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Hoamatland

Nikolaus und das Brot

Von Helmut Wittmann   04. Dezember 2021 00:04 Uhr

Nikolaus

Diese Legende vom Nikolaus hat der Volkskundler Felix Karlinger aufgeschrieben. Helmut Wittmann erzählt sie nach ...

Wårs a so, oder wårs net a so, und warats net a so g’wen, daunn kunnt i’s net a so vazöln, da hat ein junges Mädchen gelebt. Der ist die Mutter gestorben. So hat der Vater wieder geheiratet – auch damit die Tochter eine gute Mutter hat. Die Stiefmutter war aber alles andere als eine gute Mutter. Das hat der Mann gesehen – so verliebt er auch war in seine neue Frau.

Um die Tochter gut versorgt zu wissen, hat er ihr deshalb das Haus überschrieben. Sie sollte auch nach seinem Tod ein gutes Fortkommen haben. Da wollte er sicher sein. Und wie es das Schicksal will: Bald darauf starb der Mann. Jetzt aber war die Tochter der Stiefmutter umso mehr im Weg. Zum einen, weil sie sie einfach nicht verputzen konnte, zum anderen, weil sie zwischen ihr und dem Haus stand. Aber was tun?

Am Friedhof tanzen die Toten

Der Advent hatte kaum begonnen, da fiel der Stiefmutter eine List ein. Sie ließ nach der Sonntagsmesse ihren Mantel in der Kirche liegen. Am Abend meinte sie dann zur Stieftochter: "Ich hab’ offenbar meinen Mantel in der Kirche vergessen. Sei so gut und hol ihn mir."

"Aber, Mutter", meinte das Mädchen, "es heißt, dass jetzt im Advent gegen Mitternacht die Toten am Friedhof tanzen. Wehe, wenn sie da jemand stört. Am Weg zur Kirche muss ich aber über den Friedhof gehen. Passt’s, wenn ich dir den Mantel morgen hole?" "Du bequemes Ding", rief die Stiefmutter, "willst nicht hinaus in die Winternacht. Ich brauche den Mantel. Schnell, scher dich fort!"

Da machte sich das Mädchen auf. Wohl war ihr bei dem Ganzen aber nicht. Am Weg durch die Stadt kam sie an einer Kapelle des heiligen Nikolaus vorbei. Dort begegnete ihr ein alter Mann. "Wo willst du denn so spät hin?", fragte er. Da erzählte sie ihm die Geschichte, dass sie den Mantel holen müsse und dass sie Angst habe vor den Toten am Friedhof."

"Warte", meinte der Alte darauf und verschwand in der Kapelle. Heraus brachte er ein Stück Brot. "Nimm das", meinte er, "und gib es den Toten am Friedhof. Sag ihnen, dass es vom Nikolaus stammt." Da war dem Mädchen leichter. Sie dankte dem Alten und ging weiter zur Stadtpfarrkirche.

"Der Duft ist wie Nahrung für uns"

Wirklich tanzten am Friedhof schemenhaft die Toten. Es musste wohl kurz vor Mitternacht sein. Als sie das Mädchen entdeckten, kamen sie näher und umringten es. "Was willst du hier?", fragte eine der Gestalten. "Den Mantel meiner Mutter soll ich holen", sagte sie, "und für euch habe ich auch etwas. Könnt ihr das für mich halten? Es ist vom Nikolaus." Neugierig nahmen die Gestalten den Laib. "Wie gut das duftet!", meinte einer der Toten. "Lass mich auch riechen!", meinte eine andere. Das Mädchen aber huschte schnell in die Kirche. Wirklich lag da der Mantel. Gleich war sie mit ihm wieder heraußen.

Bei der Friedhofsmauer gaben ihr die Toten das Brot zurück. "Essen können wir das Brot nicht mehr", meinte eine der Gestalten, "aber der Duft ist wie Nahrung für uns!" So brachte sie das Brot wieder dem Nikolaus. "Geh unbesorgt nach Hause", meinte er, "jetzt ist alles gut." Gut war aber nichts, als sie zuhause ankam. Nein. Die Stiefmutter war fuchsteufelswild, als das Mädchen zurückkam. "Du warst nicht in der Kirche", schimpfte sie. "Doch", sagte das Mädchen, "hier ist er – dein Mantel!"

"Das ist nicht mein Mantel", gab die Stiefmutter trotzig zurück. "Es war aber kein anderer in der Kirche", meinte das Mädchen. "Das werden wir schon sehen", erwiderte die Stiefmutter. Sie schnappte den Mantel und machte sich auf zur Kirche. In ihrer Wut nahm sie die tanzenden Toten am Friedhof zuerst gar nicht wahr. Dann aber war sie von ihnen umringt: "Eine Lebende am Friedhof ... um diese Zeit!", hauchte eine der Gestalten in einem sonderbaren Singsang: "Jetzt musst du aber auch mit uns tanzen!"

Was dann geschehen ist: Wer weiß? Zurück kam die Stiefmutter nicht. Das Mädchen aber hatte fortan ein glückliches Leben. So ist es überliefert.

Der Autor Helmut Wittmann

Seit mehr als 23 Jahren ist Wittmann Märchenerzähler von Beruf. Auf seinen Antrag nahm die UNESCO das Märchenerzählen in Österreich in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Wittmann veröffentlichte unter anderem bei Tyrolia „Sagen aus Oberösterreich“ und bei Ibera „Das große Buch der österreichischen Volksmärchen“.

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