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Wir Oberösterreicher

Die Grenze an der Enns

Von Roman Sandruber   03. September 2011 00:04 Uhr

Dass die Enns eine Grenze bildet, reicht zurück bis auf die Zeit der Awaren und wiederum der Magyaren, die ihre Reiche jeweils bis zur Enns nach Westen vorgeschoben haben.

Im ungarischen Märchen liegt das Schlaraffenland jenseits der Enns, „hinter dem Glasberg, hinter dem obderennsischen Meer“. Die Ungarn meinten mit „Operencia“ ein gelobtes Land, das an der Enns begann und sich in unbekannte Fernen nach Westen erstreckte.

Nach der Schlacht auf dem Lechfeld mussten sich die Ungarn zurückziehen. Östlich der Enns bildete sich die Babenbergische Mark. Westlich und entlang der Enns schien sich vorerst in Nord-Süd-Erstreckung von der Donau bis zum Alpensüdrand eines der zahlreichen Passländer abzuzeichnen, die sich überall in den Alpen bildeten, von Savoyen, der Schweiz, Tirol und Salzburg bis eben zu der Steiermark, deren ursprüngliche Erstreckung sich ja im Namengut mit Steyregg an der Donau über den namengebenden Hauptort Steyr bis Leoben und zunehmend weiter nach Süden abzeichnet. Als die Babenberger die steirischen Otakare beerbten, begann sich aus den nördlich der Alpen gelegenen Teilen der Steiermark und den babenbergischen Besitzungen westlich der Enns ein neues Land zu bilden: Österreich ob der Enns.

Über die Enns in die Welt

Die Enns wurde zu Verwaltungsgrenze. Viel wichtiger aber wurde ihre Funktion als Verkehrsachse, entlang der das am steirischen Erzberg abgebaute und entlang der Enns verarbeitete Eisen über den Haupt- und Verlagsort Steyr zur Donau gebracht und weiter in den gesamten nördlichen Raum Europas vertrieben wurde. Zur zentralen mittelalterlichen Wirtschafts- und Verkehrsachse in Österreich wurde die Donau. Der Donau entlang zogen die Kreuzfahrerheere, auf der Donau wurde Wein flussaufwärts nach Westen und Salz, Eisen, Holz … flussabwärts transportiert, nach Ungarn und weiter in den Südosten.

Dieser Landweg in den Orient wurde durch die Osmanen unterbrochen. Ihr Vormarsch wurde schließlich an der Enns gestoppt. Die niederösterreichische Eisenwurzen war die westlichste, von Türken durchstreifte und verheerte Region nördlich der Alpen. 1529 brannten die Türken Amstetten, Neumarkt und Blindenmarkt nieder und zogen über Seitenstetten, Ybbsitz und Waidhofen bis an die Enns. Der Vorstoß konnte an den Ennsübergängen beziehungsweise an der Schanze bei Oberland abgewehrt werden. Im Türkenkrieg von 1532 wurde das unbefestigte Weyer am 9. September in Brand gesteckt, Gleink und Dietachdorf westlich der Enns zerstört.

Auch 1683 fürchtete man wieder einen türkischen Vorstoß in die Eisenregion. Die Schanzen oberhalb von Gaflenz wurden wie schon 1663 verstärkt. Auch in Steyr wurden in aller Eile die Befestigungsanlagen ausgebessert, ein Palisadenwall um Ennsdorf errichtet, Musketen bestellt, ein Pulver- und Lebensmittelvorrat angelegt. Wien konnte 1683 wie schon 1529 erfolgreich verteidigt werden. Einige kleinere Türkenhaufen kamen bis Amstetten, Neuhofen an der Ybbs und in die umliegenden Ortschaften. Der befürchtete Vorstoß bis zur Enns blieb aber aus. Die Türkengefahr war vorbei.

