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Reisen

Europas größter Spielplatz

Von Klaus Huber   29. September 2019 00:04 Uhr

Europas größter Spielplatz
Das Château de la Roche, eine restaurierte Burg auf einer Insel im Loire-Stausee Villerest.

Aktiv- und Genussurlaub in der vielfältigen, französischen Region Auvergne-Rhône-Alpes.

Quelle histoire d’amour! Was für eine Liebesgeschichte! Sie spielt in Südostfrankreich, im Département Ardèche, wo der Fluss Ardèche eine Ehrfurcht einflößende Schlucht in Ausläufer des Zentralmassivs gegraben hat. Als Paradies für Kajaksportler und Radfahrer hat sich die Schlucht einen Namen gemacht. Sie steht unter strengem Naturschutz, Autofahrer können nur von den Aussichtspunkten entlang einer hoch darüber vorbeiführenden Straße staunend hinunterschauen. Wer dann auf abwechslungsreicher Strecke über die Ardèche-Berge fährt, stößt im 250-Seelen-Dorf Le Béage in 1200 Meter Seehöhe auf das äußerlich unscheinbare Lokal Beauséjour. Der charmante Wirt Nicolas Vernet lädt seine Gäste ein, mit ihm über die Wiesen hinter seinem Haus zu ziehen, um Blumen und Kräuter zu brocken.

Fabien Landry leitet dieses kulinarische Gruppenerlebnis, ein 45-jähriger "Herbalist", der alles kennt, was die Natur hier sprießen lässt. Aus dem Haufen willkürlich gerupfter Pflanzen findet der Botaniker Dutzende heraus, die sich als Zutat fürs Abendmenü eignen: vom Steinbrech bis zur Schwarzwurzel für Salate, "Reiherfeder" und Spitzwegerich, dessen Knospen im Frühling das Butterbrot krönen, Tannenknospen fürs Dessert, aromatischen Alpenfenchel und noch eine Unzahl Pflanzen mit fantasievollen Namen wie "Roter Begleiter", "Wilde Gedanken" und "Damenmäntel"… Jeden Gang des Menüs bereichert Fabien mit diesen "plantes sauvages" (wilden Pflanzen), und sogar die Skeptiker unter den Gästen spenden ihm spätabends Applaus. Ab sofort teilen sie seine Liebe zum Wiesenwildwuchs in der Küche.

Das Départment Ardèche gehört zur Region Auvergne-Rhône-Alpes, die an Italien und die Schweiz grenzt. Sie hat fast so viele Einwohner wie Österreich und gilt als – auch historisch und kulturell bedeutender – "größter Spielplatz Europas". Einheimische wie Aktivurlauber schätzen die Region ob ihrer topografischen Vielfalt. Wenn noch so viele Sportbegeisterte kommen, vom Wanderer bis zum Bergsteiger, Drachenflieger bis Mountainbiker, verlieren sie sich auf 70.000 Quadratkilometer natürlicher Abwechslung und Schönheit.

Keine Stöckelschuhe in Le Puy!

Zur Outdoor-Begeisterung gesellen sich ein paar Städtetipps. Wer über Lyon und St. Etienne anreist, darf Le Puy-en-Velay nicht auslassen. Empfehlung für die Damen: Tragen Sie nie Stöckelschuhe in dieser Stadt! Falls es hier eine Straße ohne Kopfsteinpflaster geben sollte, haben wir sie jedenfalls nicht gefunden. Le Puy verzaubert die Besucher mit dem Flair einer mittelalterlichen Siedlung inmitten herrlicher Landschaft. Auffälligstes Merkmal sind zwei steile Basaltkuppen ("puys"), Vulkanschlote aus der Frühzeit der Erdgeschichte. Auf einer dieser Kuppen bauten schon die Römer einen Tempel; heute thront dort oben die Kirche "Heiliger Michael auf der Nadel".

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Le Puy ist ein attraktiver Ausgangspunkt des französischen Jakobswegs und eine Stadt mit mittelalterlichem Flair.

Vom zweiten Kegel grüßt die 16 Meter hohe, rosa bemalte Statue "Notre Dame de la France", die 1860 aus dem Metall von mehr als 200 im Krimkrieg erbeuteten Kanonen gegossen wurde. Ein Detail, illustriert die Größe des Monuments: Der Kopf des Jesuskindes ist eine Tonne schwer und hat einen Umfang von 4,80 Metern. Die Statue kann innen über eine Wendeltreppe bestiegen werden. Le Puy-en-Velay hat fast 20.000 Einwohner, vermittelt jedoch überall das Gefühl einer kleinen Gemeinde. Im Sommer wirkt sie manchmal überlaufen, ist sie doch ein beliebter Startort für mehrere Weitwanderwege, unter anderem des Jakobswegs nach Westen und des Robert-Louis-Stevenson-Wegs nach Süden.

