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Reisen

Sonne, Berge, Meer und eine große Eselfamilie

Von Roswita Fitzinger 15. Juni 2019 00:04 Uhr

Sonne, Berge, Meer und eine große Eselfamilie
Auf Korsika finden Wanderer, Bergsteiger und Sonnenanbeter gleichermaßen Erholung.

Auf Korsika finden Wanderer, Bergsteiger und Sonnenanbeter gleichermaßen Erholung. Wildschwein und Ziege bestimmen den Speiseplan und ein störrischer Esel ist Namensgeber einer österreichischen Enklave im Norden. Da gerät der berühmteste Sohn der Insel, Napoleon, beinahe ins Hintertreffen.

Schneebedeckte Berge drängen sich ins Blickfeld, als das Flugzeug zur Landung in Calvi ansetzt. Die vor eineinhalb Stunden verlassene Heimat lässt sich nicht so leicht abschütteln – auch am Boden nicht. Die erste Kreuzung, die es zu passieren gilt, wird als Kreisverkehr der Österreicher vorgestellt, und wer den Blick ins Landesinnere schweifen lässt, erspäht auf 700 Metern Höhe ein Gipfelkreuz, das einzige auf Korsika übrigens. Es ist das Kreuz der Österreicher, das sich am Capu Di à Veta, dem Hausberg von Calvi, erhebt. Wer hinabblickt, genießt nicht nur einen hervorragenden Ausblick auf die Küstenstadt und ihren fünf Kilometer langen Sandstrand, sondern erspäht zwischen den Pinien auch viele kleine Dächer. Sie gehören zum Feriendorf, gegründet von – Sie ahnen es sicher – Österreichern. "Club Alpin Autrichien" heißt es offiziell, bekannt ist es allerdings unter einem anderen Namen, den man, hat man ihn erst einmal gehört, nicht so schnell wieder vergisst.

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Zitadelle von Calvi

Die Sache mit dem Esel

Die Geschichte des Feriendorfs "Zum störrischen Esel" ist einzigartig wie die Insel selbst. Kurt Müller hat sie oft erzählt. "Ich könnte ein Buch darüber schreiben, nur das Ende habe ich noch nicht gefunden", sagt der 84-jährige Vorarlberger. An den Anfang kann er sich bestens erinnern. Vor 60 Jahren hatte ihm nämlich ein gewisser Helmo von Doderer, "Bergsteiger, Abenteurer und Mann der tausend Ideen", wie Müller sagt, von der Schönheit Korsikas vorgeschwärmt. Die beiden befanden, die Bergwelt der Insel mit ihren mehr als 50 Gipfeln, die höher als 2000 Meter sind, müsste man den Alpenvereins-Mitgliedern schmackhaft machen. Es begann mit einem Zeltlager am Strand von Calvi. "Lebensmittel, Matratzen bis hin zu den Töpfen haben wir alles mitgenommen", erinnert sich Müller. Nicht weniger abenteuerlich gestaltete sich die Anreise über Mailand und Genua. "In Nizza wurden die Autos mit dem Kran verladen."

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In der Oberstadt Calvis wurde angeblich Christoph Kolumbus geboren.

Es war der Startschuss für eine Erfolgsgeschichte. Die Zelte wichen irgendwann kleinen Holzhäuschen, die man selbst zusammenbaute und bunt anstrich, der Standort wurde 300 Meter landeinwärts verlegt und auch der Komfort stieg. Dennoch: "Meine Devise war immer: Nur ja kein Luxus, sondern qualifizierte Einfachheit." Diese Philosophie hat bis heute Bestand. Minibar und Fernseher sucht man in den Bungalows vergebens. Dafür wird Gemeinschaft groß geschrieben. Man trifft sich mittendrin beim Bocciaspielen oder beim Herzerlbaum. Nur hier gibt’s WLAN, außerdem Quiz-, und Musikabende, Kasperltheater und Bastelstunden in der Villa Kunterbunt für die Kinder und viel Platz für spontane Aufführungen.

