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Hoamatland

Wo’s wuselt

05. Juni 2021 00:04 Uhr

Wo’s wuselt

Das eigene Henderl sei der moderne Luxus, sagt Geflügelzüchter Christoph Weiss. Josef Lehner geht für das „Hoamatland“ der Frage nach, warum in so vielen Privathaushalten wieder – wie zu Omas Zeiten – Legehennen und Masthenderl gehalten werden.

Mancher gibt sich viele Müh’ Mit dem lieben Federvieh: Einesteils der Eier wegen, Welche diese Vögel legen, Zweitens, weil man dann und wann Einen Braten essen kann;

Zappelige Kinder, fröhliche Stimmung: Auf dem Parkplatz der Firma Weiss in Fraham bei Eferding wähnt man sich fast wie in einem Vergnügungspark. Eltern beziehungsweise Großeltern kaufen hier Küken oder junge Legehennen, weil sie nicht nur gerne ihr Gemüse und Obst selbst erzeugen wollen, sondern – wie ihre Vorfahren auch – Geflügel beziehungsweise Eier.

Dabei spielt die Freude und Erwartung der Kinder eine wichtige Rolle. Sie sollen auch in die Haltung der neuen Haustiere eingebunden werden. "Für die Kinder werden in vielen Familien ein paar Hühner gekauft", sagt Martin Mayringer, Geflügelreferent der Landwirtschaftskammer Oberösterreich: "Wenn die Kinder erwachsen sind, werden sie wieder weggegeben." Seit der Covid-Pandemie sei jedoch auffällig, dass wieder viel mehr Familien, die die passende Gartenfläche haben, auch beim Geflügel Selbstversorger sein wollen. Für Christoph Weiss, den Eigentümer des gleichnamigen Geflügelhofes, geht es um mehr: "Es ist der moderne Luxus, sich die Nahrungsmittel selbst zu erzeugen." Dazu gehöre auch, dass Kunden keine Durchschnittsware haben wollen, sondern dass sie exotische Rassen bevorzugen, etwa Hühner, die nicht weiße oder braune Eier legen, sondern grüne. Die präsentiere man dann stolz seinen Freunden und Bekannten.

Der 51-jährige gelernte Kaufmann hat vor 33 Jahren, also mit 18 Jahren, den kleinen Nebenerwerbsbetrieb der Eltern mitten in Fraham übernommen. Er gewann viele Bauern als Stammkunden für seine jungen Hühner, Puten, Enten und Gänse. Seit einem Jahrzehnt spürt er aber besonders die Nachfrage von Privaten, die Geflügel wieder im eigenen Ministall beziehungsweise im Hausgarten halten wollen. "Die Qualität des Eies, des Geflügelfleischs, das ist vielen Menschen heute wieder ganz wichtig", sagt Weiss.

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Christoph Weiss in Fraham bietet nicht nur Hühner und Beratung an, auch die passende Ausstattung und Zubehör gibt es hier.

Bonjour statt Adieu

2015 hat er im Gewerbegebiet nahe Fraham einen Verkaufsstall bauen lassen. Das ist eine Besonderheit, weil die Kunden das Federvieh bestaunen dürfen: "Bei uns sehen die Leute, was sie kaufen können. Dafür müssen wir hohe Auflagen erfüllen, weil sonst niemand in einen Stall darf." Die Produktion von Eiern und Geflügelfleisch ist in den vergangenen Jahrzehnten sehr spezialisiert worden, international und natürlich auch in Österreich, trotz bescheidener Dimensionen. Sie wird von einigen großen Geflügelschlachthöfen mit Vertragsbauern abgewickelt, zweifelsohne auf hohem qualitativem Standard. Daneben sind aber viele Bauern, die dem Vieh schon vor vielen Jahren adieu gesagt haben, neu eingestiegen. Sie haben Baulichkeiten und Freiflächen, um ein paar hundert Enten oder Gänse zu mästen.

Rund ein Drittel ihres Umsatzes macht die Firma Weiss mit Wassergeflügel – ein Geschäft, das sich auf ein paar Monate beschränkt, mit dem Schlachtzeitraum von November bis Weihnachten. Mehr als die Hälfte machen jedoch Hühner aus, und da sind stärker denn je Private die Hauptkundschaft. "Wir haben vorrangig Detailverkauf und Kleinkunden", sagt Weiss.

Aus dem ganzen Land kommen sie angefahren, um sich Tiere auszusuchen. Die Nachfrage sei heute sehr divers. Die Eferdinger bieten nicht bloß die drei Hauptrassen Braune, Schwarze und Weiße, sondern neun weitere, also Exoten. »

» Angefangen habe es mit Sussex, wofür er sich die Bruteier selbst in Norddeutschland habe organisieren müssen. Heute seien die Grünleger besonders beliebt, weil sie eben grüne Eier legen. Die Rasse Maran wiederum liefert täglich ein schokobraunes Ei, die Königsberger und die Tricolore braune – und so weiter. "Wer sich nur ein paar Stück in seinem Garten hält, der will einfach optisch etwas anderes haben als die klassischen Hennen. Viele nehmen sich von jeder Rasse ein Exemplar."

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Henderl als Lebensphilosophie

War das Federvieh früher in ländlichen Haushalten eine notwendige Nahrungsquelle, so steht es heute für Lebensphilosophie. Er selbst sehe außerdem, wie viele Kunden auch, eine ökonomische Komponente, sagt der Geflügelexperte: Eine braune Junghenne koste 12,50 Euro, eine Grünleger 17 Euro. Jede würde nur 25 Kilo Futter im Jahr (19 Euro) fressen und in derselben Zeit Eier im Wert von rund 90 Euro liefern. "Legehennen bringen viel mehr als ein Bausparvertrag." Außerdem könne man sich die Biotonne sparen, weil das Federvieh Salatblätter und anderen Küchenabfall liebe.