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Auf dem Gipfel des Mont Gerbier zeigt Bergführer Sébastien Michel, wo die Wasserscheide Atlantik/Mittelmeer verläuft.

Wer nicht weit wandern, sondern steil hinauf klettern will, kommt 45 Kilometer nordwestlich von Le Puy zum Geopark der Ardèche-Berge. Unternehmungslustige Bergwanderer lockt der markante Kegel eines erloschenen Vulkans. Abrupt erhebt sich der 1551 Meter hohe Mont Gerbier-de-Jonc aus der sanft welligen Umgebung. Die 150 Meter Höhenunterschied bis zum Gipfel sind mit halbwegs intakter Kondition leicht zu meistern, anspruchsvollere Passagen sind mit Seilen gut gesichert.

Ein fantastischer Rundblick über das Zentralmassiv belohnt alle für das schweißtreibende Unterfangen, und Naturführer Sébastien Michel verblüfft seine Schützlinge mit einem akustischen Effekt: Der Berg besteht aus grünlichem bis hellgrauem "Phonolith" (Klingstein), der beim Anschlagen einen hellen, metallischen Klang erzeugt.

Entlang der Wasserscheide

Von dort oben sehen wir den Verlauf der "Partage des eaux", der französischen Wasserscheide. Aus mehreren Quellen an den Hängen des Mont Gerbier schießen kleine Bäche zu Tal. Sie vereinigen sich zur Loire, die von hier – zuerst in nördlicher, dann westlicher Richtung – 1000 Kilometer weit durch ganz Frankreich zum Atlantik strömt. Wasser von der anderen Seite des Berges wird ins Mittelmeer münden.

Kaum vom steilen Berg herunten, bekommt jeder sportliche Gast ein E-Mountainbike geliehen. Uns erwartet ein Abschnitt des "E-Bike-Weitwanderweges" entlang der Wasserscheide, über Stock und Stein, durch ausgewaschene Mulden und wieder hinein in den Wald. Wer den ganzen 300-Kilometer-Weitwanderweg bewältigen möchte, sollte dafür fünf bis sieben Tage einplanen, sagt Sébastien, der "5-Tage-Profi".

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„Grüne Radwege“ führen durch die schönsten Naturlandschaften.

Für Ungeübte sind schon 10 Kilometer ein kräftig durchschüttelndes Abenteuer auf zwei Rädern, bei dem so mancher Neuling einmal abgeworfen wird. Alles jedoch kein Problem, auch so soll Outdoor-Urlaub sein! Schließlich wartet bei einem Kunstwerk an der Wasserscheide ein typisch französisches Picknick auf die Radler aus aller Herren Länder.

Grüne Wege und Charakterdörfer

Gemütlicher wird’s am nächsten Tag: Kein "E", kein "Mountain", ein normales Radl genügt für die Strecke Roanne – Briennon – Charlieu und retour, etwa 30 Kilometer in der Ebene, einen Kanal entlang. "Véloir" sind die "Green-France-Radwege" beschildert. Sie garantieren, dass kein motorisiertes Fahrzeug diese beschauliche Tour stören wird. Seit 2001 bemüht sich Frankreich, ein Netz nationaler Fahrradrouten zu schaffen. Knapp 16.000 Kilometer Radwege sind bereits gebaut, weitere 7000 Kilometer in Planung. Herzstück der Radwanderwege sind die "Voie Vertes" (Grünen Wege), die oft an Flussufern durch einige der schönsten Naturlandschaften führen. Auch durch das vielgerühmte Tal der Loire. Noch ist sie nicht sehr weit von ihrem Quellgebiet beim Mont Gerbier-de-Jonc nach Norden geflossen, da wird sie bereits ihrem Ruf gerecht. Zum stattlichen schiffbaren Fluss angeschwollen, zieht sie in zahlreichen Bögen durch dicht bewaldete Hügel, vorbei an Schlössern und Burgen. Den Bewohnern der nur 20 Kilometer von ihren Ufern entfernten 170.000-Einwohner-Stadt Saint-Étienne bietet die Loire gar den beliebtesten Sandstrand der Region.

