer Nachbarin vernadert, in Lagerhaft gesteckt, gefoltert und später neuerlich ins Exil gezwungen. Diesmal nach Venezuela.

Tröstlich und beängstigend

Nach dem Ende der Franco-Diktatur kehren Victor und seine Frau Roser aus ihrem zweiten Exil kurz in ihre frühere Heimat Katalonien zurück, um die Perspektive eines weiteren Neuanfangs abzutasten. Doch sind sie nach 40 Jahren der Verbannung dort einfach nicht mehr zuhause. Also harren sie fortan wieder in Venezuela der Dinge, bis auch Pinochet in Chile zu einer Figur der Vergangenheit wird.

Somit ist der politische Aspekt des Romans ein tröstlicher und beängstigender zugleich. Denn natürlich sind auch (Gewalt-)Herrscher und politische Systeme vergänglich. Es kann sich also immer alles zum Besseren wenden, aber natürlich auch wieder schlechter werden. Mitunter ist das auch eine Frage der Perspektive.

Der gesamte – ebenso stringent wie emotional berührend komponierte und von Svenja Becker virtuos ins Deutsche übersetzte – Roman ist aber auch ein Lobgesang auf die pragmatische Kraft der wahren Liebe. Roser und Victor müssen als Ehepaar zusammenhalten, um sich und das Baby durchzubringen, obwohl sie ursprünglich gar nicht verliebt sind. Eigentlich ist Victors Bruder der Vater von Rosers Sohn Marcel. Er ist aber in der Guerra Civil während der Ebroschlacht ums Leben gekommen.

Die Hochzeit der beiden war eigentlich nur ein wohl kalkulierter Schachzug, um als Ehepaar und Familie leichter einen Platz auf der Winnipeg zu ergattern. Aber die Widrigkeiten, die sie über ein halbes Jahrhundert zusammen überwinden, zeigen ihnen, dass echte Liebe nicht nur aus Leidenschaft geboren wird, sondern vielmehr aus Loyalität, Kameradschaft und den Nöten und Herausforderungen erwächst, denen sich Paare über ihre Lebensjahrzehnte gemeinsam zu stellen haben. (es)

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