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Kultur

Trauer hat immer auch mit Liebe zu tun

Von Valerie Hader   19. April 2019

Trauer hat immer auch mit Liebe zu tun

Mechthild Schroeter ist Trauerbegleiterin und arbeitet mit den Angehörigen jener Schüler, die 2015 beim Absturz der Germanwings-Maschine ums Leben kamen.

Am 24. März 2015 um 10.41 Uhr zerschellte die Germanwings-Maschine 9525 an einem Bergrücken in den südfranzösischen Alpen. Alle 150 Insassen kamen ums Leben – unter den Toten waren auch 16 Schüler des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern am See.

Nur Stunden nach Bekanntwerden der Tragödie rief man Mechthild Schroeter-Rupieper zu Hilfe. Die 55-Jährige aus Gelsenkirchen ist Gründerin des Instituts für Trauerbegleitung und arbeitet vor allem mit Kindern, Jugendlichen und deren Eltern. Diese Woche war die deutsche Autorin zu einem Vortrag bei den Elisabethinen in Linz zu Gast, zuvor trafen sie die OÖNachrichten zum Interview.

 

OÖN: Wie geht es den Jugendlichen, die ihre Geschwister und Freunde bei dem Flugzeugabsturz verloren haben?

Mechthild Schroeter-Rupieper: Wir arbeiten immer noch mit ihnen. Viele machen gerade Abitur oder bereiten sich aufs Studium vor – und haben das Gefühl, sie hätten ihre toten Geschwister, die ja eigentlich vor ihnen dran gewesen wären, sozusagen "überholt".

Sie trauern also noch immer?

Bei allen Menschen, besonders aber von Kindern und Jugendlichen, wissen wir, dass sie sich anfangs erst einmal an die Gegebenheiten anpassen und erst später nach und nach die Tragweite des Geschehenen richtig erfassen.

Das heißt, es wird schlimmer?

Angenommen, Ihr Mann stirbt. Nach einem Jahr denken die Leute, jetzt sei genug Zeit vergangen und alles ist wieder gut. Dabei begreifen Sie dann vielleicht erst wirklich, was es heißt, wenn er weg ist: dass Sie ihm nie wieder etwas erzählen können, wenn Sie nach Hause kommen, dass der Rasen nicht gemäht wird, dass Sie allein auf Urlaub fahren müssen ...

Gibt es denn nicht so etwas wie eine Faustregel, wie lange Trauer dauert oder auch dauern "darf"?

Nein, Trauer ist ja im Unterschied zu einer Depression keine Krankheit, die mit allen Mitteln weggehen soll. Trauer darf bleiben. Wenn jemand mit 15 Jahren seine Mama verloren hat, dann darf er auch mit 50 noch traurig darüber sein. Es geht aber schon darum, dass die Trauer nicht das ganze Leben bestimmt.

Kann man Trauer irgendwie abschütteln?

Nein – und es gibt auch keine Tablette dagegen. Man muss sie zulassen, denn Trauer ist in Wahrheit der einzige Weg zur Heilung.

Aber es will ja niemand traurig sein!

Das ist das Problem in unserer Gesellschaft: Negative Gefühle werden gern weggeschoben. Die Traurigkeit wurde uns dabei von Kind an abtrainiert. Wir haben gelernt, tapfer zu sein, die Zähne zusammenbeißen, nicht zu weinen. Doch wer Trauer unterdrückt, läuft Gefahr, eine Depression zu entwickeln.

Gibt es Unterschiede in der Tiefe der Trauer?

Das ist abhängig von der Art Beziehung, des Verlusts und des Glücks. Trauer hat immer auch mit Liebe zu tun. Wenn wir etwas verlieren, das wir sehr lieben, dann trauern wir – das geht gar nicht anders.

Was sagen Sie Menschen, die Angst haben, dass das Leben nie wieder gut wird?

Ich frage dann: Was ist gut? Natürlich wird es nie wieder so sein wie vorher – aber es kann auf andere Weise "gut" werden.

Was hilft dabei?

Zuallererst die Trauer zuzulassen. Auch die Begegnung mit Menschen ist sehr wichtig – und für mich persönlich der Glaube. Weinen hilft, genauso Bewegung, die Natur, Schreiben oder Musikhören. Im Grunde alles, was man tun kann, damit es einem auch in schlechten Zeiten gut geht. Und nicht zu vergessen: Erlauben Sie sich auch, zu lachen, denn Trauer und Glück erlebt man nicht hintereinander, das ist auch abwechselnd möglich.

Noch ein Tipp, was man in guten Zeiten tun kann?

Es sich so schön wie möglich machen. Das Leben legt einem automatisch immer wieder Schweres in die Waagschale. Deshalb ist es – bildlich gesprochen – sinnvoll, darauf zu schauen, dass die andere Seite der Waage gut mit Freude und Fröhlichkeit gefüllt ist. So bleiben wir leichter in Balance.

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