Die Karte dieses südöstlichen "Ecks" der Grande Nation zeigt nicht viele Städte, dafür umso mehr attraktive "villages de caractère", Dörfer mit Charakter.

Dieser begehrte Ehrentitel wird an Gemeinden mit höchstens 2000 Einwohnern verliehen, deren architektonisches und landschaftliches Erbe die Entwicklung des Tourismus fördert. Ein Musterbeispiel ist das winzige Dorf Châtelus im Département Allier, dessen jovialen Bürgermeister wir im einzigen Gasthaus, gleich neben der schönen Kirche Saint-Cyr, treffen. Voll besetzt ist es, freut sich die Wirtin: "Zwölf Gäste, das sind bei uns zehn Prozent der Gemeindebevölkerung!" Ein Netz gepflegter Wanderwege umgibt Châtelus. Im Dorf lohnt sich ein Besuch des "Maison des Dîmes", einer wohnlich gepflegten Festung aus dem 12. Jahrhundert, und ein gut bestücktes Schulmuseum birgt zahllose Erinnerungen an den Lehrer- und Schüleralltag vergangener Jahrzehnte.

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Im Museum: Erinnerungen an die Schulzeit früherer Generationen in Châtelus

Das Kurbad Châtelus liegt nur 25 Kilometer außerhalb der 25.000-Einwohner-Stadt Vichy am Fluss Allier, ein bedeutendes Heilbad ("Reine des villes d’eaux, Königin der Kurbäder"), als Aquae Calidae schon vor 2000 Jahren von den Römern hoch geschätzt. Napoleon III. (1848-1852 Staatspräsident, dann Kaiser bis 1870) wählte Vichy als Sommerresidenz und löste damit einen riesigen Vichy-Boom aus. In dieser Zeit wurde die Stadt mondän ausgebaut, mit Boulevards und englischen Parks, mit einem Thermalzentrum samt Trinkhalle, einem 700 Meter langen Wandelgang und einem Bad in orientalischem Stil.

Vor dem Ersten Weltkrieg kamen pro Jahr fast 100.000 Kurgäste nach Vichy. Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt Sitz des "Vichy-Regimes", da sie als Kurort über 300 Hotels verfügte und so zahlreichen Offizieren und Beamten Unterkunft bieten konnte. Heute ist Vichy wieder "in", die Flusspromenade am Allier ist einfach herrlich. Trotzdem musste Tourismusdirektor Jérôme Joannet viele Widerstände überwinden, um zeitgemäße Projekte durchboxen zu können. "Vor 15 Jahren waren bedeutende Bauwerke der Stadt, etwa die Oper und das Kongresshaus, für Besucher geschlossen! Es war sehr schwierig, das aufzuweichen." Einen Hauptgrund für das Beharren im Gestern hat Jérôme Joannet ausgemacht: "Die Leute hier reisen nicht. Ein Kurztrip in die Hauptstadt Paris reicht ihnen schon." Wir Ausländer sollten uns daher nicht ärgern, sagt er, wenn sich ältere Franzosen scheinbar weigern, auf Fragen in einer Fremdsprache zu antworten: "Sie verstehen es nicht. Denn sie wollten nie eine andere Sprache lernen." Das ist zum Glück überwunden.

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"Grüne Radwege" führen durch die schönsten Naturlandschaften.

Gut zu wissen

Anreise: Tägliche Direktflüge Wien-Lyon mit AUA und EasyJet

Tipp: Beim Heimflug ab Lyon, wenn möglich, Fensterplätze auf der rechten Seite reservieren, herrlicher Blick zum Mont-Blanc-Massiv

Unterkunft: Hôtel Beausejour*** in Le Béage, www.beausejouraubeage.com, Halbpension 66 € p.P. im DZ

Brit Hotel*** in Roanne, roanne.brithotel.com

Allgemeine Infos:

Französische Zentrale für Tourismus: https://at.france.fr

Tourismusverband Auvergne-Rhône-Alpes: http://en.auvergnerhonealpes-tourisme.com

Tourismusamt Ardèche: www.ardeche-tourisme.com

Tourismusamt Loire: www.loiretourisme.com

Great Mountain Bike Trail: www.ardechevtt.com

Naturpark Monts d’Ardèche: www.destination-parc-monts-ardeche.fr

Naturführer: Sébastien Michel: guidenaturerandonnee.com 

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