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Wir Oberösterreicher

Die Kelten als Kulturträger

Von Von Roman Sandgruber   18. Dezember 2010 00:04 Uhr

Wir Oberösterreicher Kelten

Mit den Kelten verbindet man vieles: von Asterix bis New Age und Halloween, von König Artus bis zu den Druiden. An die 1000 Jahre war unsere Geschichte keltisch geprägt. Aber wer waren diese Kelten?

Bis heute ist es üblich, die Träger der so genannten Latène-Kultur mit den Kelten zu identifizieren. Zwischen 450 und 400 v. Chr. kennzeichneten weitreichende Veränderungen in Mitteleuropa den Beginn einer neuen Kultur. Die Phase der jüngeren Eisenzeit (von 400 bis Christi Geburt) prägte ebenso wie die Hallstattkultur vor ihr sehr rasch ein großes Gebiet.

Der in Mitteldeutschland entstandene Latène-Stil scheint schnell von vielen Menschen angenommen und weiterentwickelt worden zu sein. Charakteristisch wurden Zirkel- und Kreismuster oder fratzenhafte Tier- und Menschendarstellungen. Aber nicht überall, wo latènezeitliche Kulturmerkmale auftreten, musste eine keltische Sprache verwendet worden sein. Und nicht überall, wo Kelten auftraten, gibt es latènezeitliche Funde.

Inzwischen vermuten auch namhafte Forscher, dass schon die Träger der Hallstattkultur den Vorfahren der Kelten zuzurechnen waren. Ab 400 v. Chr. werden diese erstmals als solche fassbar, aufgespalten in viele Völker, Stämme und Gaue. Um 200 v. Chr. gründeten sie auch im ost-alpinen Raum ein Staatswesen – das Königreich Noricum. Die hier siedelnden Stämme, die Noriker und Boier, leben bis heute in den Namen Noricum, Böhmen und Bayern weiter.

Im heutigen Oberösterreich dürften aber nur die Niederterrassen entlang des unteren Trauntals, das nördliche Innviertel, das untere Ennstal und das untere Mühlviertel dichter besiedelt gewesen sein. Am häufigsten waren während der späteren Latène-Zeit kleine Ansiedlungen wie Einzelgehöfte und Weiler. Diese sind noch kaum erforscht, obwohl der Großteil der Bevölkerung dort lebte. Nur wenige Wohngruben und Grubenhäuser sind ausgegraben, in Deising (Bezirk Gmunden), in Obereisenfeld (Wels), in Holzleiten bei Neubau (Linz-Land) oder in Gemering (St. Florian).

Größere befestigte Siedlungen wurden auf leichter zu verteidigenden Höhen errichtet. Auffällig ist die Konzentration solcher befestigter Höhensiedlungen im Raum Linz: am Gründberg nördlich der Stadt am Eingang zum Haselgraben, und südlich der Donau am Freinberg und auf dem Kürnberg. Auf letzterem errichteten die Kelten eine gewaltige Burg. Die gesamte, noch wenig erforschte Befestigung war sieben Kilometer lang.

Schutz durch Zangentor

Die Gründberg-Siedlung, auf drei Seiten steil abfallend, war auf der leichter zugänglichen Nordseite mit zwei rund 500 Meter langen, noch gut erkennbaren Befestigungswällen gesichert. Der Zugang von Norden erfolgte durch ein sogenanntes Zangentor, bei dem die Mauern beiderseits rechtwinkelig nach innen einknickten und so eine enge Torgasse bildeten. Umschlossen wurden damit ein 30 Hektar großes Gebiet, rund 16 zwischen dem Nord- und Südwall, und ungefähr 14 zwischen dem Südwall und den Steilabfällen zum Haselgraben und Höllmühlbach. In der Südwall-Mauer aus Holz, Stein und Erde wurden vier spektakuläre, wohl rituelle Eisendepots entdeckt, bestehend aus Eisenbarren, Waffen, Wagenteilen und Werkzeugen.

Auf dem Freinberg war die Befestigung viel aufwändiger, aber die Siedlungsfläche mit 2,5 Hektar viel kleiner. Man wohnte aber auch außerhalb der Befestigung. Solche Siedlungen erinnern an gallische Wohnorte städtischen Charakters, die Caesar „Oppida“ nannte. Sie schützten im Linzer Fall wohl den wichtigen Handelsweg vom Pyhrnpass über den Haselgraben zu den großen Keltenstädten in Böhmen. Der Schritt zur Stadt mit einer repräsentativen Architektur dürfte bei uns aber nirgends erfolgt sein.

