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Jürgen Melzer: "Kann mit ruhigem Gewissen einen Schlussstrich ziehen"

Von Thomas Streif  11. Januar 2021 06:04 Uhr

"Kann mit ruhigem Gewissen einen Schlussstrich ziehen"
Jürgen Melzer nach dem Fünf-Satz-Sieg gegen Novak Djokovic im Viertelfinale der French Open 2010

LINZ. Tennis-Star Jürgen Melzer blickt auf seine lange, erfolgreiche Tenniskarriere zurück. 2021 wird der neue ÖTV-Sportdirektor noch das eine oder andere Abschiedsturnier im Doppel bestreiten.

Seit seinem Debüt 1999 in der Wiener Stadthalle gehört Jürgen Melzer zu den besten Tennisspielern Österreichs. Er hat es in den Weltranglisten sowohl im Einzel als auch im Doppel unter die Top Ten geschafft. Anfang Februar tritt der 39-Jährige beim Österreichischen Tennisverband das Amt des Sportdirektors an. Außerdem ist er der neue Coach von Barbara Haas aus Weyer. In den kommenden Monaten wird der Deutsch-Wagramer seine aktive Karriere ausklingen lassen. Die OÖNachrichten sprachen mit Melzer über Vergangenheit und Zukunft.

OÖN Sie sind nun fast am Ende ihrer mehr als 20 Jahre langen Karriere angekommen. Überwiegt die Vorfreude auf die Zeit danach oder doch die Wehmut?

Jürgen Melzer: Ich habe mir die Entscheidung schon während der gesamten Saison 2020 lange und gut überlegt. Auch wenn es im Herbst sehr gut lief, ist die Zeit jetzt gekommen, aufzuhören. Ich freue mich auf meine Aufgabe als Sportdirektor beim Verband und vor allem auf die Zeit daheim mit meiner Familie. Wehmut ist natürlich auch dabei, der aktive Sport und vor allem die Wettkämpfe werden fehlen. Aber auf das permanente Training und das ganzjährige Reisen kann ich gerne verzichten.

Worauf freuen Sie sich in Ihrem Leben nach dem aktiven Sport am meisten?

In erster Linie über den Umstand, dass ich mein Leben besser planen kann – und natürlich auf die Zeit mit meiner Familie. Mein Sohn wird vier Jahre alt, ich möchte ihn aufwachsen sehen. Spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem mein Sohn öfter fragte, wann ich denn wieder heimkommen werde, war es hart, wieder abzureisen. Ich habe so ziemlich alles erreicht, was ich mir erträumt hatte. Daher kann ich mit ruhigem Gewissen demnächst einen Schlussstrich ziehen.

Noch ist aber nicht ganz so weit: Sie haben im Herbst angekündigt, bei den Australien Open noch anzutreten. Der Turnierstart wurde auf 8. Februar verschoben. Wie sehen Ihre Pläne aus?

Nein, ich spiele die Australien Open nicht. Die Pläne haben sich durch die Trainertätigkeit mit Barbara Haas geändert. Ein Doppel-Einsatz bei den French Open in Paris und in Wimbledon ist aber schon noch ein Thema.

Jürgen Melzer, Wien 1999
Melzer als 18-Jähriger beim ATP-Turnier in Wien im Jahr 1999

Welche Ziele verfolgen Sie mit Barbara Haas?

Ich werde versuchen, mit meiner Erfahrung ihr Spiel weiterzuentwickeln, um den Sprung in die Top 100 der Welt zu schaffen. Babsi hat enormes Talent und ist gut ausgebildet worden. Sie kann neue Sachen extrem schnell umsetzen. Ich hoffe, dass wir gleich einen guten Start hinlegen.

Sie haben es an der Seite von Edouard Roger-Vasselin bei den ATP-Finals bis ins Endspiel geschafft. Überlegt man da nicht, doch noch eine letzte ganze Saison dranzuhängen?

Nein, die Entscheidung wurde vorher getroffen, Roger-Vasselin weiß es seit den French Open im Paris. Ich will zu einem Zeitpunkt aufhören, an dem ich noch voll leistungsfähig bin. Das ist mir gelungen.

