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Reisen

Die Grenze erleben und überwinden

Von Monika Raschhofer 05. Oktober 2019 00:04 Uhr

Die Grenze erleben und überwinden
Eine nachgebaute DDR-Grenzanlage nahe Lübeck

Eine nachgebaute DDR-Grenzanlage nahe Lübeck erweckt junge Geschichte. Gen Osten wartet viel touristisches Neuland mit Naturreservaten, Kunstrefugien, DDR-Bauten und Berliner Innovationen.

Im Osten entsteht viel Neues. Wer Entdeckergeist im Blut hat, ist dort genau richtig, obwohl es so nahe ist. Ebenso wird fündig, wer berührt war von der stachelig-steinigen Grenze und von der überraschenden Öffnung. Gerade jetzt, da "30 Jahre Mauerfall" bevorsteht. Und nicht nur in Berlin. In Schlagsdorf nahe Lübeck können Besucher in aller Ruhe durch den Eisernen Vorhang spazieren, den Wachturm inspizieren, im grünen Niemandsland umherschlendern, den Graben bestaunen, der Fahrzeugen den Durchbruch verunmöglichte, und spüren, dass das Zaungeflecht zu eng und auch zu glatt ist, um emporklettern und fliehen zu können.

Fluchtgeschichten wirken umso beeindruckender, wenn Andreas Wagner, Guide im Grenzhus Schlagsdorf, erklärt, dass ein normaler DDR-Bürger die Grenzanlagen gar nie zu Gesicht bekommen hat, also gar nicht wusste, worauf er sich vorbereiten muss. "Ohne besondere Erlaubnis durfte man nicht ins Grenzgebiet", ergänzt er. Und für Westeuropäer ist es genauso ein völlig neues Erlebnis, zwischen Stacheldraht und meterhohem Zaun unter dem Wachturm zu stehen.

Die Außenanlage wurde wieder aufgebaut. Im dazugehörigen Museum, dem Grenzhus, werden Fragen gestellt, alles wird von zwei Seiten – aus West- und Ost-Perspektive – betrachtet und vieles veranschaulicht. Straßen verlaufen mittlerweile übergangslos von West nach Ost, die Backsteinhäuser sind beiderseits der ehemals harten Grenze blumengeschmückt und sorgsam renoviert. Einzig ein grünwucherndes Band aus Bäumen, Sträuchern, Moor- oder Wasserpflanzen taugt noch als Zeuge der Trennung. Das bis zu fünf Kilometer breite Niemandsland war nur für Menschen gefährlich. Pflanzen und Tiere wuchsen und lebten hier ungestört.

Ein Schlangenbeschwörer im Moor?

Weil das natürliche Gleichgewicht und die Artenvielfalt erhaltenswert erschienen, sind Nationalparks und Biosphärenreservate entstanden, die Erholungssuchenden in Maßen offenstehen: Radfahrern, Wanderern, Moorbeobachtern, Lufthungrigen, Lauschenden, Wasserguckern, Hobbyornithologen und Schlangenbeschwörern. Naja, fast. Denn die Blindschleiche, die Förster Bodo Schömer gerade aus einem Leinensack zieht, ist ja keine Schlange, sondern zählt zur Gattung der Echsen. Die Schleiche schlängelt sich um seine Hand, sogar ein Junges holt er noch aus dem Sack. Der Naturliebhaber weiß, wo er sie aufgesammelt hat und wird sie genau dort auch wieder freilassen. Vom für Kinder bestens geeigneten Kleinmuseum Paalhus, was Pfahlhaus bedeutet, begleitet er Interessierte auf dem befestigten Moorweg. Am Schaalsee werden auch Bootsfahrten angeboten, im Fischhaus am Ufer gibt es gutes Essen. Fangfrisches aus der Region natürlich.

Mitten in der Schorfheide steht Honeckers gar nicht so pompöses Jagdschloss Hubertusstock, im Jahr 1973 neu aufgebaut. Dort kann jetzt jeder übernachten. Nicht nur der Saal, das Jagd- und das Kaminzimmer, wo der ehemalige Staatschef der DDR seine Staatsgäste empfangen hat, stehen Besuchern offen. Auch das Schlaf- und Badezimmer sind zu besichtigen, ebenfalls die etwas ausladenderen Räume, die Erich Honeckers Ehefrau Margot zur Verfügung standen. Zimmer gibt es aber auch im Ringhotel Schorfheide direkt daneben und in Waldbungalows, die gerne als Tagungsort der Wirtschaft genutzt werden.

Die Grenze erleben und überwinden
Nur das Bad ist groß in Honeckers Jagdschloss, es war zuvor die Küche.

