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„Ich stehe automatisch unter Verdacht“

Von Von Christoph Zöpfl   15. November 2008 00:00 Uhr

RIED. Sein Name wird immer wieder mit mutmaßlichen Doping-Netzwerken verknüpft: Im OÖN-Interview nimmt Sportmediziner Helmut Stechemesser zu den Vorwürfen Stellung und geht in die Gegenoffensive.

OÖN: Deutschlands Doping-Experte Werner Franke hat Sie als einen „Handlanger des DDR-Staatsdopings“ und einen Vertreter der „Leipziger Schule“, die sich auf Blut-Doping spezialisiert hat, bezeichnet. Können Sie diese Vorwürfe nachvollziehen?

Stechemesser: Überhaupt nicht. Franke ist sicherlich ein sehr belesener Experte, der Zugang zu allen Akten hat. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er in seinen Unterlagen irgendwo meinen Namen, geschweige denn belastendes Material gegen mich finden kann.

OÖN: Sie haben Ihre Ausbildung im Sport-Institut von Leipzig gemacht, wo nachweislich auch in Sachen Doping geforscht und experimentiert wurde.

Stechemesser: In diesem Institut waren 650 Mitarbeiter beschäftigt, es gab eine kleine Sektion, die endokrinologische Abteilung, in der offenbar diese Doping-Untersuchungen liefen. Von diesen Entwicklungen habe ich nichts mitbekommen. Leute, die wie ich in der sportmedizinischen Ausbildung standen, wurden mit diesen Sachen bewusst nie konfrontiert.

OÖN: Einem Sportmediziner aus der ehemaligen DDR glaubt man das offenbar nicht, sonst würde Ihr Name nicht immer wieder im Dunstkreis verschiedener Dopingfälle auftauchen.

Stechemesser: Ich stehe automatisch unter Verdacht, weil ich aus der Ex-DDR komme. Und das ist unfair und tut mir weh. Die Gleichung „Medizin plus DDR plus Sport ist gleich Doping“ stimmt nicht. Wir haben in Leipzig mit einem enormen Aufwand leistungsdiagnostische Erkenntnisse gewonnen. Beim sportwissenschaftlichen Know-how hatte die DDR einen Vorsprung auf viele Nationen.

OÖN: Beim Doping vermutlich auch.

Stechemesser: Ich will ganz sicher nichts beschönigen, aber gedopt wurde damals nicht nur in der DDR.

OÖN: Die Frage ist, welche Art von Know-how exportiert wurde, als nach der deutschen Wiedervereinigung Sportärzte und Trainer aus der DDR in das Ausland, nicht wenige auch nach Österreich, geholt wurden.

Stechemesser: Ich kann nur für mich sprechen. Ich bin seit 18 Jahren im Innviertel als Facharzt für Sportmedizin und Leistungsdiagnostiker. In Aspach kümmern wir uns als von der Landessportorganisation offiziell akkreditiertes Institut auch um Leistungssportler. Als ehemaliger Mittelstrecken-Läufer versuche ich außerdem, meine Erfahrung und mein wissenschaftliches Know-how möglichst gut einzubringen. Ich war aber nie ein Trainer, der mit der Stoppuhr an der Laufbahn steht.

OÖN: Wie sind Ihre Trainingspläne aufgebaut?

Stechemesser: Ich bin ein Verfechter des Intervalltrainings. Das ist sehr belastend, die Sportler müssen sich dabei quälen, aber anders geht es nicht. Die Erfolge meiner Schützlinge zeigen, dass ich damit nicht verkehrt liege. Mit den Erfolgen kamen aber auch die Neider.

OÖN: Sie haben Theresia Kiesl betreut, führten Stephanie Graf in die Weltklasse. Einige Ihrer Schützlinge wie Jolanda Ceplak, Simon Vroemen oder zuletzt Susanne Pumper wurden des Dopings überführt. Haben Sie als Sportmediziner nie bemerkt, dass Ihre Athleten nicht sauber laufen?

Stechemesser: Nein. Vroemen hab ich nur bis 2004 betreut, den positiven Doping-Test gab es erst heuer. Außerdem bin ich ja nicht permanent mit meinen Athleten zusammen. Ich mache die Trainingspläne und halte Kontakt per Telefon oder Mail, jeden einzelnen Schritt überwache ich nicht. Susanne Pumper ist außerdem für mich keine Doping-Sünderin. Nach meinen heutigen Erkenntnissen könnten die Ergebnisse von Ceplak durchaus ähnlich gelagert sein.

OÖN: Warum?

Stechemesser: Susis Befund wurde falsch interpretiert. Es gibt ein Gutachten von drei Universitätsprofessoren, die wirklich keine Hanseln sind, das bestätigt, dass es nach den Kriterien der WADA (Anm.: Welt-Anti-Doping-Agentur) keine positive Doping-Probe von der Susi gibt. Ich habe ihr geraten, sie soll gegen das Urteil bis zum Umfallen kämpfen.

OÖN: Wie geht man bei der neuen NADA (Nationale Anti-Doping-Agentur) mit diesem Vorwurf um?

Stechemesser: Das ist ein Skandal, für den sich in Österreich kein Journalist interessiert. Die NADA hat die Gutachten der Experten einfach ignoriert. Sogar Professor Franke spricht sich gegen die bei Pumper angewandte Gasepo-Methode aus.

OÖN: Würden Sie für Ihre Sportler die Hand ins Feuer legen?

Stechemesser: Für die Susi schon.

OÖN: Wollen Sie überhaupt noch mit Weltklasse-Leichtathleten arbeiten, wenn Sie immer befürchten müssen, dass auch Ihr Name in den Schmutz gezogen wird, wenn es eine positive Doping-Probe gibt?

Stechemesser: Ich habe mit meiner Frau darüber geredet und denke jetzt, dass ich so etwas genau aus diesem Grund nicht mehr machen will. Mit österreichischen Sportlern hätte ich aber kein Problem. Ich möchte mich über niemanden lustig machen, aber Österreichs Leichtathleten bewegen sich leistungsmäßig in einem Bereich, der unverdächtig ist.

OÖN: Wo sollte Ihrer Meinung nach die österreichische Doping-Jagdgesellschaft auf Spurensuche gehen?

Stechemesser: Wer ist diese Jagdgesellschaft?

OÖN: Es gibt Journalisten, die viele Dinge nicht mehr mit einem Augenzwinkern beobachten wollen.

Stechemesser: Wenn sich nur Journalisten um dieses Problem annehmen, dann ist es vergebene Liebesmüh‘. Da müssten schon auch die Behörden ernsthaft mitarbeiten, sonst gibt es nur Verdächtigungen und keine Ergebnisse.

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