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Ski Alpin

Das Debakel auf dem Rettenbachferner

Von Alexander Zambarloukos  19. Oktober 2020 00:04 Uhr

Das Debakel auf dem Rettenbachferner
Marco Schwarz taucht in eine Nebelsuppe ein – ein Symbolbild für die ÖSV-Krise im Riesentorlauf

SÖLDEN. Platz 15 als Höhepunkt: Noch nie waren Österreichs Skiteams so schwach beim Auftakt in Sölden. Es gibt aber einen Lichtblick: Das Leben in der Weltcup-Blase funktioniert.

Wären Peter Schröcksnadels Gesichtszüge nicht durch den verpflichtenden Mund-Nasen-Schutz verdeckt gewesen, wäre zweifellos kein Lächeln zu sehen gewesen. Der Präsident des Österreichischen Skiverbandes war ziemlich grantig über das schlechteste Abschneiden auf dem Rettenbachferner seit Einführung von Weltcup-Rennen im Jahr 1993.

"Wir haben keine Freude, das ist völlig unzufriedenstellend. Sölden liegt uns nicht", urteilte der 79-jährige Tiroler nach dem Saison-Opening. Am Samstag hatte Katharina Truppe als 15. das beste Resultat für Rot-weiß-rot herausgefahren, gestern war ein 17. Rang für Stefan Brennsteiner das Optimum. Das ist in Summe viel zu wenig für die hohen ÖSV-Ansprüche, an denen sich nichts ändert: "Unser Ziel ist und bleibt, den Nationencup zurückzuholen. Vielleicht weckt es einige von uns auf, wenn wir eine drüberkriegen", sagte Schröcksnadel.

"Eine Katastrophe"

In der abgelaufenen Saison hatte die Schweiz die 30 Jahre andauernde österreichische Dominanz durchbrochen. Und weil man Feste feiern muss, wie sie fallen, hat der Erzrivale gleich Spezialkappen mit der Aufschrift "Ski-Nation Nr. 1" anfertigen lassen. Nicht zu Unrecht, wie das Auftakt-Wochenende zeigte.

Das Swiss Ski Team hat zwar im Gegensatz zu Italiens Damen (Marta Bassino) und Norwegens Herren (Lucas Braathen) keinen Sieg gefeiert, aber schon wieder die Führung in der Teamwertung inne. Die Eidgenossen haben 340 Punkte gesammelt, Österreich ist mit bescheidenen 76 Zählern Sechster. Auch deshalb, weil ein Hoffnungsträger wie Marco Schwarz (39.) leer ausging. "Für mich ist es eine Katastrophe", gestand der 25-jährige Kärntner.

Es hat sich nichts geändert, der Riesentorlauf bleibt die Achillesferse der ÖSV-Teams. Selbstkritik ist der erste Weg zur Besserung – und daran mangelt es nicht. Vincent Kriechmayr (TVN Sparkasse Wels) geht in der Regel gar nicht zimperlich mit sich um. Der Speed-Star aus Gramastetten findet auch dann ein Haar in der Suppe, wenn ihm andere eine tadellose Fahrt bescheinigen. Gestern war es nicht tadellos, aber okay.

Der 29-Jährige landete in seinem Premierenrennen auf Head-Latten als 24. nicht nur vor seinem neuen Stallkollegen Matthias Mayer (25.), er schrammte auch nur knapp an seinem besten Weltcup-Resultat in dieser Disziplin (23. in St. Moritz 2016) vorbei. "Ich wollte Punkte machen, das habe ich geschafft. Leider ist es mir nicht gelungen, die gute Startnummer im zweiten Durchgang auszunützen. Ich muss mich steigern, wenn ich weiter vorne dabei sein will", sagte Kriechmayr.

Doppel-Olympiasieger Mayer warf sich vor, im Finale "nicht aggressiv genug" gewesen zu sein. Trotzdem rennt der Schmäh zwischen "Mothl" und "Vinc". Die beiden verständigten sich darauf, dass Kriechmayr Mayer eine Kebab-Pizza spendieren wird. "Es ist bei uns Tradition, dass der Bessere zahlt", sagte Kriechmayr.

Experiment gelungen

Schärfere Töne schlug Damen-Rennsportleiter Christian Mitter an: "15, 17, 19 – das ist nicht das, was wir uns erwartet haben. Nach dem ersten Lauf wollten wir nochmals Gas geben und uns verbessern. Dass das bei allen Fünf danebengegangen ist, habe ich noch nie erlebt. Das tut weh", sagte der Steirer. Für Elisa Mörzinger (SU Böhmerwald) war der Arbeitstag zur Halbzeit beendet. Als 37. trennten die Altenfeldenerin 82 Hundertstel vom Finale der Top 30.

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Grausig, langweilig, seltsam, gewöhnungsbedürftig – das waren die Reaktionen der Ski-Asse auf die coronabedingten Geisterrennen. Der reibungslose Ablauf des Events, zu dem nur 50 der 200 geladenen "special guests" erschienen, nährt die Hoffnung auf eine Saisonfortsetzung in der "Blase". "Sölden hat bewiesen, dass Wintersport auch unter schwierigen Bedingungen möglich ist", betonte Schröcksnadel.

Die TV-Quoten am Samstag waren auch okay. Den zweiten Damen-Durchgang auf ORF 1 sahen bis zu 501.000 Ski-Fans.

Lucas Braathen, der Österreich-Spezialist

Ein Norweger hat den Herren-Riesentorlauf in Sölden gewonnen. Nein, nicht Co-Favorit Henrik Kristoffersen (5.), sondern Lucas Braathen, der noch nie zuvor im Weltcup auf das Stockerl gefahren war. Der Rettenbachferner ist ein feiner Gletscher für den 20-Jährigen, hier hat er 2019 als Sechster zum ersten Mal aufgezeigt. „Offensichtlich fahre ich gerne in Österreich“, lächelte der Youngster, der im Jänner starker Vierter im Kitzbühel-Slalom gewesen war.

Gestern folgte die Krönung. „Es ist unglaublich zu gewinnen. Jetzt möchte ich mich in der Weltspitze etablieren“, sagte Braathen, der einen Schweizer Doppelsieg verhinderte. Marco Odermatt (23), dem man zutraut, im Gesamt-Weltcup eine gewichtige Rolle zu spielen, wurde mit einem Rückstand von fünf Hundertsteln Zweiter, Gino Caviezel (28) Dritter. „Ich wusste, dass im athletischen Bereich noch einiges möglich ist. Daran habe ich gearbeitet“, sagte Odermatt, der sich während des Sommers keinen einzigen freien Tag gegönnt hatte. Sein Konditionstrainer war sogar einen Monat bei ihm „eingezogen“.

Fleiß zahlt sich aus – auch für Italiens Ski-Damen. Marta Bassino (24) und Federica Brignone (30), die in der Saison 2019/20 die große Kristallkugel gewonnen hatte, starteten mit einem Doppelsieg. Es war der erste bei den „Ladies“ in Sölden seit 2010. Damals hatten Viktoria Rebensburg und Kathrin Hölzl für Deutschland triumphiert. „Es ist perfekt für uns“, freute sich Bassino.

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Redakteur Sport

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