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Reisen

Jö schau, Krumau! Ein Rundgang durch das südböhmische Kleinod

Von Bernhard Lichtenberger  25. Juli 2020 00:04 Uhr

Jö schau, Krumau!
Ein Juwel wartet darauf, neu entdeckt zu werden.

Wie Hallstatt stand Krumau für Übertourismus. Corona beschert dem südböhmischen Kleinod wieder ein normales Besuchermaß. Weder ruckzuck durchgeschleuste Menschentrauben noch Selfiesticks verstellen den Blick auf das Besondere.

Es war schon ein rechtes Geschiebe, das einem das genussvolle Lustwandeln durch enge Gassen und über kleine Brücken in den vergangenen Jahren verleiden konnte. Wie das Licht die Motten hat das als Gütezeichen gedachte, auf die Altstadt geklebte Etikett "UNESCO-Welterbe" Touristen aus aller Welt angezogen. Asiatische Reisegruppen wurden im Pulk durch das architektonische Juwel getrieben, Donaukreuzfahrtschiffe spuckten ihre menschliche Ladung aus, um diese mit Bussen nach Krumau zu karren – und schnell wieder retour. Gedränge, Hektik, Abspeisung und ein ungesundes Verhältnis von typischen Handwerksgeschäften zu Ramsch-Souvenir-Läden trübten die Stimmung.

Mit einem Schlag – sprich Virus – ist alles anders. Nicht, dass die Stiletto-feindlichen Kopfsteinpflaster leergefegt wären. Aber die Stadt bietet wieder genügend Raum, um beim Flanieren ihr ursprüngliches Flair aufzusaugen. Wagen sich in Hallstatt derzeit die Österreicher in eine quasi entasiatisierte Zone, so trudeln nun die tschechischen Landsleute ein, um ihren heimischen Schatz zu beäugen. Wobei sich im weitläufigeren Cesky Krumlov die Besucher entsprechend verteilen. Der Lockruf, den Stadtführer Stanislav Jungwirth über die südliche Grenze schickt, bringt es auf den Punkt: "Es ist eine historische Chance, Krumau jetzt zu besuchen, dieses aus den Felsen gewachsene Gesamtkunstwerk."

Nehmen wir den guten Mann also beim Wort und begeben wir uns auf einen kleinen Stadtrundgang:

Der Krumauer Hauptplatz zur Dämmerstunde, fast menschenleer

Schreck lass nach: "Es war ein Ort des Schreckens, heruntergewirtschaftet, und die Bevölkerung hat sich gefürchtet", sagt eine kundige Begleiterin. Damit meint sie das 1350 gegründete Kloster, das sich die Mönche der Minoriten und die Nonnen der Klarissen über Jahrhunderte teilten. Den kommunistischen Machthabern war der Ort nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings nicht heilig. Sie machten dem Klosterleben den Garaus. Der Schrecken zog mit sozial schwachen Großfamilien ein, an die man kleine Wohnungen in dem desolaten Bau vermietete. Im Jahr 2013 überdachte man die weitere Nutzung, Pläne für Luxuswohnungen oder ein Hotel wurden schließlich zugunsten eines Museums verworfen, das seit 2015 nach der Renovierung des Komplexes mit seinen zahlreichen freigelegten Fresken zugänglich ist.

Zwei Ausstellungen führen in das Leben und die Kunst der beiden Orden ein, denen es versagt war, einander zu begegnen. Messen in der Klosterkirche mussten die Nonnen an einem vergitterten Fenster lauschen, das mit einem Vorhang abgedeckt wurde. An Familien wendet sich eine interaktive Schau im Klarissentrakt, in der man sich Handwerk und Klosteralltag in Gotik und Renaissance spielerisch nähert – da wird mit Federkiel geschrieben, Kräutersalz gemischt, Desinfektionstinktur hergestellt und im mystischen Kellergewölbe alchimistisch experimentiert.

Von oben herab: Wie ein Doppel-S schlängelt sich die Moldau durch die Stadt und zerteilt sie. Den sich krümmenden Fluss und die Giebelhäuser nimmt man am besten vom Schlossturm in Augenschein. 162 Stufen führen bis zum Umgang des Wahrzeichens mit seinem Renaissance-Antlitz. Der Aufgang ist teilweise so schmal, dass er keinen Gegenverkehr erlaubt. Einen nicht minder lohnenden Blick erhält man von der mehrstöckigen Mantelbrücke, die hoch über dem Graben Burg und Schloss mit dem Garten verbindet, in dem gut 15 Fußballfelder Platz fänden. Wer wiederum Burg und Schloss zur Ansichtssache erklärt, ist auf der kleinen Parkterrasse beim Regionalmuseum gut aufgehoben.