Die Enns behielt im Österreichischen Erbfolgekrieg und in den Napoleonischen Kriegen ihre strategische Bedeutung. 1741 wurde Steyr durch französische und bayerische Truppen besetzt. In den Koalitionskriegen war Steyr dreimal in der Hand französischer Truppen. In der Steyrer Löwenapotheke wurde jener Waffenstillstand vereinbart, der zum Frieden von Luneville führte.

Das Herz der „Donaumonarchie“ blieben die beiden „Österreich“, die Erzherzogtümer ob und unter der Enns. Die Enns war zur Verwaltungsgrenze geworden. Auch die Kirchenorganisation, für die die Enns lange keine Grenze dargestellt hatte, – denn links und rechts des Flusses erstreckte sich die Diözese Passau und das Dekanat Enns umfasste fast den gesamten heutigen Bezirk Amstetten – wurde unter Kaiser Joseph II. diesen Verwaltungsgegebenheiten angepasst. Er machte die Enns zur kirchlichen Grenze zwischen den beiden von ihm neu gegründeten Bistümern Linz und St. Pölten, die er aus dem Gebiet des Bistums Passau herausgelöst hatte.

In der NS-Zeit begann der Ausbau der Enns als Stromlieferant. Auch wenn die Fertigstellung der nach 1938 begonnenen Kraftwerksbauten mit besatzungsbedingten Schwierigkeiten verbunden war und sich bis in die frühen 1950er-Jahre verzögerte, so konnten die vier Kraftwerke Großraming, Staning, Mühlrading und Ternberg dann etwa zehn Prozent der gesamten damaligen österreichischen Stromerzeugung bereitstellen.

1945 schien sich die Grenze an der Enns nochmals zu schließen und der Eiserne Vorhang an diesem Fluss niederzugehen. Die Enns war wieder zum Grenzfluss und zur Zonengrenze geworden. Von wagemutigen Kurieren und verzweifelten Flüchtlingen wurde der eiskalte Fluss durchschwommen, auf den Brücken stauten sich die Personen- und Warenströme: So hatte zum Beispiel in den Abendstunden des 17. Mai 1945 der damalige Medizinstudent Herbert Braunsteiner, der Sekretär von Dr. Felix Hurdes, bei Weyer die Enns durchschwommen, um in Linz mit Bischof Fließer und mit den Exponenten der auch in Oberösterreich in Gründung befindlichen Landesorganisation der ÖVP Heinrich Gleißner, Felix Kern und Josef Zehetner Kontakt aufnehmen zu können.

Bereits im Oktober und November 1944 waren endlose Trecks mit Siebenbürger Sachsen über die Ennser Brücke nach Westen gerollt, dann folgten Karpatendeutsche, und zuletzt, bis 1949, Sudetendeutsche, die nicht in der sowjetischen Besatzungszone verbleiben wollten. In den letzten Kriegstagen überschritt ein Großteil der im westlichen Niederösterreich kämpfenden Soldaten der Heeresgruppe Süd beziehungsweise Heeresgruppe Ostmark unter Generaloberst Lothar Rendulic die Enns, um der Gefangennahme durch die Rote Armee zu entgehen. Bis Anfang August bildete die Enns zwischen der Mündung und Weyer die durchgehende Demarkationslinie zwischen der sowjetischen und amerikanischen Zone. Dann wurde die Zonengrenze von Steyr aufwärts weitgehend der Landesgrenze angepasst.

Enns wurde zur Grenzstadt, zum Nadelöhr zwischen West und Ost. Wer hin und her reisen wollte, musste auf der Bahn oder Straße den Kontrollposten passieren, wurde mit DDT desinfiziert und mehr oder weniger genau gefilzt. Passierscheine, Schlagbäume, Passkontrollen und DDT-Duschen schienen 1945 zur dauernden Einrichtung zu werden. Dass es nicht dazu kam, war auch der konsequenten österreichischen Politik zu danken. Die Einheit Österreichs konnte erhalten und gesichert bleiben. Die Verkehrsfreiheit wurde schon während der Besatzungszeit sukzessive hergestellt. 1953 wurden die Kontrollen beendet. 1955 fielen die Zonengrenzen endgültig.

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