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Wirtschaft

Werner Lampert: Er verhalf Bio zum Durchbruch

Von Josef Lehner   08. Oktober 2016

Er verhalf Bio zum Durchbruch
Werner Lampert

In anderen Ländern gibt es Bio-Produkte großteils in Fachgeschäften, in Österreich in jedem Supermarkt – ein Verdienst von Werner Lampert. Er wurde gestern 70 Jahre alt – und will noch 20 Jahre weitermachen.

OÖNachrichten: Ist Ihr Aussehen Programm? Urtümlich, bodenständig…

Werner Lampert: Nein, den Bart habe ich schon seit meinem 28. Lebensjahr.

Beim Start von "Ja! Natürlich" waren sie fast 50. Wie kam das?

Wilhelm Molterer war damals Minister und hat die Bio-Landwirtschaft sehr gefördert. Es hat relativ viele österreichische Bio-Lebensmittel gegeben, aber keinen Markt. Da war ein Dutzend Naturkostläden, und das war’s. Ich hatte die Sorge: Wenn es nicht gelingt, auf der Vermarktungsseite etwas auf die Beine zu stellen, wird es mit der Bio-Bewegung schnell ein Ende nehmen. Der damalige Billa-Merkur-Chef Karl Wlaschek hat das "Ja! Natürlich"-Konzept angenommen und gesagt: Wenn es bis Weihnachten nicht läuft, sind Sie weg! Ich hatte vom Markt keine Ahnung, wusste aber: Es wird ein Riesenerfolg.

Seit zehn Jahren läuft bei Hofer ihr "Zurück zum Ursprung". Was ist da so besonders?

Meine Vorstellung war, man muss Bio auf eine andere Ebene heben. Es hat neben biologisch den ganz ernsthaften Anspruch der Nachhaltigkeit und diese qualitative Regionalität. Wir versuchen z.B. mit den Bauern und den Zuchtverbänden die Milchleistung der Kühe herunterzubringen, also beim Leistungswahn einen Schritt zurück zu gehen. Und das Genialste: Alles ist transparent. Die Konsumenten können das Produkt bis zum Bauern nachverfolgen. Eine authentische Regionalität funktioniert nur mit totaler Transparenz. Jegliche Anonymität versuchen wir zu unterbinden. Dafür gibt es zwei Gründe: Jeder Bauer sieht, dass seine Arbeit ganz wichtig ist. Jeder Konsument hat die Möglichkeit, sich zu verankern. Kein Produkt wird durch die Welt geschaukelt.

Wenn ich bei Hofer in Oberösterreich Bio-Trinkmilch kaufe, erhalte ich Kitzbühler Alpenmilch. Es ist doch ökologischer, zur konventionellen Milch der Eigenmarke Milfina zu greifen, weil die ist von der Gmundner Molkerei?

Tatsache ist: Die Landwirtschaft steht global – also inklusive Soja und andere Futtermittel – für ein Drittel der Klimabelastung. Regionalität sollte nicht auf Transportwege reduziert werden. Die Trinkmilch kommt bei "Zurück zum Ursprung" aus Kitzbühel, Murau und dem Pinzgau, weil ich mich bewusst für diese Bergbauernregionen engagieren will. Wir müssen die Landwirtschaft in den Bergen erhalten, fördern und ihre Produkte zu den Konsumenten bringen. Wir haben aber auch Produkte von Mühlviertler Bergbauern: Joghurt, Buttermilch, Topfen. Wir arbeiten mit ihnen an einem Trinkmilchprojekt. Es fehlen noch die Mengen.

Die Bauern erhalten bei Ihnen Langzeitverträge, damit sie planen können.

Die Firma Hofer hat 2012 mit den Heumilchbauern Verträge bis Ende 2020 gemacht. Das ist nicht nur wichtig für die Planbarkeit, sondern dass Qualitätsarbeit möglich ist. 100 Prozent unserer Viecher sind während der Vegetationsperiode auf der Weide. Da gibt es von Konsumenten immer wieder Anrufe, und wir prüfen das nach.

Das Erfreuliche für die Konsumenten sind günstige Preise.

