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Oberösterreich

Er gräbt und gräbt und gräbt

Von Barbara Rohrhofer   09. November 2013 00:04 Uhr

Er gräbt und gräbt und gräbt
Eine Tour durch das imposante Stollensystem mit den Kunstwerken an den Wänden ist nichts für Menschen mit Platzangst. Für alle anderen ist es ein unglaublich beeindruckendes Erlebnis.

Michael Altmann, der "Muck aus Alharting", hat in 54 Jahren ein 200 Meter langes Stollensystem gegraben und darin die Geschichte der Menschheit verewigt.

Perfekter Altweibersommer im Kürnbergerwald in Leonding. Die Sonne wärmt heuer vielleicht zum letzten Mal. Michael Altmann wartet vor der kleinen Gartenhütte auf seine Gäste, die schon bei ihrer Ankunft aus dem Staunen nicht herauskommen. Rund um seine Holzhütte hat der 79-Jährige jede Menge Skulpturen aufgebaut. Hier ragt ein Beamten-Denkmal aus Bürostühlen in den herbstblauen Himmel, dort eine Affenstatue und gegenüber ist eine geöffnete Tür, die der Eingang zu Altmanns Lebenswerk ist.

Seit 54 Jahren hat dieser Mann an diesem Ort fast jeden Tag gegraben, gemalt, gestemmt. Das beeindruckende Ergebnis ist wohl eines der schönsten Privatmuseen Oberösterreichs, das Michael Altmann aber nur ab und zu für Besucher öffnet: Ein 200 Meter langes Kunstwerk hat der 79-Jährige geschaffen. "Muck‘s Höhlensystem" nennt er es selbst. An den Wänden hat er seiner Fantasie freien Lauf gelassen und die Menschheitsgeschichte in Form von moderner Höhlenmalerei dargestellt.

Angefangen hat alles, weil Michael Altmann in den 50er-Jahren im Kürnbergerwald, am Grundstück seiner Mutter, eine Jausenstation eröffnen wollte. Für die Kühlung der Getränke grub "Muck", wie ihn alle nennen, einen Lagerraum in den Sandsteinhügel neben der Gartenhütte. Die Jausenstation wurde behördlich niemals genehmigt; der Lagerraum aber wurde im Laufe der Jahre beachtliche 200 Meter lang. "Ich hab’ immer eine 90-Stunden-Woche gehabt", erzählt der Muck, der gemeinsam mit seiner Ehefrau jahrzehntelang das Gasthaus "Zur Schießhalle" in der Waldeggstraße in Linz betrieben hat. Nach getaner Arbeit in der Gastronomie fuhr er in den Kürnbergerwald und grub und grub und grub und grub. Tag für Tag, manchmal bis in die Nacht. "Er war wirklich besessen", sagt seine Frau und erzählt von unzähligen Nächten, in denen sie in der Hütte auf ihn wartete und sich die Zeit mit Handarbeiten vertrieb.

"Er hat sei Lebtag vü g‘lesen"

"So los geht’s", sagt der Muck und öffnet das Tor zu seinem Stollensystem. "In dieser Gegend war vor 30 Millionen Jahren ein Meer. Also hat es hier viel Sand angeschwemmt, den ich herausge-stemmt habe, um den Stollen zu bauen." Täglich hat er 20 Zentimeter geschafft. Das abgebaute Material hat er mit der Scheibtruhe weggeführt und es an die Häuslbauer in der Gegend verschenkt.

"Jetzt betreten wir die Höhle der Entstehung der Menschheit", sagt der "Museumsgründer und -führer". Die Wände der zirka zweieinhalb Meter hohen Höhle sind mit allerlei Gestalten bemalt. "Alle ham sie sich mit Geiz und Gier selbst ausgerottet", sagt der 79-Jährige, der immer wieder betont, nur eine geringe Schulbildung zu haben. "Aber g‘lesen hat er sei Lebtag vü", sagt seine Frau. Anders wäre es auch nicht zu erklären, dass der Muck die Menschheitsgeschichte sehr anschaulich transportiert. Die Stollenbesucher lauschen gespannt seinen Erzählungen und fragen ab und zu, warum er eigentlich niemals aufgehört habe, diesen Stollen hier zu graben. "Das weiß ich auch nicht", sagt Altmann, schüttelt den Kopf und betont die Vorzüge des Stollensystems, in dem es das ganze Jahr über acht Grad hat.

In einer Art Vorraum hat er einen Altar errichtet. Die Mutter Gottes und Buddha sitzen friedlich nebeneinander. "Wie es sich g’hört", sagt der Muck und führt uns den Stollen hinab bis zum Grundwasser der Traun.

Vorbei geht’s an Haifischzähnen, versteinerten Delfinen, an Malereien, die Jesus, Anton Bruckner und viele andere Berühmtheiten der Geschichte zeigen, mit denen sich Michael Altmann in vielen einsamen Stunden in der Tiefe des Kürnbergs intensiv auseinandergesetzt hat. Geholfen hat ihm nur ab und zu ein Freund, der einst U-Bootfahrer war und jetzt bereits 94 Jahre alt ist.

Tod des Vaters "verarbeiten"

Im Lagerraum des Höhlensystems steht in einer Nische ein Schwarz-Weiß-Bild. "Das ist meine Mutter mit ihren fünf Kindern", erklärt er. Der Vater sei im Zweiten Weltkrieg gefallen, sagt er und es scheint, dass das jahrzehntelange Graben ein Aufarbeiten seiner eigenen Geschichte ist. Denn unweit des Stollensystems hat Michael Altmann als kleiner Bub beobachtet, wie Soldaten erschossen wurden. "Die ham fürchterlich geschrien. Ich hör das bis heute", sagt er.

Viel gereist ist er in seinem Leben dann, um zu verstehen, wie die Menschen in den verschiedenen Ländern ticken. "Ich hab’ überall nette Leut’ getroffen. Warum’s immer wieder Kriege gibt, versteh’ ich bis heute nicht." Muck schüttelt den Kopf und zeigt uns seine letzte Skulptur: einen Mönch. Darunter ein Schild, auf dem sich Michael Altmann bei seiner Mutter, seiner Frau und jenen Ärzten bedankt, die ihm im Vorjahr bei einer großen Herzoperation das Leben verlängert haben. "Seither geh’ ich nur noch einmal am Tag runter in den Stollen", sagt der Muck und reibt sich die Hände. Kalt es ist geworden, hier draußen im Kürnbergerwald. Die Sonne ist längst weg, Herbstnebel steigen auf. Michael Altmann hat den Ofen in seiner Hütte schon angeheizt. "Pfiat euch", sagt er und schließt die Türen – zur Hütte und zu der langen Höhle, die sein Leben bedeutet.

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