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OÖN-Filmkritik

"Lamb": Schweigen des Lämmchens

Von Nora Bruckmüller  10. Januar 2022 12:00 Uhr

Kuschelnd ins Unbehagen: Noomi Rapace als Schafzüchterin Maria im Kinofilm „Lamb“

Islands Oscar-Anwärter „Lamb“, ein fast exquisiter Horror.

Es sind Blicke, die Bände sprechen, die sich Ingvar und Maria zuwerfen. Das Paar, das in den wunderschön naturbelassenen Weiten Islands Schafe züchtet, hat einem Lämmchen auf die Welt geholfen. Doch etwas verwundert sie.

Maria, verkörpert von Noomi Rapace („Verblendung“, „Prometheus“) nimmt es mit in ihr abgelegenes Haus. Sie wird ein altes Gitterbett hervorholen und es darin beobachten, wie eine Mutter ihr schlafendes Baby. Ingvar, gespielt vom gebürtigen Isländer Hilmir Gudnason, wird es halten und herzen wie ein Vater.

Je länger, je inniger diese Dreiecksbeziehung wächst, umso entrückter und seltsamer fühlt sich die Atmosphäre an, mit der Valdimar Johannsson sein Langfilmdebüt in aller Stille flutet. Das zunächst aus dem Rahmen fallende Bild eines Paares, das sich um ein Tier kümmert wie um ein Baby, mag allein verstimmen. Doch kippt es in eine filmische Erzählung, die ihresgleichen sucht.

Denn das neue Leben, das sie Ada nennen, trägt den Kopf eines Lämmchens auf dem Körper eines größer werdenden Menschleins, das keine Anstalten zeigt, zu sprechen zu beginnen.

Abgeschiedenes Unglück

Ein Umstand, den man einem visuell abgedrehten, trashig-futuristischen Horror zuschreiben würde. Oder in jenem Untergenre verorten, das sich auf abgründige wie blutige Adaptionen alter Volkssagen versteht. Doch Johansson hat bis zu diesem Moment eine so stimmige und klare Umgebung geschaffen, auch dank mit dem Europäischen Filmpreis prämiertem Können in Sachen Spezialeffekte, dass alles zu stimmen scheint: eine abgeschiedene Welt außergewöhnlichen Glücks.

Bis auf die nicht zu verdrängende Tatsache, die Ingvars Bruder (Björn Haraldsson) in das ruhig dahingleitende Landleben blökt: „Das ist krank!“. Während das menschliche Trio alten Schmerz und neue Akzeptanz verhandelt, breitet Johannsson über Islands Oscar-Beitrag geschickt eine Frage voll Unbehagen aus: Wie krank ist es von Menschen, von der Natur zu nehmen, weil sie es schlicht können?

„Lamb“ wird somit in all seiner Zärtlichkeit zum ultimativ harten Gleichnis auf krude Ökologie wie auf familiäre Besitzfragen. Wem gehört ein Kind überhaupt?

Wem Ada? Die Antwort, die „Lamb“ findet, kann man in etwa so beschreiben: Müsste man ein Bild zu jenen furchteinflößenden schweigenden Lämmern finden, von denen Clarice Starling (Jodie Foster) einst Dr. Lecter (Anthony Hopkins) erzählte, dieser Film hätte es bereits. Es hilft im Finale auch darüber hinweg, dass einem der faszinierendsten Horrorfilme 2021 trotz großem Schauspiel zuweilen die Luft ausgeht.

„Lamb“: ISL/S/PL 2021 106 Min.

OÖN Bewertung:

Der Trailer zum Film:

Artikel von

Nora Bruckmüller

Redakteurin Kultur

Nora Bruckmüller

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