Da müssen wir uns zehn Mal bei Hofer verbeugen. Wir können den Bauern gute, sehr gute Preise bezahlen, weil Hofer die Infrastruktur gut im Griff hat. Es besuchen uns immer wieder deutsche Bio-Verbände, die fragen: Wie macht ihr das?

Sie sind heute der Bio-Papst. Bio klappt in Österreich. Kritiker sagen, eine wachsende Menschheit kann wegen geringerer Erträge nie biologisch ernährt werden.

Zwei Aspekte: Wenn wir nur noch halb so viele Lebensmittel wegschmeißen als heute und wenn wir den Fleischkonsum halbieren, dann kann Bio-Landwirtschaft die Menschheit ernähren, auch eine wachsende. Wir werden unseren Fleischkonsum, wenn wir unsere Welt erhalten wollen, sicher sehr einschränken müssen. Übrigens werden nach wie vor 60 bis 70 Prozent der Weltbevölkerung von Kleinbauern ernährt.

Denken Sie an den Ruhestand?

Nein, ich habe das Konzept, noch 20 Jahre zu arbeiten – wenn es der Herr zulässt. Ich habe bei einer Ayurveda-Kur in Indien einen Herrn mit 92 kennengelernt. Er hat eine große Geistigkeit ausgestrahlt und im Schritt eine große Irdigkeit. Er hat gesagt, seine Kinder würden sein Unternehmen in Mumbai nicht übernehmen. Deshalb warte er auf den Enkel. Der sei erst 18 und brauche noch ein Studium und einige Jahre Praxis. Deshalb werde er noch zehn bis zwölf Jahre in der Firma bleiben.

Werden Ihre Kinder übernehmen?

Meine beiden Töchter werden das nicht. Ich habe aber unglaubliches Glück, dass ich in der Firma so großartige Mitarbeiter habe. Ich habe das Unternehmen sehr autoritär geführt. Es war wahnsinnig schwierig, gute Mitarbeiter zu bekommen, weil ich hohe Anforderungen stellte. Vor vier Jahren habe ich mir gesagt: Eine patriarchalisch geführte Firma ist kein Zukunftsmodell. Ich habe ein Nachhaltigkeitsmodell und führe die Firma vorgestrig. Dann habe ich zwei Mitarbeiter zu Geschäftsführern gemacht, und ich lasse ihnen große Freiräume. Alle haben gedacht, das werde ich nie schaffen. Es ist mir leicht gefallen. Seither kommen sehr gute Leute zu uns. Sie wissen so viel, engagieren sich. Es ist für mich jeden Tag eine Freude, in die Firma zu kommen. Das ist das größte Glück, wenn man 70 wird.

 

Karriere begann mit 50

Der gebürtige Vorarlberger Werner Lampert hat einen der ersten Wiener Bio-Läden geführt und einen Großhandel mit Bio-Lebensmittel betrieben, als er an die Handelskette Merkur im Oktober 1994 mit dem Plan eines Bio-Sortiments herantrat. "Ja! Natürlich" wurde ein riesiger Erfolg.

Nach elf Jahren trennten sich die Wege von Lampert und dem Handelskonzern, der mittlerweile der deutschen Rewe-Genossenschaft gehörte. Der Bio-Pionier hatte neue Ideen und erhielt 2006 vom Management des Diskonters Hofer das Vertrauen. Es war eine Europa-Premiere, dass ein Tiefpreis-Anbieter ein hochwertiges Bio-Sortiment startete – "Zurück zum Ursprung". Heute hat es mehr als 400 Produkte.

Die kleinstrukturierte Landwirtschaft zu bewahren, vor allem den Bergbauern eine Überlebenschance zu geben: Das war und ist der Antrieb für Lampert. So verhalf er der Heumilch zum Erfolg, die von den Silofutter-Betrieben verdrängt worden wäre. Mehr als 4000 Bauern und rund 120 Verarbeitungsbetriebe erzeugen die "Zurück zum Ursprung"-Produkte.

Lampert Beratungs GmbH heißt Werner Lamperts Firma in Wien, die mit rund 20 Beschäftigten den Kontakt zu den Bauern, den Verarbeitern und Hofer hält. Produktideen werden entwickelt, das Einhalten der Auflagen überwacht und die Datenbank verwaltet, in der die Herkunft aller Produkte verfolgt werden kann.

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