Ist tatsächlich ein letzter Doppel-Start beim Turnier in Wimbledon an der Seite von Philipp Petzschner, mit dem sie das traditionsreichste Turnier der Welt 2010 gewannen, ein Thema?

Vorstellbar ist das schon. Ich habe mich mit Philipp Petschner darüber unterhalten. Am Anfang war es eigentlich eher ein Scherz, weil ich nicht wusste, dass er tatsächlich noch ein Protected Ranking (ein geschützter Weltranglisten-Platz, Anm. d. Red.) hat. Das heißt, wir könnten möglicherweise im Hauptbewerb starten. Petschner wird versuchen, fit zu werden. Wenn sich das bis Wimbledon ausgeht, wäre es cool. Wenn nicht, dann spiele ich eventuell dieses eine Turnier noch mit einem anderen Partner. Eines ist sicher: Egal, mit wem ich spielen würde: wir müssten absolut wettkampftauglich sein, abschlachten lasse will ich mich sicher nicht.

Sie hatten in Ihrer langen Karriere immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Denkt man da nicht schon früher ans Aufhören?

Kurz nach den Verletzungen sind diese Gedanken schnell einmal gekommen. Während meiner schweren Ellbogenverletzungen mit sieben Monaten Pause vor einigen Jahre wurde mir klar, dass es für die Weltspitze im Einzel einfach nicht mehr reicht. Zwar habe ich dann noch das eine oder andere Turnier gespielt, aber der Weg im Einzel zurück wäre nicht nur schwer, sondern vielleicht auch unmöglich gewesen.

Jürgen Melzer, Édouard Roger-Vasselin
Jürgen Melzer mit seinem Doppelpartner Édouard Roger-Vasselin bei den ATP-Finals im November 2020. Das Duo unterlag erst im Endspiel

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie die Kontakte auf der Tennis-Tour vermissen werden. Gibt es mit anderen Spielern echte Freundschaften?

Das ist sehr selten. Mein bester Kumpel auf der ATP-Tour war mein Doppelpartner Philipp Petzschner. Auch mit Alex Peya hatte ich ein freundschaftliches Verhältnis. Eine wirklich tiefergehende Freundschaft aufzubauen ist schwer, weil irgendwann steht man sich auf dem Platz gegenüber.

Sie haben zwei Grand-Slam-Titel im Herren-Doppel und einen im Mixed geholt. Im Einzel haben Sie in Paris das Halbfinale erreicht und mehrere Turniere gewonnen. Finden Sie, dass Ihre Leistungen dementsprechend gewürdigt wurden?

Das ist eine gute Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist. Es kann sein, dass in Österreich manche nicht einschätzen können, was es heißt, in der Weltsportart Tennis unter den besten Spielern der Welt zu sein. Damit will ich keineswegs die Leistungen in anderen Sportarten schmälern, aber die weltweite Konkurrenz beim Tennis ist schon ein Wahnsinn. Vielleicht hat die manchmal nicht ganz so große Wertschätzung auch damit zu tun, dass ich mehr oder weniger in die Fußstapfen von Thomas Muster treten musste. Muster hat Paris gewonnen, war die Nummer eins der Welt, da ist es für den Otto Normalverbraucher nichts Besonderes, wenn ein Österreicher zum Beispiel Nummer 20 der Welt ist. Grundsätzlich wurden meine Leistungen gegen Ende der Karriere mehr wertgeschätzt, auch darüber freue ich mich.

Sie halten mit 74 Einsätzen den österreichischen Davis-Cup-Rekord. Für den einen oder anderen Weltstar ist dieser Bewerb eher zweitrangig.

Für mich war das immer eine Herzensangelegenheit. Vielleicht war meine Fußballleidenschaft, wo ein Länderspiel einen anderen Stellenwert hat, mit ein Grund, warum ich immer für mein Land zur Verfügung gestanden bin. Es hat für mich nie etwas Schöneres gegeben, als für Österreich zu spielen. Bei einer Partie in Kasachstan hatte ich so große Schmerzen im Adduktorenbereich, dass ich kaum gehen konnte. Ob das schlau war, sei dahingestellt. Was ich damit sagen will: Wenn es irgendwie gegangen ist, habe ich Davis Cup gespielt.

