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Innenpolitik

"Das ist ziemlich surreal"

Von Jasmin Bürger 18. Juli 2019 00:04 Uhr

"Das ist ziemlich surreal"

WIEN. Bildungsministerin Iris Rauskala war Sektionschefin. Das Ministeramt hat sie überrascht, sei aber "beamtische Pflicht", sagt sie. Einen Wechsel in die Politik auf Dauer schließt sie aus.

Die in Wels aufgewachsene Bildungsministerin Iris Rauskala bekennt sich im OÖNachrichten-Gespräch zum Ethikunterricht, erklärt ihr "ideales Schulsystem" und ihre Sorgen über den Ansturm auf die Gymnasien.

 

OÖNachrichten: Sie haben als Beamtin im Bildungsministerium Karriere gemacht – was ist das für ein Gefühl, wenn man plötzlich gefragt wird, ob man ganz an der Spitze stehen will?

Iris Rauskala: Das ist ziemlich surreal, weil man in der klassischen Beamtenlaufbahn ja nicht mit einem solchen Angebot rechnet. Es war im ersten Moment eine Überwindung und auch Überlegung, kann ich mir das zutrauen. Aber eigentlich ist es beamtische Pflicht, wenn einen der Staat braucht, zur Verfügung zu stehen und im Sinne des Gemeinwohls nicht zu kneifen. Und es ist für eine begrenzte Zeit.

Wer hat Sie gefragt, wie ist die Entscheidung gefallen?

Es kam ein Anruf aus der Präsidentschaftskanzlei. Ich habe nicht so viel Bedenkzeit gebraucht. Beraten habe ich mich mit meiner Frau, die gesagt hat, sie steht hinter mir, egal, wie ich entscheide.

Nun sind Sie sechs Wochen im Amt. Ihre Kollegen im Justiz- und Verteidigungsressort klagen über große Budgetnöte. Ist der Bildungsbereich besser dran?

Es muss immer zu wenig sein, wenn wir mit Steuergeld zu tun haben. Sonst würde das bedeuten, dass wir den Steuerzahlern einen zu hohen Tribut abfordern. Im Bildungs- und Wissenschaftsbereich gibt es Bereiche, wo Mehrforderungen gerechtfertigt sind, und solche, wo man die derzeitigen Mittel besser einsetzen könnte.

Wofür bräuchte es mehr Geld, wo fehlt Effizienz?

Die Grundlagenforschung ist ein Stiefkind, weil die Wirtschaft hier wenig bis nichts investiert. Da ist der Staat besonders gefordert. Im Bildungsbereich dagegen sind wir im internationalen Vergleich nicht so schlecht ausgestattet. Bei der Verteilung zwischen pädagogischem und Unterstützungspersonal kann man aber besser werden.

Laut aktueller OECD-Lehrerstudie teilen sich 19 Lehrer eine pädagogische Hilfskraft, im OECD-Schnitt sind es acht Lehrer. Besteht hier Handlungsbedarf?

Da muss man genauer hinschauen, bei der Verteilung von Schülern auf Lehrer liegen wir nämlich über dem OECD-Schnitt. Das heißt, wir decken derzeit Ressourcen über Pädagogen ab, die man auch anders abdecken könnte.

Gibt es also zu viele Lehrer?

Das heißt nicht unbedingt, dass es zu viele Lehrer gibt, aber vielleicht, dass sie falsch oder für andere Zwecke eingesetzt werden. Die Pädagogen sollen unterrichten und von anderen Aufgaben befreit werden. Dafür braucht es definitiv mehr Unterstützungspersonal.

Die türkis-blaue Regierung wollte ab 2020 Ethikunterricht einführen. Geht sich das aus?

Wir gehen davon aus. Die Ausbildung der Pädagogen startet im Herbst, die Arbeit am Lehrplan geht weiter. Wir bereiten den legistischen Prozess vor, denn das Fach muss gesetzlich verankert werden.

Finden Sie es richtig, dass nur jene, die sich von Religion abmelden, Ethikunterricht haben sollen?

Das ist die Planungsgrundlage, und es ist mehr, als wir je hatten. Wenn Sie nach meiner persönlichen Meinung fragen: Es ist ja nicht so, dass im konfessionellen Unterricht Ethik keine Rolle spielt.

Wenn Sie das ideale Schulsystem für Österreich entwerfen könnten, wie sähe das aus?

Im Vordergrund stehen die Bedürfnisse der Schüler, eine hochqualitative Ausbildung der Pädagogen und entsprechendes Prestige, sodass Menschen den Beruf ergreifen, die aus vollem Herzen Schülern das Beste vermitteln wollen. Die restlichen Systeme und Trägerschaften haben sich am Wohl des Schülers auszurichten.

Wie weit ist Österreich von diesem Ideal entfernt?

Wenn 96 Prozent der Pädagogen in vorher zitierter Lehrerstudie sagen, sie sind zufrieden mit ihrem Job, nicht so weit. Denn ich denke, Pädagogen, die ihren Job gern machen, machen ihn auch gut.

Wenn Eltern vor allem in Städten alles daran setzen, dass ihre Kinder eine AHS und keine NMS besuchen, läuft aber einiges schief.

Diese Entwicklung müssen wir tatsächlich mit Sorge sehen. Aus vielen internationalen Befunden zeigt sich, dass die Struktur per se nicht der Schlüssel zum Erfolg ist. Wichtig sind Übertrittsmöglichkeiten. Wir haben sehr viele sehr gute Neue Mittelschulen mit Spezialisierungen. Wir müssen in den nächsten Jahren einiges daransetzen, dass das Vertrauen in diesen Schultyp wächst und der Druck von Zehnjährigen genommen wird, dass die Schultypentscheidung eine über die weitere Karriere sei. Das ist nicht so.

Sie sind in Finnland geboren, in Oberösterreich aufgewachsen, haben in Innsbruck studiert und in Wien Karriere gemacht. Wo fühlen Sie sich zuhause?

Ich bin Europäerin, ich fühle mich an vielen Orten wohl.

Was machen Sie, wenn Sie nach der Wahl gefragt werden, ob Sie Ministerin bleiben wollen?

Ich würde sagen, es ehrt mich sehr, aber trotzdem ablehnen.

Zur Person

Iris Rauskala leitete zuletzt die Präsidialsektion im Bildungsministerium, davor war sie in Zürich an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Geboren wurde die 41-jährige Tochter eines Finnen und einer Oberösterreicherin in Helsinki, aufgewachsen ist sie in Wels, ihre Mutter besucht sie hier auch heute regelmäßig. Wirtschaftswissenschaften studierte Rauskala in Innsbruck, vor dem Wechsel in die Schweiz war sie schon einmal im Wissenschaftsressort tätig.

Artikel von

Jasmin Bürger

Redakteurin Innenpolitik

Jasmin Bürger
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