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Ludwig Hirsch: „Wir befinden uns im Fegefeuer“

Ludwig Hirsch hat immer das Leben im Visier, wenn er seine Gedanken zu Papier bringt, in Lieder gießt. Das tut der Schöpfer der dunkelgrauen Lieder seit mehr als drei Jahrzehnten. Intensiv, tiefgehend, ehrlich. Er blendet nicht aus, worüber oft geschwiegen wird. So hat auch der Tod, das Abschiednehmen immer einen Platz in seinen Texten gefunden. Ein Gespräch über das Leben.

„Wir befinden uns im Fegefeuer“ Liedermacher Ludwig Hirsch über den Herbst, das Leben, die Menschen, das Zuhören und die Momente, die man genießen sollte

Ludwig Hirsch freut sich, wenn ihm die Menschen zuhören. Bild:

OÖN: Warum ist der Herbst die Zeit, in der wir nachdenklicher werden und uns offenkundig mehr Gedanken über das Leben machen?

Hirsch: Weil die Sonne langsam verschwindet. Weil es kalt wird. Weil der Schnee bald kommt. Das dauert jetzt wieder eine lange Zeit, bis alles wieder blüht, der Frühling kommt, es wärmer wird. Deshalb, glaube ich, machen sich die Menschen mehr Gedanken.

OÖN: Glauben Sie, dass man in so einer Zeit empfänglicher dafür ist, auch über sich selbst und seine Position im Leben nachzudenken?

Hirsch: Ich glaube, das macht jeder für sich individuell, so wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Aber ich könnte mir schon vorstellen, dass man, wenn es am Nachmittag finster wird, ein wenig mehr in sich geht und herumgräbt und wühlt.

OÖN: Haben Sie Ihre Texte und Lieder auch in diesen dunkleren Phasen geschrieben?

Hirsch: Nein, ich schreibe rund um die Uhr. Es gibt sicher Lieder, die ich im Sommer geschrieben habe. Ich kann mich erinnern, dass ich das ganze Album „Landluft“ im Sommer in der Steiermark geschrieben habe. Nein, die Jahreszeiten haben nie einen Einfluss auf mich gehabt.

OÖN: Sie haben eine ganze Generation auch junger Menschen mit den dunkelgrauen Liedern geprägt, dass man in einer Zeit, in der man sich unsterblich fühlt, über die Endlichkeit des Lebens nachgedacht hat. Diese Lieder haben Bestand. „Komm großer schwarzer Vogel“ etwa hat heute die gleiche Gültigkeit wie vor 30 Jahren, als es entstand, oder?

Hirsch: Ich glaube schon. Es wäre schön, wenn mir heute wieder so etwas einfallen würde, das über die Jahre nichts an Gültigkeit verliert.

OÖN: Wissen Sie noch die Grundidee für „Komm großer schwarzer Vogel“?

Hirsch: Ich hatte eine Freundin, die mit anderen Freunden beim Heurigen war. Auf dem Heimweg hatte sie einen Unfall und war vom Kopf abwärts gelähmt. Sie lag im Spital, an Schläuchen angeschlossen und konnte sich nicht bewegen. Irgendwann ist es ihr zu viel geworden und sie hat versucht, sich mit dem Mund die Schläuche aus dem Leib zu ziehen. Sie ist daran nicht gestorben, sondern erst kurz später einer Lungenentzündung erlegen. Aber sie wollte mit dieser Aktion ein Ende machen. Das hat mich zu diesem Lied inspiriert.

OÖN: Ist dieses „Auf in eine bessere Welt“, das Sie in dem Lied besingen, eine schöne Vorstellung für Sie, wenn Sie an die Freundin denken, oder ist das nur eine Beruhigungspille für uns, die wir dableiben?

Hirsch: Na ja, ich habe ihr ja nicht die Daumen gehalten, dass sie irgendwo ist, wie ich das geschrieben habe.

OÖN: Wenn Menschen auf Sie zukommen und Ihnen zu verstehen geben, wie wichtig Ihre Lieder für sie in bestimmten Lebenssituationen waren, erfüllt Sie das mit einer Befriedigung?

Hirsch: Befriedigung nicht. Ich würde sagen, ich freue mich dann, dass sie mir zuhören. So ist es ganz einfach.

OÖN: Aber die Menschen nehmen ja etwas mit. Sie haben ihre eigenen Geschichten zu Ihren Liedern, oder?

Hirsch: Da mache ich mir keine Gedanken darüber, was sie mitnehmen. Ich freue mich, dass sie ganz genau zugehört haben.

OÖN: Wenn sie genau zugehört haben und daraus neuen Lebensmut fassen, dann ist das doch etwas Schönes?

Hirsch: Natürlich ist das so.

OÖN: Wo fassen Sie Lebensmut?

Hirsch: Bei meiner Familie. Bei meiner Arbeit auch, nicht immer, aber oft. Aus dem, was rund um mich ist. Egal was, egal wie.

OÖN: Kennen Sie Momente, in denen Sie es wirklich genießen, so leben zu können, wie Sie es tun?

Hirsch: Ja, wenn ich irgendwo hinfahre, etwas Neues anschaue. Wenn man in eine neue Idee, in eine schöne neue Umgebung hineinfällt, hineinrutscht. Ob das jetzt ein Urlaub in Venedig ist oder wenn man mit netten Menschen zusammensitzt und es entsteht eine gute Atmosphäre. Da spüre ich dann schon, dass das ein Moment zum Genießen ist.

