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Innviertel

Sie hat die Rehe im Blick

Von Monika Raschhofer  04. Dezember 2021 08:00 Uhr

Jägerin Michaela Stempfer auf ihrem Hochstand in ihrem Revier in Höhnhart.

HÖHNHART. Mit Jägerin Michaela Stempfer im Revier unterwegs.

Sie wuchtet noch einen Sack Wildfutter in den Kofferraum, dann fährt sie los. So gut wie jeden Tag macht Michaela Stempfer diese Runde durch ihr etwa 150 Hektar großes Revier, das an Saiga Hans und Aspach grenzt. Hügelig und kurvig ist die schmale Asphaltstraße. Wer hier unterwegs ist, zu Fuß oder mit dem Auto, den kennt die erst 27-jährige, begeisterte Jägerin, die in Höhnhart aufgewachsen ist. "Nein, niemand in meiner Familie", stellt sie klar, dass ihr diese Leidenschaft nicht in die Wiege gelegt wurde.

"Eine Lebenseinstellung"

Das Fischen habe sie schon früh interessiert. Mit ihrem auch nicht vorbelasteten Freund Markus Prader aus Roßbach hat sie übers Jagen geredet – und ein Jahr nach ihm die Jagdprüfung gemacht. "Das ist nicht einfach ein Hobby. Das ist eine Lebenseinstellung", sagt sie. Wald, Wiesen, Felder, Schottergrube – ihr Revier ist vielfältig. Es gibt Rehe, Hasen, Füchse, Krähen. Fasane und Rebhühner auch, die werden aber in der Gemeindejagd Höhnhart nicht geschossen, um den Bestand zu erhöhen.

Für das Niederwild wurden Hecken gepflanzt. Hirsche gibt es nicht, Wildschweine hat sie heuer nur einmal gesehen. 23 Jäger sind in den zwölf Revieren im Gemeindegebiet unterwegs. Die Straße führt bergab, Michaela Stempfer fährt langsam – und hält an. Am Hang zwischen zwei Waldstücken sind sechs Rehe zu sehen. Die Jägerin kurbelt das Autofenster hinunter, nimmt das Fernglas. Im Jagdauto hat sie alles, was sie braucht, vom Wasser bis zum Messer. 25.000 Euro hat sie für die Ausrüstung bisher bezahlt.

Die Jägerin weiß, wo sich die Rehe aufhalten.

Wild gewöhnt an Fahrzeuge

Fahrzeuge sei das Wild gewohnt, erklärt sie. Und wirklich: Die Rehe bleiben, sie äsen weiter. Erst als sich in einiger Entfernung ein Fußgänger zu rasch bewegt, fliehen sie in den Wald. Die Forststraße führt auf eine Anhöhe. Hinter den ersten Bäumen ist die Fütterungsstelle. Stempfer öffnet das Dach der Krippe, klemmt eine Latte ein und holt den Sack aus dem Kofferraum. Sie entleert ihn und verteilt das artgerechte Futter, das sie selbst kaufen muss, gleichmäßig. "Wir müssen das Wild in der Notzeit füttern, das ist uns Jägern vorgeschrieben", erklärt sie. Man müsse bald damit anfangen, nicht erst, wenn’s geschneit hat, damit sich die Mägen der Tiere langsam an die neue Nahrung gewöhnen, sonst reagieren sie mit Übersäuerung. "Damit die Rehe gesund und die Verbissschäden gering bleiben", begründet sie die Pflicht zur Fütterung und überprüft noch die Lecksteine.

Bei der Futterstelle. Das Futter besorgt die Jägerin selbst...

In einem Waldstück fährt Michaela Stempfer an einer Familie mit Hund vorbei. Ja, er ist angeleint, sieht sie sofort und ist zufrieden. Seit heuer ist sie auch Jagdschutzorgan, hat die entsprechende Ausbildung und Prüfung absolviert und darf bei Verdacht Personen kontrollieren. Auch über die ordnungsgemäße Durchführung der Jagd hat sie Aufsicht.

Skischanze als Hochstand

Es wird dämmrig. Zeit für den Hochstand. Es gibt einen sehr besonderen in ihrem Revier, die Skischanze. Dort darf sie hinauf, doch heute geht es mitten durch einen Bauernhof zum neuesten Hochstand. Gewehr – es könnte ja ein Fuchs kommen –, Fernglas und Spektiv nimmt sie mit auf die Aluleiter, öffnet die Tür, steigt über das Brett, das als Bank dient, öffnet die Holzkippfenster nach allen drei Seiten.

Auf in den Hochstand.

Ja, leise reden geht, wichtiger als Stille ist, dass der Wind von vorn kommt und das Wild einen so nicht gleich riechen kann. Es dauert. Es ist nun schon ziemlich dämmrig. Ihre geübten Augen erspähen dennoch die drei Rehe in der Schottergrube, die langsam Richtung Feld wandern. Durchs Spektiv erkennt sie eine Rehgeiß, ein männliches und ein weibliches Kitz. Und dann kommen von weiter unten, so wie fast jeden Abend, vier Rehe aus dem Wald, das sind die sieben, die Michaela Stempfer erwartet hat. Sogar einen Hasen erkennt sie, doch der verschwindet gleich wieder im Unterholz.

Mittlerweile überwiegt die Dunkelheit, doch zum Schießen würde das Restlicht noch ausreichen und die Entfernung würde jetzt passen, flüstert Stempfer durchs Spektiv blickend, das sie ganz ruhig hält und am Fensterrand abgestützt hat. Einen Bock aus dieser Gruppe hat sie heuer schon erlegt. Trophäen müssen dem Jagdleiter der Gemeindejagd, Martin Erhart, vorgelegt werden.

Die Jagd als Urinstinkt

Das Wildbret gehört den Jagdpächtern. "Es ist ein hochwertiges Lebensmittel, gesund, mit vielen Omega-3-Fettsäuren, ohne Stresshormone und ohne Transportwege", gerät Michaela Stempfer ins Schwärmen. Die gelernte Bodenlegerin verarbeitet an ihrem jetzigen Arbeitsplatz, Helis Hofmetzgerei in St. Johann, auch Wild. Sie hat bereits viel Erfahrung und möchte noch den Lehrabschluss als Metzgerin machen. Und weiterhin täglich ins Revier: "Die Jagd gibt’s ewig, das ist ein Urinstinkt."

Artikel von

Monika Raschhofer

Lokalredakteurin Innviertel

Monika Raschhofer

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