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Reisen

Fluch und Segen der Kanaren-Vulkane

Von Jan-Uwe Ronneburger   20. November 2021 00:04 Uhr

Fluch und Segen der Kanaren-Vulkane
Schaurig-schön und zerstörerisch – der Vulkan am Cumbre-Vieja-Gebirgszug auf La Palma

Leben auf dem Pulverfass: Für die Betroffenen ist der Feuerberg auf La Palma eine Katastrophe, aber die Naturgewalten faszinieren auch.

Seit zwei Monaten schlägt der Vulkan auf der Kanareninsel La Palma Tausende in die Flucht. Die bis zu 1300 Grad heiße Lava hat bisher mehr als 1450 Wohnhäuser zerstört. Über dem fauchenden Vulkankegel steht eine dunkle Aschewolke, an den Hängen wälzen sich rotglühende Lavaströme hinab.

Sie verbrennen und zermalmen alles auf ihrem Weg zum Meer. Nichts bleibt von der vertrauten Umgebung, dem Zuhause, dem Ort, an dem die Menschen aufgewachsen sind, nur eine heiße, schwarze Masse. "Stell dir vor, wie sehr es schmerzt zu sehen, dass der Ort, wo ich mein ganzes Leben verbracht habe, einfach verschwindet", sagt Enrique González (46) dem staatlichen TV-Sender RTVE in La Laguna, während er Hausrat auf einen Laster lädt.

Angesichts der Bilder und des Leids wird leicht vergessen, dass es ohne die Vulkantätigkeit die Insel gar nicht geben würde und auch die anderen nicht, die bekannteren und bei Touristen wegen ihres milden Klimas beliebten Kanareninseln Teneriffa, Gran Canaria, Fuerteventura, Lanzarote und Gomera. Sie verdanken ihre Existenz rund 200 Kilometer westlich der Westküste Afrikas einem sogenannten Hotspot tief im Erdinneren, von dem aus punktuell Magma an die Oberfläche drängt. Im Laufe von Millionen Jahren wuchsen die Inseln aus dem Meeresboden empor, und zwar von Ost nach West. Fuerteventura ist etwa 22 Millionen Jahre alt, La Palma im Westen "nur" zirka zwei Millionen.

Neben dem ganzjährig milden Klima locken auch die bizarren Landschaften früherer Vulkanausbrüche Hunderttausende Touristen auf die Kanaren. Der wohl bekannteste Vulkan ist der 3715 Meter hohe Teide auf Teneriffa. Die wüstenähnliche Gegend rund um den höchsten Berg Spaniens wirkt wie eine Mondlandschaft. In Santa Cruz de Tenerife sonnen sich die Urlauber auf dem pechschwarzen Sand der Playa Jardin. Und auf Lanzarote ist der Lavatunnel von Jameos del Agua eine ebenso beliebte Touristenattraktion wie der farbige Berg Montaña Colorado. Im Nationalpark Timanfaya fühlt sich der Besucher wie auf einem anderen Planeten. Und auch der Vulkan Cumbre Vieja auf La Palma lockt bereits Reisende an. Von Teneriffa aus werden per Schiff Tagestouren oder auch Besuche mit Übernachtung auf der Vulkaninsel angeboten. Für die Menschen, die bisher meist vom Bananenanbau lebten, könnte das eine neue Einnahmequelle sein.

Gefährlicher Vulkan-Tourismus

Dass Vulkan-Tourismus nicht ungefährlich ist, zeigte das Unglück auf White Island vor der Küste Neuseelands. Im Dezember 2019 war dort ein Vulkan plötzlich ausgebrochen, während gerade 47 Ausflügler auf der Insel waren. 22 von ihnen starben, die meisten Überlebenden erlitten schwere Verbrennungen. "Ein Vulkan schläft nie ganz, er kann jederzeit wieder aktiv werden", sagt die Vulkanologin und Gründerin der Stiftung Volcano Active Foundation in Barcelona, Anne Fornier. Ihr geht es um mehr Sicherheit für Menschen, die in der Nähe von Vulkanen siedeln.

Der heftige Vulkanausbruch auf La Palma hat bisher "erst" ein Menschenleben gefordert. Das lag auch an einem Krisenplan der Inselregierung. Ältere und in ihrer Bewegung eingeschränkte Menschen waren vorsorglich schon kurz vor dem Ausbruch, der sich durch hunderte leichte bis mittlere Beben andeutete, in Sicherheit gebracht worden. Zudem waren die Bewohner gefährdeter Gebiete aufgerufen worden, Fluchtgepäck mit den wichtigsten Unterlagen, Medikamenten und ihrem Handy griffbereit zu haben.

Unterschätztes Risiko?

Dennoch hätten die Menschen das von dem Vulkan ausgehende Risiko wohl etwas unterschätzt, sagt Fornier. "Der Vulkan liegt in derselben Region der Insel, wo erst vor 50 Jahren der Teneguía ausgebrochen war. Und davor spie der Vulkan San Juan 1949 fast an derselben Stelle wie heute große Mengen Lava aus. Man muss schon fragen, warum dort im Tal von Aridane so viele Baugenehmigungen erteilt wurden", sagt die Französin. Man habe wohl gehofft, es werde schon gut gehen.

Auch 1949 ließ die Lava neues Land vor der Küste entstehen. Nachdem der Boden abgekühlt war, wurden die harschen Oberflächen mit Mutterboden aus anderen Inselteilen bedeckt. Dort finden sich heute einige der ertragreichsten Bananenplantagen, die nun zum Teil wieder zerstört werden. "Das ist einer der Gründe, warum Menschen trotz der Risiken in der Nähe von Vulkanen leben", sagt Fornier. Denn Vulkanasche ist sehr fruchtbar.

Strafe der Vulkan-Götter

Es gebe aber auch andere, weniger praktische Gründe: Gerade in der Nähe von Vulkanen empfänden die Menschen oft eine besonders enge Bindung an die Erde. "In manchen Kulturen gelten Vulkane als Götter, die reiche Ernten gewähren, aber auch zornig werden mit den Menschen und sie dann durch einen Ausbruch strafen", sagt die Expertin.

Auch die Bewohner von La Palma halten an ihrer Insel fest. "Mein Urgroßvater hat auf dem Vulkan gebaut, mein Großvater hat alles durch den Vulkan verloren, mein Vater hat wieder auf dem Vulkan gebaut, und wir haben wieder alles durch den Vulkan verloren", sagte der Agraringenieur Fran Leal der Zeitung "El País". "Warum? Ganz einfach. Wir leben im Paradies und kennen den Preis, der manchmal bezahlt werden muss. Wenn dieser Vulkan erloschen ist, suche ich mir ein Stück Land und fange von vorne an."

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