Die größte latènezeitliche Flachlandsiedlung mit gehöftartiger Verbauung wurde im Bereich von Hörsching/Neubau entdeckt. Dort fließt der Hörschinger Bach durch die Welser Heide Richtung Traun. Auf einer Gesamtfläche von mindestens 15 Hektar wurden dort neben reicher Keramik auch rund 500 keltische Münzen gefunden.

Berühmt wurden die Kelten durch das Eisen. Prominentestes Zeugnis hiefür sind die 1997 am Gründberg entdeckten vier Eisendepots mit rund 60 kg Metall und mehr als 40 Einzelstücken wie Schmiedewerkzeuge, Hämmer, Zangen, Amboss, Eisenbarren, Radreifen, Nabenringe, Achsbüchsen, zwei Schwerter, ein Dreispieß, Kesselhaken, Bratspieß und Fleischgabel. Das Eisen war von den Schmieden gekonnt aus verschiedenen Qualitäten zusammengefügt. Die Produkte wiesen für die zweite Hälfte des 2. bzw. die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. einen hohen technischen Standard auf. Gewonnen wurde das Eisen in vielen lokalen Erzvorkommen vom Mühlviertel bis ins Burgenland, vielleicht auch am steirischen und am Hüttenberger Erzberg. Im Salzbergbau hatte der Dürrnberg bei Hallein gegenüber Hallstatt an Bedeutung gewonnen.

Doch hauptsächlich lebten die Kelten von Ackerbau und Viehzucht. Sie kannten neben Emmer, Dinkel, Weizen und Gerste schon Roggen und Hafer, Flachs und Hanf, Erbsen, Linsen, Feldbohnen sowie Färberwaid. Sie hielten Rinder und Schweine, weniger verbreitet waren Schafe und Ziegen. Die Pferde hatten nur eine durchschnittliche Höhe von 1,25 Meter, die Kühe 1,05, die Stiere 1,10 Meter. Hunde waren für die Bewachung und die Jagd wichtig und wurden auch gegessen. Hauskatzen brachten erst die Römer mit. Gejagt wurde alles Wild, das aber zur Deckung des Fleischbedarfs im Unterschied zu den Darstellungen in den Asterix-Heften wenig beigetragen hat. Als Alkohol dominierte das Bier.

Aus dem Mittelmeerraum importierten die Kelten neben hochwertigen Erzeugnissen des Kunsthandwerks Gewürze und den hoch geschätzten, extrem teuren Wein. Keramik und Wagnerei waren hoch entwickelt. Glas erzeugte man bestenfalls für Schmuckperlen. Die Importe wurden mit Fellen, Eisen, Gold und Sklaven bezahlt.

Zeit der Innovationen

Die entscheidenden Veränderungen, die in der Latènezeit auch Mitteleuropa erfassten, waren die Verwendung der Schrift und die Prägung von Münzen, eiserne Pflugscharen, Sensen, Schafscheren und Wagenbeschläge oder eiserne Gelenkzangen. Heiß aufgeschmiedete Wagenreifen wurden üblich, ab dem 2. Jahrhundert eiserne Sporen für die Reiterei. Eiserne Hakenschlüssel für Schubund Fallriegel sowie Federschlösser belegen das gesteigerte Schutzbedürfnis.

Wortstämme

In Namen und Wörtern steckt Keltisches.

Der Name Linz kommt wahrscheinlich vom keltischen Wort „lentos = gekrümmt“. Die Kelten vergaben Ortsnamen gerne nach den Formen der Landschaft: Die Donau „krümmt“ sich bekanntlich um Linz. Keltisch sind auch die Namen Lorch und Wels. Passau hieß auf Lateinisch „Boiodurum“, also „Burg der Bojer“. Dieser Keltenstamm hat den Namen Böhmen (Heimat der Boier) und Baiern (die das Gebiet der Boier Bewohnenden) hinterlassen.

An keltische Herrschaftsstrukturen erinnern das Wort „Reich“ und die Namen Erich, Heinrich oder Richard, die alle vom keltischen „rix = König“ (wie Vercingetorix oder Asterix) ins Germanische einflossen. Die Römer entlehnten das altkeltische Wort für Schwert, altirisch „claideb“ und kymrisch „cleddyf“, als „gladius“. Auch die lateinische „lancea = Lanze“ ist aus dem Keltischen entlehnt, ebenso die deutschen Worte „Senne“ und „Zieger“. Früh übernahmen die Germanen von den Kelten „isarno“ und „iarn“ für „Eisen“, englisch „iron“. Auch unser Segel ist Helmut Birkhan zufolge keltischen Ursprungs und belegt den Techniktransfer.