Das Wahrzeichen der Stadt, der prachtvolle Schlossturm

Zu Egon schielen: Von diesen Anhöhen drängen sich die Motive auf, die auch Egon Schiele in der Geburts- und Heimatstadt seiner Mutter faszinierten. Im Jahr 1911 kehrte der expressionistische Maler Wien den Rücken und bezog mit seiner Gefährtin Wally Neuzil ein Atelierhäuschen am Moldauufer, wo berühmte Gemälde wie "Stadt am blauen Fluss" oder "Dächer von Krumau" entstanden. Doch die kleinkarierten Kleinstädter, die sich über blutjunge Modelle und die wilde Ehe empörten, vertrieben den Künstler nach wenigen Monaten. "Ich will nicht an Krumau denken, so lieb habe ich die Stadt, aber die Leute wissen nicht, was sie tun", meinte Schiele, den 1918 mit nur 28 Jahren die Spanische Grippe dahinraffte.

Lebendig bleibt sein Genius im Egon Schiele Art Centrum in der ehemaligen Stadtbrauerei. Mitgründerin und Direktorin Hana Jirmusova Lazarowitz hat aktuell drei Künstler eingeladen, sich vom Namensgeber zu dessen 130. Geburtstag inspirieren zu lassen. Der Japaner Tets Ohnari hat eine raumgreifende Glas-Installation geschaffen, mit einem über die Stadt gespannten, spiegelnden Mond, der Vergänglichkeit und Fragilität symbolisiert. Die Tschechin Alena Anderlova zeigt Krumau berührend leer, obwohl ihre fantastischen Bilder entstanden, als die Menschenmassen den Reiz zu ersticken drohten. Die Österreicherin Juditz Zillich nähert sich in einem Zyklus Akt und Halbakt. Über zehn Jahre hat sie sich an einem Modell, ihrem Nachbarn, in 100 Werken abgearbeitet. Das Dachgeschoß widmet sich Schiele – mit Originalmöbeln, Zeichnungen, Grafiken, einer köstlichen Video-Animation einer Schiele-Puppe durch die aus Steyr stammende Bernadette Huber und Fotografien.

Was heute eine Pizzeria ist, war einst das Café Fink, in dem Egon Schiele gerne saß.

Alt schaust aus: Einer, der bis zu seinem Tod 1935 wie kein anderer seine Zeit festgehalten hatte, war der Fotopionier Josef Seidel. Er, und später sein Sohn Franz, schufen eine Sammlung von rund 160.000 Bildern, die Fortschritt, Landschaft und Menschen von der Monarchie bis nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentieren. In diese vergangene Welt taucht man im Museum Fotoatelier Seidel in der prächtig renovierten, im Jahr 1905 errichteten Jugendstilvilla ein – mit alten Fotoapparaten, Originalmobiliar, den Schablonenverzierungen an Wänden und Decken sowie den nötigen Gerätschaften. Im lichtdurchfluteten Atelier im ersten Stock bietet sich die Möglichkeit einer Zeitreise, die man sich nicht entgehen lassen sollte: eine Porträtaufnahme im Stile von anno dazumal in alten Kostümen aus einem reichhaltigen Fundus.

Jö schau, Krumau!
Fotoshooting im Museum Fotoatelier Seidel

Alles Maske: 40 Gebäude, 360 Räume, 80 Kamine, fünf Burghöfe und drei Bären im Burggraben zählt das Schloss – nach der Prager Burg der zweitgrößte historische Komplex Tschechiens. Neben wertvollen Tapisserien, einer goldenen Kutsche, die nicht weit fuhr, und packenden Geschichten um die herrschenden Adelsgeschlechter glänzen zwei Besonderheiten: das bespielbare Barocktheater mit 13 Bühnenbildern und einer komplett erhaltenen Maschinerie sowie der einzigartige, mit dem Zauber der Illusion bemalte Rokoko-Maskensaal. Endlich wieder Masken, die dem Vergnügen dienen.

Gut zu wissen

Ahoj! Schlauchboote, Kanus und Kajaks tummeln sich zuhauf auf der Moldau. Der Wasserspaß ist eine Art Volkssport. An den Wehren versammeln sich Schaulustige, die die Paddler mit einem fröhlichen "Ahoj!" begrüßen, bevor diese schneidig über die Rampen abfahren.

Kulinarik: Nahe Burg und Kloster empfiehlt sich die in einer Industriearchitektur eingezogene Bierstube "Depo", süffiges Krumlov-Zwickl, feines Pilsner, Böhmische Küche, nette Sommerterrasse zum Park. Urig trinkt und speist man im „La Nouzi“, der Gastraum ist mit alten Email-Schildern getäfelt.

Unterkunft: Im 1539 urkundlich erwähnten Altstadtgebäude des Hotels "Konvice" residiert man in bester Lage; mit vorzüglicher Küche und ohne Sprachbarriere, da es einem bayerischen Ehepaar gehört.

Tipps: Am 21. August spielt die Südböhmische Philharmonie auf Flößen auf der Moldau Vivaldis "Vier Jahreszeiten".

Cesky Krumlov Card: Eintritt in fünf Museen um 300 Kronen (ca. 11 Euro)

www.czechtourism.com

Artikel von

Bernhard Lichtenberger

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