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Reisen

"Eine Jahrhundertkatastrophe"

Von Roswita Fitzinger 30. November 2019 00:04 Uhr

"Eine Jahrhundertkatastrophe"
Blick zur Giudecca durch ein von der Flut gerissenes Loch einer Begrenzungsmauer.

Wolfgang Salomons Herz schlägt für die Lagunenstadt. Vor einer Woche hat sich der Autor von vier Venedig-Büchern vom Ausmaß der Hochwasserschäden vor Ort ein Bild und Bilder gemacht.

Ist nach der Sturmflut, die 90 Prozent von Venedig bis zu 1,5 Meter unter Wasser setzte, wieder Normalität eingekehrt? Die OÖN haben mit dem Venedig-Kenner Wolfgang Salomon aus Wien gesprochen. Ein Interview nach einem Lokalaugenschein vor einer Woche.

"Eine Jahrhundertkatastrophe"
Wolfgang Salomon, Autor

OÖNachrichten: Herr Salomon, geben Sie uns ein Bild der Lage?

Wolfgang Salomon: Wenn man vom Flughafen nach Venedig kommt, ist es fast wie in einer Geisterstadt. In der Stadt selbst herrscht Business as usual, da lässt sich keiner etwas anmerken. Zwei Drittel der Geschäfte und Lokale sind geöffnet, ein Drittel hat geschlossen. Am Markusplatz sieht man wieder Touristengruppen. Sobald man allerdings in die Wohnsiedlungen kommt, vor allem in Pellestrina und Lido, herrscht pure Verzweiflung. Bewohner, die im Erdgeschoß leben, haben besonders massive Schäden. Das Gute: Die Menschen rücken zusammen. Über soziale Medien bieten Handwerker Betroffenen gratis Hilfe an.

Wie schaut es in der Lagune aus?

Überall schwimmen Trümmer. Die Feuerwehr ist im Dauereinsatz. Während im Zentrum der Stadt bereits alle Wracks entfernt wurden, sind an den touristisch nicht frequentierten Orten noch immer zerstörte Boote zu sehen. In Lido draußen ist es besonders schlimm. Nicht nur der Strand wurde weggespült, auch die Ortschaft massiv überschwemmt. Man sieht keinen Menschen. Auf der Innenseite der Lagune und auf den Inseln, die zwischen Venedig und Lido liegen, wurden auf der gesamten Breite die Begrenzungsmauern umgedrückt. Den Dreimaster Armenia hat es in den inseleigenen Hafen geschwemmt, er liegt quer auf der Mauer, ein surreales Bild. Auch auf Murano und Sant’Elena haben Flut und Sturm enorme Schäden angerichtet. Ich habe eine Bekannte auf Murano besucht. Sie ist heuer bereits dreimal überflutet worden, hat ihr Lokal allerdings offen. Das Schlimme ist, dass die Menschen auf ihren Wasserschäden sitzen bleiben.

In einer Stadt, die jährlich bis zu zehnmal unter Wasser steht, muss es doch Ausgleichs- oder Entschädigungszahlungen geben.

Die Versicherung zahlt bei Acqua alta nicht. Erst ab einem Pegelstand von 160 Zentimetern wird der Notstand ausgerufen und Rom müsste Millionen lockermachen. Viele Geschäftsinhaber sind bereits von den Acqua-alte-Schäden des Vorjahres finanziell stark belastet. Das Wasser stieg damals 156 Zentimeter über Normalstand, in Venedig wird jedoch gemunkelt, dass es tatsächlich viel höher war. Die 5000 Euro, die aktuell Privatpersonen erhalten sollen, sind jedoch Peanuts.

Sie als Kenner der Stadt – haben Sie ein derartiges Hochwasser schon einmal erlebt?

In diesem Ausmaß nicht. Es gab 1966 eine große Flut. Dabei wurden Venedig, Pellestrina und Lido überschwemmt. Aber in so kurzen Abständen so hohe Überschwemmungen, das ist ein Novum.

Hätte das Sturmflutsperrwerk MOSE, das längst fertig sein hätte sollen, geholfen?

Meiner Meinung nach wahrscheinlich nicht viel. Es war schon zu viel Wasser in der Lagune. Hinzu kam der Sturm. Bei einem Acqua alta drückt üblicherweise der Südwind Scirocco das Wasser in die Lagune. Diesmal hat der Wind jedoch gedreht und so auf der Innenseite von Pellestrina und Lido massive Schäden verursacht. Das ist eine Jahrhundertkatastrophe, die ich auch nicht so sehr im Kontext des Klimawandels sehe. Das klingt zwar hart, aber eine Stadt, die im Wasser gebaut ist, muss damit rechnen.

Würden Sie von einem Venedig-Besuch abraten?

Nein. Wenn jemand gebucht hat, sollte er die Reise antreten. Alles ist erreichbar, man kann überall hinausfahren. Nur im Gebiet San Marco ist mit Einschränkungen zu rechnen, weil es der am niedrigsten gelegene Stadtteil ist. Außerdem ist Venedig momentan extrem günstig, die Hotels verzeichnen 40 Prozent Stornierungen und man versucht, die Besucher mit allen möglichen Angeboten zu ködern, aber wer will schon in einer überschwemmten Stadt den Menschen beim Aufräumen zuschauen? Es ist ein Trauerspiel.

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