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Der „Herzerlbaum“ im Esel: Treffpunkt der Anlage

Und dann ist da noch die Sache mit dem Esel, den Müllers Kompagnon Doderer eines Tages von einem Bergdorf mitbrachte. Man baute ihm eine Koppel, alle waren begeistert, nur der kleine Esel nicht. "Iah, iah, iah", schrie er Tage und vor allem Nächte lang, raubte den Gästen den Schlaf, bis es hieß: Der störrische Esel muss weg. Was aus dem Tier geworden ist, darüber erzählt man sich hier viele Geschichten: Ins Bergdorf zurück, zu Tode gestreichelt sind nur einige. Der Esel war weg, doch der Name blieb – und nicht nur das. Gäste und Angestellte bilden heute hier eine große Eselfamilie, der Schwierigkeitsgrad von Touren wird mit Eseln bemessen und als Skulptur begegnet man ihm im Feriendorf ebenfalls.

Zwei Esel leicht/schwer ist die Tour auf den Punta di u Pratu. Das Bergdorf Calenzana ist nicht nur Ausgangspunkt für diese dreistündige Tour, sondern hier startet auch der wichtigste Weitwanderweg auf Korsika. Der GR20 durchquert die Insel auf 180 Kilometern und 12.500 Höhenmetern von Nordosten bis Südwesten und gilt als einer der anspruchsvollsten Weitwanderwege Europas. "15 Tage sollte man einplanen, besonders gute Bergsteiger schaffen ihn in zehn Tagen", sagt Tourguide Wolfgang Auer. Seit elf Jahren führt er immer wieder Feriendorfgäste in die Berge, weiß um die Eigenheiten. "Die Hütten werden mit Eseln versorgt, selbst mit Reservierung gibt es keine Platzgarantie, deshalb wandert man mit Zelt", sagt der Niederösterreicher. Ein solches braucht es auf dieser Wanderung nicht. Aber festes Wanderschuhwerk ist auch hier unerlässlich. "Auf Korsika sind die Wege anders und abgesehen vom GR20 sind Markierungen nicht üblich, weshalb man mit Guide wandern sollte." Nicht Geschäftssinn spricht aus Wolfgang Auer, sondern jahrelange Erfahrung. Wie aufs Stichwort verläuft sich der Weg in gerölligem Gelände, verkohlte Äste von Sträuchern und liegende Baumstämme erschweren das Vorwärtskommen. Überreste eines Brandes, der im Winter wütete. Wolfgang Auer kennt den Weg – und die Fauna.

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Blühende Bergwelt: Der Röhrige Affodill ist schön anzuschauen, aber giftig

Insulare Aromatherapie

Korsika ist wie eine Aromatherapie, sagen Kenner und meinen den unverwechselbaren Geruch, der die viertgrößte Mittelmeerinsel umweht. Myrte, Rosmarin, Wacholder, Ginster, Lavendel setzen ihre Duftmarken. Die Immortelle – die Unsterbliche – ist der prägendste Duft der Maccia, jenem grünen Pflanzenteppich, der so typisch ist für Korsika und der den Großteil der Insel bedeckt. Wenn die Hitze die ätherischen Öle der gelbblühenden Immortelle freisetzt, riecht sie besonders intensiv. Außerdem sollen ihre Wirkstoffe die Haut unsterblich jung halten, weshalb sich Kosmetikfirmen um sie reißen. Mit geschlossenen Augen würde er Korsika an seinem Duft erkennen, meinte schon Napoleon, und es braucht nur einen tiefen Atemzug mit der Nase, um zu riechen, was er einst meinte. So berühmt der bekannteste Sohn der Insel als Kaiser und Eroberer wurde, so wenig trat er als Förderer Korsikas in Erscheinung. Als General der Nation genießt hingegen Pasquale Paoli Heldenstatus. Er erarbeitete die erste demokratische Verfassung und führte die Insel 1755 in die, wenn auch kurze, Unabhängigkeit.