OÖN: Verstärkt sich das, je älter man wird?

Hirsch: Nein. Das war bei mir schon immer so und das wird auch immer so bleiben.

OÖN: So gesehen sind Sie ein Genussmensch?

Hirsch: Wenn es sich ergibt.

OÖN: Wenn man sich anschaut, was sich derzeit in der Welt tut, hat man das Gefühl, nur von negativen Dingen umgeben zu sein. Wird Ihnen beim Nachdenken über diese Welt nicht manchmal angst und bange?

Hirsch: Wissen Sie, was ich mir manchmal denke? Wenn es wirklich ein Fegefeuer geben sollte, dann befinden wir uns jetzt im Fegefeuer.

OÖN: Gibt es einen Weg heraus, müssten wir nicht zurückkehren zu einer Wertigkeit im Leben?

Hirsch: Na ja, ich glaube, die wird sich nicht so schnell ergeben. Ich glaube, es geht uns besser drüben dann, wenn man das Leben halbwegs gut über die Runden gebracht hat. Gut meine ich unter Anführungszeichen. Ich glaube, dann kommen wir in den Himmel rein, in eine neue Zeit, in eine neue Welt – genauso wie es in dem Lied heißt.

OÖN: Bedauern Sie junge Menschen, dass sie in dieser Welt ihre Chancen finden müssen?

Hirsch: Nein. Die schupfen das schon. Ich beobachte meinen Sohn, den Moritz, der schupft das Leben schon. Natürlich gibt es manchmal Hürden und Hindernisse. Das ist dann das Fegefeuer. Da muss man drüber, so gut es geht.

OÖN: Haben Sie das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft das Gegeneinander wichtiger geworden ist als das Miteinander?

Hirsch: Das kann schon sein, aber im Moment habe ich so eine Isolationsphase. Im Moment bin ich froh, wenn ich meine Ruhe habe. Wenn das dann wieder losgeht, ändert sich eh wieder alles.

OÖN: Ist dieser Wille zur Ruhe eine Form von Auszeit für Sie persönlich?

Hirsch: Das ist die Zeit, wo ich in mich steige. Wo ich anfange, über eine neue CD, neue Lieder, neue Geschichten nachzudenken. Da bin ich in mir drinnen und da habe ich es nicht so gerne, wenn man bei mir anklopft.

OÖN: Bei diesem Hineinsteigen finden Sie immer etwas?

Hirsch: Da geht es um neue Sachen. Und ich finde immer etwas. Hoffentlich. Wenn es nicht so ist, dann muss ich wieder aus mir heraussteigen, um neue Eindrücke zu sammeln. Schließlich habe ich einen lebenslangen Plattenvertrag. Und im Herbst 2012 soll es wieder eine neue CD geben. Dafür muss ich jetzt beginnen, Lieder schreiben.

(P.S.: Am 18. November erscheint das Hörbuch „Ludwig Hirsch liest Ludwig Hirsch“ mit 29 gelesenen Liedern)

Komm großer schwarzer Vogel (Ludwig Hirsch, 1979)

Komm großer schwarzer Vogel, komm jetzt!
Schau, das Fenster ist weit offen,
Schau, ich hab’ Dir Zucker aufs Fensterbrett g’straht.

Komm großer schwarzer Vogel, komm zu mir!
Spann’ Deine weiten, sanften Flügel aus und leg’s auf meine Fieberaugen!
Bitte, hol’ mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf, mitten in Himmel rein, in a neue Zeit, in a neue Welt.
Und ich werd’ singen, ich werd’ lachen, ich werd’ „das gibt’s net“ schrei’n,
weil ich werd’ auf einmal kapieren, worum sich alles dreht.

Komm großer schwarzer Vogel, hilf mir doch!
Press’ Deinen feuchten, kalten Schnabel auf meine Wunde, auf meine heiße Stirn!
Komm großer schwarzer Vogel, jetzt wär’s grad günstig!
Die anderen da im Zimmer schlafen fest und wenn wir ganz leise sind,
hört uns die Schwester nicht? Bitte, hol mich weg von da!

Und dann fliegen wir rauf, mitten in Himmel eine, in a neue Zeit, in a neue Welt.
Und ich werd’ singen, ich werd’ lachen, ich werd’ „das gibt’s net“ schrei’n,
weil ich werd’ auf einmal kapieren, worum sich alles dreht.

Ja, großer schwarzer Vogel, endlich! Ich hab’ Dich gar nicht reinkommen g’hört,
wie lautlos Du fliegst, mein Gott, wie schön Du bist!
Auf geht’s, großer schwarzer Vogel, auf geht’s! Baba, ihr meine Lieben daham!
Du, mein Mädel, und du, Mama, baba! Bitte, vergesst’s mich nicht!

Auf geht’s, mitten in den Himmel eine, nicht traurig sein,
na, na, na ist kein Grund zum Traurigsein!
Ich werd’ singen, ich werd’ lachen, ich werd’ „das gibt’s net“ schrei’n.
Ich werd’ endlich kapieren, ich werd’ glücklich sein!
Ich werd’ singen, ich werd’ lachen, ich werd’ „des gibt’s net“ schrei’n.
Ich werd’ endlich kapieren, ich werd’ glücklich sein!
Ich werd’ singen, ich werd’ lachen, ich werd’ endlich glücklich sein!

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Artikel Reinhold Gruber 29. Oktober 2011 - 00:04 Uhr
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