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"Entführung aus dem Serail": Der Zerrissene, nicht der Entführte

Am 12. Juni findet im Haus am Gürtel die letzte Opernpremiere der Saison statt. Die Wiener Volksoper zeigt Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in der Inszenierung der jungen Deutschen Helen Malkowsky. Die begehrte Sprechrolle des Bassa Selim verkörpert August Zirner (54), einer der meistbeschäftigten Schauspieler im deutschen Sprachraum.

August Zirner (Bassa Selim) und Kristiane Kaiser (Konstanze)

August Zirner (Bassa Selim) und Kristiane Kaiser (Konstanze) Bild: Dimov/Volksoper

OÖN: Bassa Selim ist eine sehr begehrte Rolle?

Zirner: Klar, weil man da in einer Oper mitwirken kann, ohne singen zu müssen.

OÖN: Und wie ist diese Aufgabe auf Sie zugekommen?

Zirner: Ganz einfach. Als man über die Besetzung diskutierte, fielen bei Bassa Selim die Worte: „Einer wie August Zirner.“ Die Regisseurin meinte: „Das wäre ideal, wird aber wohl nicht gehen.“ Volksopern-Chef Robert Meyer meinte: „Warum nicht? Ich kenne den und ruf’ ihn an.“ Das machte er, und ich sagte zu. Sofort.

OÖN: Wer ist Bassa Selim in Ihren Augen?

Zirner: Ein Mensch, der aus Spanien kommt. Vielleicht Maure, vielleicht ein christlicher Renegat. Oder ein moslemischer. Vielleicht heißt er in Wirklichkeit Roberto Rodriguez oder so ähnlich. Jedenfalls ist er einer, der aus seinem Heimatland vertrieben wurde. Und er ist ein Liebender, aber ein verzweifelt, verbittert Liebender. Und ein ehemals sehr verletzter Mann. Er hat das zwanghafte Verlassen eines Landes hinter sich, und das Verlassen einer Geliebten. Die Liebesverletzung ist eine Wunde, die nicht heilen kann. Das Gütige, das diesem Charakter zugesagt wird, entsteht aus seiner Verletztheit.

OÖN: Wann haben Sie sich erstmals gewünscht, ihn zu verkörpern?

Zirner: Seit dem Stimmbruch, könnte man sagen.

OÖN: Gibt es zwischen ihm und Ihnen nicht eine Art Schicksalsverwandtschaft? Ihre Familie musste aus Österreich emigrieren, Sie wurden in den USA geboren, besitzen einen amerikanischen Pass, werden als Deutscher gehandelt, fühlen sich aber, wie Sie immer betonen, als Österreicher?

Zirner: Das Stück meines Lebens trägt aber nicht den Titel „Die Entführung aus dem Serail“, sondern eher „Der Zerrissene“. Wo ich bin, bin ich heimatlos. Wo ich bin, bin ich falsch. Als ich nach Hannover kam, ließen sie mich den Piccolo Gustl im „Weißen Rössl“ spielen, als sie mich für den „Schwierigen“ ans Burgtheater holten, musste ich „den Deutschen“ schlechthin spielen, den Herrn Neuhoff …

OÖN: Ihre Großeltern besaßen das Kaufhaus Zirner & Zwieback in der Wiener Kärntner Straße?

Zirner: Richtig. Der Modeschöpfer Fred Adlmüller hatte noch bei meiner Großmutter Ella gelernt. Mütterlicherseits stamme ich vom Begründer der Wiener Werkstätten, Fritz Werndorfer, ab. Meine Mutter Laura war eine gebürtige Werndorfer. Meine Taufpatin war übrigens Irmgard Seefried. Die Emigration meiner Familie hatte auch einen skurrilen Beigeschmack.

OÖN: Inwiefern?

Zirner: Mein Vater Ludwig Zirner war der illegitime Sohn von Franz Schmidt, den man als „Reichskomponisten“ bezeichnete. Mein Vater hatte sogar bei ihm studiert und besaß eine Partitur seiner Oper „Notre Dame“. Doch von dieser „Verwandtschaft“ erfuhr er erst 1961 in Amerika. Da hätte er fast durchgedreht, weil ihm in diesem Moment klar wurde: Mit einem Franz Schmidt im Rücken hätte er, der Jude Zirner, Österreich wahrscheinlich nie verlassen müssen. So aber haben wir hier alles verloren.

OÖN: Und nichts zurückbekommen?

Zirner: Meinem Großvater gehörte das Gemäuer, in dem das Restaurant „Drei Husaren“ und das „Gerstner“ untergebracht waren. Er musste es 1937 verpachten, 1951 wurde es vom Pächter verkauft. Der Verkauf von gepachteten Gründen ist 1995 verjährt. Uns gehörten auch Wälder in Kroatien, aber da sind wir einem Provinzrichter aufgesessen. Sie verstehen mich, wenn ich sage: An Unschuld glaube ich schon lang nicht mehr.

OÖN: Welchem Glauben fühlen Sie sich zugehörig?

Zirner: Ich bin konfessionslos, aber kein Atheist. Denn wenn man Atheist ist, hat man ja Gott schon ausgesprochen. Weil man nur gegen etwas sein kann, wenn es vorhanden ist. Vielleicht bin ich auch ein Suchender. Ich habe mir einmal überlegt, zum jüdischen Glauben überzutreten. Ich habe darüber mit dem Oberrabbiner von Westminster gesprochen. Er fragte: „Herr Zirner, was ist das oberste christliche Gebot? Ehre Vater und Mutter! Und was ist die Mutter des Christentums? Das Judentum. Die Christen sehnen sich, so zu werden wie Gott. Die Juden sehnen sich Gott herbei. Das sind nur zwei unterschiedliche Konstellationen einer Utopie. Ich halte mich heute lieber an etwas, was der von mir hochgeschätzte Autor Heinz von Förster geschrieben hat.

OÖN: Nämlich?

Zirner: Handle stets so, dass sich deine Wahlmöglichkeiten vergrößern. Jeder Baum wächst und verästelt sich nach außen. Je älter der Baum wird, umso mehr. Die Entscheidungen werden dadurch schwieriger. Aber das ist gut so. Für mich. Und wenn wir schon bei der „Entführung“ sind: Mozart ist ja auch nicht einfach. Seine Kunst ist, dass alles so einfach wirkt – und doch so kompliziert ist.

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Artikel Von Ludwig Heinrich 08. Juni 2010 - 00:04 Uhr
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