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Ein Friedhof zum Totlachen

Von Karsten Raab   15. September 2019 00:04 Uhr

Ein Friedhof zum Totlachen

Auf dem Museumsfriedhof in Kramsach in Tirol darf gelacht werden. Wohl auch, weil hier keine Toten begraben liegen.

Statt Totenstille gibt es auf diesem Friedhof oft schallendes Gelächter. Von Betroffenheit und Trauer fehlt auf dem kleinen Grabhügel in der 5000-Seelen-Gemeinde Kramsach im Tiroler Alpbachtal jegliche Spur. Im Gegenteil: Da wird gejauchzt und sich amüsiert. Manch einer biegt sich gar vor Lachen, bevor er das nächste Grabkreuz ins Visier nimmt. Und niemand nimmt Anstoß an diesem pietätlosen Verhalten. Nicht zuletzt deshalb, weil auf diesem Gottesacker niemand zu Grabe getragen und hier noch nie ein Kranz niedergelegt oder das Ableben eines geliebten Angehörigen betrauert wurde. Dennoch zeugen die ungewöhnlichen, oft witzigen Inschriften der eisernen Gedenktafeln von echten menschlichen Schicksalen, denen auf dem kleinen Museumsfriedhof im Inntal ein besonderes Gedenken gesetzt wurde.

Sammelnder Steinmetz

Rund 60 Grabkreuze zieren den bewaldeten Hügel. Sie wurden ab Mitte der 1960er-Jahre vom Kramsacher Steinmetz und Sagzahnschmied Hans Guggenberger zusammengetragen. Mittlerweile umfasst die Sammlung des Familienunternehmens gut 1000 Kreuze, deren Gros im 18. und 19. Jahrhundert gefertigt wurde.

Die schmiedeeisernen Gedenktafeln und -kreuze stammen fast ausschließlich aus dem Alpenraum – aus Bayern, Tirol, dem Salzburger Land und Südtirol. Sie alle seien Originale, versichern die Betreiber des Museumsfriedhofs. Zum Teil extrem aufwendig restaurierte, wohlgemerkt.

Die Sammelleidenschaft der Guggenbergers fußt dabei auf dem Berufsethos als Kunstschmiede. Denn nicht selten landeten in zurückliegenden Jahrhunderten die aufwendig hergestellten Grabkreuze auf dem Schrott, wann immer eine Grabstätte aufgelöst wurde, weil die Nachfahren das Grab nicht mehr pflegen wollten oder konnten. Andere Grabkreuze verschwanden auf irgendwelchen Dachböden oder in dunklen Kellern, wo sie in Vergessenheit gerieten oder verstaubten. Genau hier kam Hans Guggenberger mit dem Bemühen, diese besonderen Beispiele der Schmiedekunst zu bewahren, ins Spiel. Der Steinmetz trug eine Sammlung mit Grabinschriften und Marterln, Gedenktafeln, die speziell im Alpenraum an Unglücksstellen aufgestellt werden, zusammen und restaurierte die kostbaren Stücke in mühevoller Kleinarbeit.

Bereits 1965 wurde das eigene kleine Freilichtmuseum eröffnet. Nicht weniger als 200.000 Besucher lassen sich Jahr für Jahr von den ungewöhnlichen Exponaten in ihren Bann ziehen. Dabei begeistern sich die meisten weniger für die kostbaren Schmiedearbeiten, sondern vor allem für die skurrilen und oft wenig pietätvollen Inschriften wie "Hier ruht Esser. Die Würmer, diese Fresser, speisen anderswärts besser" oder "Hier schweigt Johanna Vogelsang – sie zwitscherte ihr Leben lang".

So schwarz diese Art von Humor auch anmutet, so sind die Schmuckstücke ein Stück weit auch ein Beleg dafür, wie die Menschen in längst vergangenen Tagen, als die Lebenserwartung deutlich geringer war, versucht haben, mit dem Verlust geliebter Angehöriger umzugehen. Viele waren des Lesens und Schreibens kaum mächtig. Daher hatte sich eine spezielle Berufsgruppe etabliert. Die sogenannten Täfelemaler versuchten, in wenigen Zeilen und vielfach in Reimform das Wesentliche aus dem Leben des Verblichenen, über dessen Lebensumstände oder dessen Todesursache zusammenzufassen. Herausgekommen sind dabei nicht selten ebenso geistreiche wie witzige, aber auch erschütternde Abschiedssprüche, die noch heute Rückschlüsse auf den Charakter der Verstorbenen zulassen. Dazu gehört beispielsweise: "Hier liegt Jakob Krug, der Kinder, Weib und Orgel schlug".

Unbefleckte Empfängnis?

Viele der Sprüche wie "Es liegt begraben die ehrsame Jungfrau Nothburg Nindl – gestorben ist sie im siebzehnten Jahr – just als sie zu brauchen war" sind völlig zeitlos, auch wenn hinter derartigen Grabinschriften menschliche Tragödien stecken: Menschen fallen vom Gerüst, werden von einer Kuh erdrückt, von einem frisch gefällten Baum erschlagen oder verenden am selbstgebrauten Bier. Nicht zu vergessen ist sicherlich auch der augenzwinkernde Blick auf eine unbefleckte Empfängnis: "Es ruhet die ehr- und tugendsame Jungfrau Genovefa Foggenhuberin betrauert von ihrem einzigen Sohn." Man kann den Autoren der gereimten Nachrufe durchaus unterstellen, dass sie bewusst Kopfschütteln, Entsetzen, Erstaunen und Verwunderung bezwecken wollten. Derweil wurden andere Grabtafeln offenbar genutzt, um ohnehin offene Geheimnisse öffentlich zu machen: "Hier liegt die Jungfer Rosalind; geboren als unerwünschtes Kind. Ihr unbekannter Vater war Kapuzinerpater."

Andere Inschriften lösen gleichermaßen Amüsement und Mitleid aus: "Hier ruht in Gott Adam Lentsch – 6 Jahre lebte er als Mensch u. 37 Jahr als Ehemann." Schon wenige Meter weiter eine weitere Inschrift wie ein mahnender Zeigefinger: "Hier liegt mein Weib, Gott seis gedankt, oft hat sie mit mir gezankt. O lieber Wanderer geh gleich fort von hier, sonst steht sie auf und zankt mit Dir", steht dort als Warnung an die Lebenden geschrieben.

Fast schon tröstlich scheint es da zu erfahren, dass es für den einen oder anderen auch im Tod noch eine Art Happy End geben kann: "Hier ruht Franz Josef Matt, der sich zu Tod gesoffen hat. Herr gib ihm die ewige Ruh’ und ein Gläsle Schnaps dazu."

Informationen

 

Museumsfriedhof, Sagzahnschmiede Guggenberger, Hagau 82, Kramsach, dienstags von 10-17 Uhr geöffnet, Eintritt frei, Spenden willkommen; museumsfriedhof.info

Tipp: Seit 2013 gibt es angrenzend an den Museumsfriedhof im Arkadenhof eine Ausstellung, die sich politisch und religiös korrekt mit der 500-jährigen Geschichte der Grabkunst in Tirol auseinandersetzt. Zu sehen sind – ebenfalls bei freiem Eintritt – 70 chronologisch gereihte Kreuze vom schmucklosen Schmiedeeisen bis hin zu den barocken Prachtexemplaren.

www.alpbachtal.at

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