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Kultur

„Makulatur“: Jäten in einem Neurosengarten

Von Reinhold Reiterer   05. Juni 2012 00:04 Uhr

Jäten in einem Neurosengarten
Chirurg und Patientin (Steffen Höld und Nikola Rudle)

Die Uraufführung von Paulus Hochgatterers Stück „Makulatur“ wurde bei den Wiener Festwochen im Wiener Schauspielhaus vom Publikum heftig akklamiert.

Der österreichische Schriftsteller Paulus Hochgatterer („Wildwasser“, „Das Matratzenhaus“) ist in seinem Hauptberuf Arzt, Primarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln. Womit die Grundkonstellation in seinem Theaterstück „Makulatur“, das am Sonntag im Rahmen der Wiener Festwochen durch das Schauspielhaus Wien erfolgreich uraufgeführt wurde, schon ein wenig erklärt wäre.

Körperteile abschneiden

Zuerst stellt sich uns ein gewisser Herr Jablonski (Steffen Höld) vor, der seine Zeit gerne am Wiener Schwedenplatz verbringt. Manchmal liest er, behauptet er von sich, dann wieder nicht. Chirurg sei er von Beruf mit einer Vorliebe für selbst zubereitete Wurstsemmeln. Seine Patienten findet er im öffentlichen Raum, er operiert im Verborgenen und schneidet Körperteile ganz nach Wunsch ab, ohne Vorliegen einer medizinischen Indikation. Er erzählt uns von den Überwachungskameras an diesem urbanen Ort und den toten Winkeln und, dass er „aus der Zeit“ fallen möchte.

Weiters haben wir einen Polizisten (Christoph Rothenbucher) und eine Polizistin (Franziska Hackl), die Blicke auf die Monitore werfen, sowie eine einarmige Trafikantin (Katja Jung), einen auf den Bau von Kellern spezialisierten Architekten (Max Mayer), dessen Ehefrau, eine Lehrerin (Barbara Horvath), die sich mit der Korrektur schleißiger Maturaarbeiten plagt sowie deren jugendliche Tochter (Nikola Rudle), die ganz genau weiß, dass ihr Bein wegen einer Knochenzyste oder Gelenksentzündung nicht zu ihr gehört und abgeschnitten werden muss.

Mit einer Dramaturgie der Verknappung und Andeutungen treibt Paulus Hochgatter seine Figuren zur Demaskierung ihrer persönlichen Defekte. Nicht einmal der erste Blick verhüllt, dass wir uns da in einem veritablen Neurosengarten befinden. Damian Hirtz stellte ein doppelstöckiges Podest mit fünf Monitoren auf die Bühne, auf der Regisseurin Barbara-David Brüesch ihr wunderbares Ensemble strikt antinaturalistisch agieren lässt.

Am Ende dieser Premiere gab es lebhaften Zuspruch und heftigen Applaus, auch für den Autor, der nach zwei halben („Ganymed Boarding“ und „Der Kopf“) und zwei ganzen (nach „Casanova – Giacomo brennt“ in Melk) Stücken auf dem Weg ist, sich zum Routinier zu entwickeln, der den Theatern sprachlich wie dramaturgisch spannende Herausforderungen zu stellen imstande ist.

Theater: „Makulatur“ von Paulus Hochgatterer; Uraufführung im Schauspielhaus Wien am 3. Juni. Weitere Termine: heute bis 10. Juni, täglich 20 Uhr. Karten: 01 /589 22 11; www.festwochen.at

OÖN Bewertung: fünf von sechs Sternen

 

Paulus Hochgatterer

Geboren 1961 in Amstetten, studierte Medizin und Psychologie in Wien, promovierte 1985 zum Doktor der Medizin. Lebt als Kinderpsychiater und Schriftsteller in Wien. Seit 2007 steht er der Kinder- und Jugendpsychiatrie als Primar in Tulln/NÖ vor.
Hochgatterer ist Verfasser von erzählerischen Werken, die teils auf seinen beruflichen Erfahrungen basieren.
Werke u.a. „Über die Chirurgie“, „Wildwasser“, „Caretta caretta“, „Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen“, „Die Süße des Lebens“, „ Das Matratzenhaus“, „Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe. Eine Poetik der Kindheit“ (2012).
 

 

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