Wer sich auf dem Weiss-Parkplatz nahe Fraham bei den Kunden umhört, der erhält ähnliche Aussagen: Das eigene Henderl oder Ei soll es sein. "Die Oma hat das auch gemacht", sagt ein junges Paar aus Rohrbach. Es hat ein halbes Dutzend Legehennen gekauft. Das reiche für die Eigenversorgung. Junghennen werden bei der Firma Weiss erst im legereifen Alter von 18 Wochen abgegeben. Auch die nur einen Tag alten Singerl zur Geflügelmast sind sehr beliebt. Der Private füttert sein Fleischhenderl nicht bloß 45 Tage wie in der Profi-Mast. Richtig geschmackvoll seien Tiere mit bis zu zwei Kilo Schlachtgewicht.

Trotzdem gibt es Hürden, weiß Kammerexperte Mayringer: Wer auch nur ein einziges Hendl halte, müsse das sofort bei der Bezirkshauptmannschaft melden. Das ist seit dem wiederkehrenden Auftreten der Hühnerpest vor rund 15 Jahren wegen des Seuchenschutzes nötig. Erst kürzlich gab es in Gramastetten wieder einen Fall von Vogelgrippe. Sie ist für Menschen ungefährlich und sei auch mit der warmen Jahreszeit nicht mehr bedrohlich, sagt Mayringer: "Das ist wie beim Covid-Virus." Es ist erlaubt, pro Quadratmeter Stall bis zu sechs Hennen und einen Hahn zu halten. "Ein Hahn, das ist aber absolut unklug", sagt Mayringer: "Das ist die Ursache von Problemen mit Nachbarn." Mit Hühnern gebe es die im Normalfall nicht. Aber: In Wohngebieten sei trotz widersprüchlicher Gesetzeslage Geflügel nicht mehr erlaubt. Auch in Streulagen müsse der Halter Nachbarn vor Schäden schützen: "Wenn die Hühner beim Nachbarn ständig die Blumen ausrupfen oder auf die Gred pfeffern, dann muss man halt einen Zaun errichten."

Früher sei das am Land als ortsüblich toleriert worden. Vor 50 Jahren hätten am Land nicht nur alle Bauern, sondern auch viele "Häuslleute" ihr Geflügel gehabt. Heute sind es selbst bei den Bauern nur noch rund die Hälfte, allerdings auch mit steigender Tendenz. Professionelle Legehennen- und Masthühnerhalter gibt es ja in ganz Österreich nur rund 1700.

Vollausstatter für die Hühner

Den neuen Hobbyhaltern hilft Familie Weiss eine große Hürde zu nehmen, mit ihrem Rundum-Service. Kleinställe, Tränken oder Futter hätten zwar heute alle Baumärkte und Lagerhäuser im Angebot. Weiss übernimmt aber sogar die Schlachtung. Jeder Kunde könne mit seinen Tieren kommen und sie in seinem EU-zertifizierten Schlachtbetrieb verarbeiten lassen, bis sie bratfertig sind. Das werde besonders bei Enten und Gänsen in Anspruch genommen. Saisonal sind bis zu zehn Personen mit der Schlachtung beschäftigt. Auch Stallausstattung verkauft der Vollversorger, und natürlich das Futter. "Wer eine verlässliche Legeleistung haben will, muss professionell füttern", meint der Experte. Weiss setzt trotz des hohen Preises auf heimisches Donau-Soja, konventionell oder bio.

Die Eferdinger verkauften früher fast ein Drittel ihrer Jungtiere auf Kleintiermärkten, wie sie regelmäßig im ganzen Land stattfinden. Wegen der Covid-bedingten Absagen befürchtete der Unternehmer einen Umsatzeinbruch. "Tatsächlich ist der Verkauf gestiegen, weil die Kunden jetzt nach Fraham kommen", sagt der Unternehmer. Noch eine andere Zahl beweise ihm, dass er mit seinen Produkten voll am Puls der Zeit sei: "Wir verkaufen jedes Jahr ein bisschen mehr Junghennen, obwohl jede ja rund drei Jahre Eier legt."

Richtig wachsen wolle er mit seinem Unternehmen, in dem mittlerweile auch Tochter Magdalena und Sohn Alexander arbeiten, nicht mehr. "Damit du ordentliche Ware liefern kannst, musst du zwar eine gewisse Größe haben, aber unüberschaubar darf es nicht werden, denn wir sind für Qualität bekannt." 

Zahlen und Fakten

  • 356.000 - 1970 gab es in Österreich rund 356.000 Geflügelhalter mit rund zwölf Millionen Tieren. 2020 wurden rund 50.000 Halter registriert mit rund 15 Millionen Tieren, wovon jedoch der Großteil von den rund 1700 Vollerwerbsbetrieben gehalten wurde.
  • 20,9 kg - In Österreich werden pro Jahr rund 185 Millionen Kilogramm Geflügel konsumiert, Hühner, Puten, Enten und Gänse. Das sind 20,9 Kilogramm pro Kopf. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei 72 Prozent, bei Hühnern sind es rund 80 Prozent, bei Puten weniger als 40 Prozent.
  • 18 Wochen - Die Firma Weiss lässt von 16 Betrieben in Oberösterreich die Eier für ihre Jungtiere ausbrüten. In Fraham werden die Mastküken am ersten Lebenstag verkauft. Junghennen werden mit 18 Wochen abgegeben, wenn sie legereif sind.
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