Gebaut wurde das Jagdhaus in Joachimsthal ursprünglich für einen anderen Herrscher, nämlich Mitte des 19. Jahrhunderts in alpenländischem Stil für Preußen-König Friedrich Wilhelm, den Vierten. Ab 1898 war das Schloss per Bahn erreichbar, "Kaiserbahnhof" steht bis heute auf dem Schild vor dem schmucken Fachwerkgebäude.

Weil es keine Hügel gibt, eignet sich ein Turm perfekt, um die unglaublich weite Ebene des Nordens zu bestaunen. Biorama heißt der orange-gläserne, treppenumwundene Liftturm in Joachimsthal – eine Symbiose der Wörter Biosphäre und Panorama. Eigentlich ist das der angebaute Nebenturm. Die Hauptattraktionen sind ein Wasserturm, der nicht mehr bestimmungsgemäß benützt wurde, und ein Designer-Paar aus England, das sich in das grüne Berlin verliebt hatte und in der Umgebung sesshaft wurde. "Ich bin nicht Rapunzel", sagte Sarah Philipps zu ihrem Mann Richard Hurding, als der sie mit seiner Idee konfrontierte, im Wasserturm wohnen zu wollen.

Die Grenze erleben und überwinden
Biorama: Ein Liftturm neben dem Wohnturm, von oben gute Sicht bis Polen und Berlin

Heute gefällt es beiden. Und weil sie auch anderen Menschen denselben Ausblick gönnen wollten, haben sie einen barrierefrei zugänglichen Nebenturm angebaut, eine Galerie und ein kleines Café eingerichtet. Haupterwerb ist aber ihr Designberuf, ein Patent aus Prambachkirchen spielt dabei eine wichtige Rolle.

Dem Künstlerpaar Anke Meixner – sie arbeitet mit Papier – und Ulrich Rudoph (Fotograf) dient ein aufgelassenes Bauernhaus als Atelier und Galerie. Daraus ist der "Kunstraum Testorf" in Zarrentin am Schaalsee entstanden, aus heiztechnischen Gründen nur in der warmen Jahreszeit geöffnet.

Die Grenze erleben und überwinden
Ganz neu ist das Futurium – zudem ein Gebäude, das mehr Energie erzeugt als es braucht.

Zeitreisen in zwei Richtungen

Vom Land in die Hauptstadt: Berlin pulsiert. Es wächst. Es lebt Veränderung und Toleranz. Die Mauer ist nur noch als Fragment und als steinerne Linie im Boden sichtbar. Der freie Raum wird bebaut und bepflanzt und belebt. Besonders in der Festivalwoche "30 Jahre Mauerfall" von 4. bis 11. November (Highlights und Internetverweis siehe nebenan). Wer die Vergangenheit erleben will, kann im neuen "Time Ride" eine Virtual-Reality-Erfahrung machen – per Bus über den Checkpoint Charlie in den Osten. Wer in die Zukunft blicken will, geht im nagelneuen Futurium auf Entdeckungsreise und erfährt, dass 3D-Drucker neue Häuserformen ermöglichen, wie Biotechnologie Menschen das Leben erleichtert, wie Architektur auf Menschen reagieren kann und vieles mehr. Wer immer schon einmal Insekten verkosten wollte, kann das hier auch tun, genauso wie ganz Herkömmliches verzehren. Vom Photovoltaik-Dach schweift der Blick bis zur Reichstagskuppel. Der Osten ist eine Entdeckungsreise wert. www.germany.travel

30 Jahre Mauerfall: 7 Orte

Berliner Festivalwoche anlässlich 30 Jahre Mauerfall von 4. bis 10. November mit hundert Veranstaltungen an sieben Originalschauplätzen, Videoprojektionen auf Häusern, Open-Air-Ausstellungen u.v.m.

https://mauerfall30.berlin/

Gethsemanekirche: Konzert „Mauern werden einstürzen“, Patti Smith, Tony Shanahan

Alexanderplatz: App MauAR, Berliner Mauer von 1961 bis 1989 per Augmented Reality

Brandenburger Tor: Skynet, Kunstinstallation mit 30.000 schwebenden Botschaften, Patrick Shearn

9. Nov.: Bühnenshow, Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim; Europäische Clubnacht in 27 Clubs.

Kurfürstendamm: (Breitscheidplatz) Film „Engel aus Eisen“, Talk mit Anna und Katharina Thalbach

Stasi-Zentrale Lichtenberg: „Krokodil im Nacken“, Theaterstück nach dem autobiografischen Roman von Klaus Kordon

Schlossplatz: „Mauer Broadcast“, Chorkonzert, Texte von Bielawa Oring

East Side Gallery: Kurzfilm-Programm

Artikel von

Monika Raschhofer

Lokalredakteurin Innviertel

Monika Raschhofer
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