Vom Früchte- ins Käseparadies

Die genießt auch Robert Kran im Bergdörfchen Avapessa. "Hier, dieser Zwetschkenbaum ist aus einem Kern entstanden. Da beginnt eine Sammlung von 55 Feigensorten, diese Art heißt Papsteier", erklärt der Elsässer mit sympathischem französischen Akzent gestenreich. Mit seinem Früchtegarten hat sich der 78-Jährige einen Kindheitstraum erfüllt. Auf zehn Hektar wachsen Tomaten auf Bäume, gedeihen wilde Zitronen mit kaviarähnlichen Kernen, außerdem Guave, Papaya, Oliven, Grapefruit, Macadamia- und Pekannüsse … geschätzt 1000 verschiedenen Sorten aus aller Welt.

Zu jedem Baum hat Kran eine Geschichte parat. "Garten-der-nicht-Intervention" nennt er sein Früchteparadies, das weder Dünger noch Baumschnitt kennt. Wenn Vögel sich über seine Früchte hermachen, Motten die Bäume befallen, beunruhigt ihn das nicht. Leben und leben lassen, ist seine Devise. Hilfe kommt lediglich von zwei Hängebauchschweinen, die das Fallobst fressen. Aus den restlichen Früchten macht seine Frau Marmelade, während er experimentiert und Gäste führt.

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Der Ziegenkäse „Brocciu“ von Anne-Marie Savelli mundet hervorragend.

Jean-Christophe und Anne-Marie Savelli haben eine andere Profession. Sie produzieren Brocciu, einen Ziegenkäse, eine Spezialität, die zu Korsika gehört wie die kurvigen Straßen, die die Insel erschließen. Im Gegensatz zu den gewöhnungsbedürftigen Verkehrswegen verursacht der "König der korsischen Käse" allerdings keinen flauen Magen.Die Korsen genießen ihn zu jeder Tageszeit – als Frischkäse oder gereift als Hartkäse. Anne-Marie greift nach der Flasche mit Traubenschnaps und beträufelt damit den Frischkäse vom Vortag, noch eine Prise Zucker dazu. "So schmeckt er am besten", sagt sie, und die Testesser pflichten ihr bei. Ihr Mann taucht derweil in der kleinen Käserei eine Kelle in die Wanne mit frischer Ziegenmilch. Die ist ganz und gar nicht klein, fasst 250 Liter, die Ausbeute von zwei Melkvorgängen der 350 Ziegen. "Liccione" heißt ihr Käse, der auf Bauernmärkten und in Spezialitätenläden verkauft wird. Napoleon hätte auch an ihm seine Freude gehabt …

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Wildschwein- und andere Spezialitäten im Überfluss im Feinkostgeschäft „Annie Traiteur“ in Calvi.

 

Gut zu Wissen

Das Feriendorf zum störrischen Esel verfügt über 470 Betten und ist von Ende April bis Mitte Oktober buchbar – bei Korsika-Spezialist Rhomberg-Reisen: eine Woche mit Flug und erweiterter Halbpension kostet pro Person im Wohnzelt ab 706 Euro, Bungalow B ab 853 Euro, Bungalow A ab 881 Euro.

Kontakt: kostenlose Telefon-Hotline 0800 999 955; www.rhomberg-reisen.com

Aktivprogramm: Wöchentlich werden 15 geführte Touren angeboten: Klippen-, Dörferwanderungen, Berg- aber auch Rad- und E-Biketouren der unterschiedlichsten Schwierigkeitsgrade (ab 18 Euro).

Sehenswert:
Calvi mit seiner unübersehbaren Zitadelle ist vom Feriendorf in 15 Minuten fußläufig zu erreichen. Tipp: der Feinkostladen Annie Traiteur in der Altstadt mit vielen Käse- und Wildschweinspezialitäten
L’Île-Rousse: Malerisches Hafenstädtchen nördlich von Calvi. Tipp: die Schmalspurbahn CFC, Korsikas einziges öffentliches Verkehrsmittel, nehmen.
Der Früchtegarten von Robert Kran hat von April bis Oktober geöffnet. Eintritt 10 Euro, Tipp: Im September gibt’s die meisten Früchte, sonntags kann im Garten auch gebruncht werden. Anmeldung: www.jardinfruitieravapessa.com

 

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