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Society & Mode

Corona-Mode: Es wird immer lässiger

Von Valerie Hader  20. Januar 2022 00:04 Uhr

Die Jogginghose dominiert das Straßenbild.

Morgen ist Tag der Jogginghose: Die Pandemie prägt die Art und Weise, wie wir uns kleiden. Doch wie viel Bequemlichkeit ist zulässig, wie viel Lockerheit erlaubt?

Karl Lagerfeld würde sich wohl im Grab umdrehen. Der Designer, der im Februar 2019 verstarb, gilt als größter Verächter von Jogginghosen, sein Spruch: "Wer die in der Öffentlichkeit trägt, hat die Kontrolle über sein Leben längst verloren" ist legendär. Und dann das: Seit fast zwei Jahren begleiten uns Jogginhosen durch die Krise – und sind längst auch auf der Straße und in den Büros angekommen.

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Doch auch abseits der Jogginghose, der übrigens morgen, am 21. Jänner, ein Ehrentag gewidmet ist, hätte Corona viele Dresscodes einfach weggewischt. "Es gibt heute vielfach kein Richtig oder Falsch mehr", sagt der Linzer Modeschöpfer Emanuel Burger.

Sogar die strenge Vogue-Chefin Anna Wintour mag’s – zumindest im Homeoffice – gemütlich.

Krawatten sind verschwunden

Besonders in der Männermode würde sich das bemerkbar machen: Krawatten sind fast verschwunden, Hemden werden durch Poloshirts ersetzt und Lederschuhe durch Sneakers. Und nicht zuletzt hätte die Pandemie die Jogginghose auf eine gewisse Weise "salonfähig" gemacht.

"Früher eine absolute Modesünde, ist sie mittlerweile auch in den Büros und der Geschäftswelt angekommen. Und das bei weitem nicht nur bei jungen Menschen, sondern auch in der Generation 50 plus" sagt Burger, der ein Atelier in Linz betreibt. In der Corona-Zeit sei Bequemlichkeit noch wichtiger geworden. "Und die sind wir mittlerweile so gewohnt, dass wir sie wohl auch so schnell nicht mehr aufgeben werden", sagt Burger. Was die Jogginghose aber nicht unbedingt besser macht. "Natürlich gibt es heute schon edle Teile aus Kaschmir und sogar mit Bundfalten, dennoch sind sie für mich persönlich ein No-Go bei der Arbeit." Denn eines sei auch klar – und das merke er an sich selbst: "Ein Tag fühlt sich viel besser an, wenn ich mir etwas Gescheites anziehe – da habe ich viel mehr Elan."

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein kam in Sneakers zur Angelobung

Genauso sieht das Marketing-Chefin Alexandra Rochelt von der Sparkasse Oberösterreich. Während Kleidung in kreativen Berufen legerer sein darf, sind die Regeln in formellen Branchen – wie etwa bei Banken – streng.

"Für uns ist der erste Eindruck enorm wichtig. Wir wollen gepflegt und seriös auftreten", sagt Rochelt. Spaghettiträger, bauchfreie oder transparente Oberteile seien absolut Tabu – genauso wie Jogginghosen. Das gelte nicht nur im Kundenkontakt, sondern auch bei Meetings mit Kollegen. "Denn das Outfit wirkt ja nach innen. Es heißt ja nicht umsonst, Kleider machen Leute", sagt Rochelt. Ein Zugeständnis hat das Unternehmen allerdings gemacht: Seit Sommer 2019 haben die Mitarbeiter die Wahl, ob sie Krawatte tragen möchten oder nicht. Der Großteil verzichte übrigens darauf. "Und zwar ohne Bedauern."

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Megatrend Nachhaltigkeit

  • Weniger Glitzer: In den vergangenen Jahren haben sich die Ansprüche an die Mode verändert. „Glitzern ist weniger wichtig – viel größere Bedeutung hat das Thema Nachhaltigkeit bekommen“, sagt Emanuel Burger.
  • Weniger Konsum: „Die Leute haben gesehen, dass sie gar nicht so viel zum Anziehen brauchen, und achten mehr auf Qualität. Außerdem interessieren sich Konsumenten dafür, wo Kleider herkommen und wie sie produziert werden“, so der Designer. Der Megatrend werde uns wohl auch viele Jahre begleiten.
  • Bequemlichkeit bleibt: „Natürlich werden wir, wenn es wieder Bälle oder Veranstaltungen gibt, Lust haben, uns aufzubrezeln und in Schale zu werfen“, sagt Emanuel Burger. „Doch auch wenn die Jogginghose eines Tages wieder aus dem Stadtbild verschwunden sein wird – der Wunsch nach Bequemlichkeit im Alltag, der wird wohl bleiben.“

Drei Fragen an Astrid Jorda

Astrid Jorda, Psychologin am Institut für Psychotherapie am Neuromed Campus im Kepler Uniklinikum

In der Coronakrise hat sich die Beliebtheit der Jogginghose noch einmal vervielfacht. Was sagt das über uns aus?

Astrid Jorda: Es ist ganz natürlich, dass wir es uns in ungemütlichen Zeiten gemütlich machen wollen. Allerdings sehe ich das auch kritisch, denn der Grat zwischen Bequemlichkeit und Vernachlässigung ist schmal. Es besteht die Gefahr, dass man schnell in eine „Ist eh schon wurscht“-Schiene abgleitet.

Es besteht also das Risiko, sich gehen zu lassen?

Wenn man nur noch in der ausgebeulten Jogginghose herumläuft, die vielleicht auch noch Flecken hat vom Kochen oder den Kindern, dann ist das ein Zeichen, dass man sich selbst nicht wert genug ist, frisch und gepflegt zu sein. Das hat auch viel mit Selbstachtung und Selbstfürsorge zu tun.

Die Jogginghose verändert also unser Selbstbild?

In gewisser Weise. Natürlich ist es okay, wenn man es daheim privat bequem haben will. Aber man sollte das nicht vermischen. Jeder von uns hat auch öffentliche Rollen, unterstrichen durch Kleidung: der Vater, der zum Elternabend geht, der Kollege im Büro, der Arzt, der Patienten empfängt. Fragen Sie sich einfach, wie Sie in solchen Situationen wirken wollen

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Valerie Hader

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