Sie essen reichlich nach Löwenart

Poseidonios von Apameia (135 – 51 v. Chr.) macht uns mit den keltischen Essgewohnheiten vertraut:
„Ihre Nahrung besteht aus wenig Brot, aber viel Fleisch, das entweder gekocht, auf Kohlenpfannen oder an Spießen gebraten wird. Davon nehmen sie reinlich, aber nach Löwenart, indem sie mit den Händen ganze Glieder hochheben und das Fleisch mit den Zähnen abbeißen … Das Getränk der Wohlhabenden ist Wein, der aus Italien oder aus der Gegend um Massalia eingeführt wird. Dieser ist ungemischt, und nur manchmal gibt man etwas Wasser dazu. Die weniger Begüterten trinken Weizenbier, das mit Honig versetzt ist, aber die meisten trinken das Bier ohne Zutaten.“

Leonding: Menschenopfer

1997 stieß man bei Enzenwinkl/Leonding auf einen seltsamen Fundkomplex aus der jüngeren Eisenzeit: Ein drei Meter tiefer Schacht barg Skelette von zumindest 15 Menschen, zwei Hunden und vier Hasen. Verkohlte Holzreste und Brandspuren an einigen Knochen ließen Ausgrabungsleiter Manfred Pertlwieser vermuten, dass Menschen und Tiere im Feuer starben und dann in den Schacht gestürzt wurden. Der Fund erinnert an antike Texte über Riten der Kelten, bei denen Menschen verbrannt und geopfert wurden.

Julius Cäsar: „Deshalb bringen Leute, die von schwerer Krankheit befallen oder in Gefahr sind, Menschen als Opfer dar. Andere haben Standbilder von ungeheurer Größe, deren aus Ruten geflochtene Glieder sie mit lebenden Menschen anfüllen; dann zündet man von unten an, die Menschen werden von der Flamme eingeschlossen und kommen darin um.“

Ein „Volk“ der Kelten in der Latènezeit?

Die Kelten waren sicher kein Volk nach unserem heutigen Verständnis.
In der jüngeren Eisenzeit bildeten sie vielmehr eine in zahlreiche Stämme, Völker und Gaue gegliederte große Bevölkerungsgruppe. Niemals traten sie als gemeinsame Einheit auf, sondern immer nur als Stämme, Stammesbündnisse und -gruppen. Dass sie an eine gemeinsame Abstammung glaubten, wie Cäsar berichtet, und gemeinsame religiöse Vorstellungen besaßen, ist wahrscheinlich.
Ob allerdings der reiche keltische Götterhimmel auf gemeinsame indoeuropäische Wurzeln oder auf gemeinkeltische Vorstellungen zurückgeht, ist schwer zu entscheiden. Dazu kamen stammesspezifische und regionale Nuancen. Wahrscheinlich kannte man Himmel und Hölle und glaubte an ein Weiterleben nach dem Tode.

Die Kelten galten als ausgesprochen kriegerisch. Die Vorstellungen von ihrer Kampfesweise, bei der sich die Krieger nackt, nur von einem Schild geschützt, mit gezücktem Schwert und bei wilder Musik in den Kampf stürzten („Furor Celticus“), wurde von den Römern geprägt. Aber Schädeltrophäen und Menschenopfer sind archäologisch vielfach belegt.

Von der keltischen Götterwelt und Mythologie, ihrer Sozialstruktur, den Druiden und dem angeblichen Matriarchat gibt es nur unklare Überlieferungen. Einiges dürfte ins Christentum, vieles in Märchen, Sagen und ins Brauchtum eingeflossen sein. Das nun auch bei uns zelebrierte „Halloween“ ist ein Nachklang des keltischen Erntedank- und Totenfestes.

Die Kelten gerieten von mehreren Seiten unter Druck: Vom Süden durch das Römerreich, von Norden und Osten durch germanische Stämme. Auf dem Festland wurden sie zur Gänze romanisiert und germanisiert. Nur wenig erinnert bei uns noch an sie: ein paar Fluss- und Ortsnamen, einige Sprachrelikte und nicht allzu viele Fundstücke in den Museen.

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