Jürgen Melzer, Daviscup
Davis-Cup Einsatz im März 2020. Melzer ist Österreichs Rekord-Daviscupspieler

Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic haben Sie in Ihrer Karriere jeweils einmal geschlagen. Wäre in Ihrer Karriere ohne Verletzungen noch mehr möglich gewesen?

Möglicherweise. Die Bandscheibenverletzung, die ich mir im Mai 2011 zugezogen habe, war für mich wohl der Anfang vom Ende in der absoluten Weltspitze. Ich konnte danach nicht mehr das Trainingspensum wie vorher abrufen. Aber noch einmal: Ich bin mit dem Verlauf meiner Karriere sehr zufrieden, weil ich immer mit bestem Wissen und Gewissen gehandelt habe.

Gibt es in Ihrer Karriere so etwas wie den größten Sieg? War es der Fünfsatzerfolg im Viertelfinale der French Open 2010 gegen Novak Djokovic nach einem Zwei-Satz-Rückstand? Übrigens hat Djokovic sonst in seiner gesamten Karriere noch nie eine 2:0-Satzführung in einem Grand-Slam-Turnier aus der Hand gegeben. Das sind weit mehr als 200 Partien.

Das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich müsste ich dafür eine Top-Fünf Wertung vornehmen. Der Sieg gegen Djokovic und der Einzug ins Halbfinale gehört da, genauso wie die Grand-Slam-Siege im Doppel, mit Sicherheit dazu.

Melzer, Nadal
2010: Jürgen Melzer jubelt über den Sieg gegen den Weltranglistenersten Rafael Nadal beim ATP-Turnier in Shanghai. DIeses Match zählte zu den besten seiner Karriere.

Sie treten demnächst das Amt des ÖTV-Sportdirektors an. Wo wollen Sie die Schwerpunkte setzen?

Zuerst muss ich mir einen genauen Überblick über die aktuelle Lage machen, dann werde ich entscheiden, an welchen Dingen wir arbeiten müssen, um voran zu kommen.

Werden Sie versuchen, Dominic Thiem als Fixstarter für den Davis Cup zu gewinnen?

Es wäre für das österreichische Davis-Cup-Team und das Tennis in unserem Land sehr wichtig. Ich werde das Gespräch mit Dominic Thiem und seinem Vater Wolfgang suchen. Für die Davis Cup Finals in Madrid hat er grundsätzlich zugesagt. Ich bin zuversichtlich, dass wir dort mit dem besten Team antreten können.

Was trauen Sie Dominic Thiem in seiner Karriere noch zu?

Ich glaube, es gibt kaum ein Limit nach oben. Ich traue ihm mehrere Grand-Slam-Erfolge zu. Spätestens nächstes Jahr wird er, wenn er verletzungsfrei bleibt, die Chance bekommen, Nummer eins zu werden.

Jürgen Melzer (39)

Geb.: 22. Mai 1981 in Wien
Familienstand: verheiratet mit der ehemaligen Weltklasse-Schwimmerin Fabienne Nadarajah-Melzer; Vater eines dreijährigen Sohnes
Beruf: Tennis-Profi; Coach von Barbara Haas; ab Februar ÖTV-Sportdirektor
Größte Erfolge: Nr. 8 der Welt im Einzel (2011), Nr. 6 im Doppel (2010), drei Grand-Slam-Titel (Doppel & Mixed), fünf Einzeltitel (zwei in Wien), French-Open-Semifinalist 2010

Frühes Aus für Haas

Für die oberösterreichische Tennisspielerin Barbara Haas (24) aus Weyer war in der Qualifikation für die Australien Open, die in Dubai stattfindet, bereits in der ersten Runde Endstation.

"Kann mit ruhigem Gewissen einen Schlussstrich ziehen"
Barbara Haas mit Jürgen Melzer

Haas hatte im entscheidenden dritten Satz bereits mit Break geführt, musste sich aber der Kolumbianerin Maria Camila Osorio Serrano 3:6, 6:3 und 5:7 geschlagen geben. Auch Julia Grabher, Sebastian Ofner und Jurij Rodionov scheiterten in der Qualifikation.

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Thomas Streif

Lokalredakteur Innviertel

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