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Hoamatland

Zu Besuch im Keller von Bad Ischl

Von Edmund Brandner   03. Oktober 2015 00:04 Uhr

Im Keller von Ischl
Dieser Keller war im Mittelalter der Kühlschrank der Ischler, später ein Bierlager, ein Ort für geheime Gottesdienste und schließlich Schauplatz nächtlicher Zechereien zu verbotener Stunde.

An seiner Oberfläche wird Bad Ischl von imperialem Glanz beherrscht. Es gibt aber auch eine Welt darunter. Und die erzählt von mittelalterlichen Bierkellern, nächtlichen Gelagen und einem grandios gescheiterten Sänger.

Mit schweren Schritten geht Bernhard Schmalnauer voran und öffnet Tür für Tür. Auf eine Gaststube folgt ein Wirtshausflur, danach ein Kellergang und am Ende ein nicht enden wollendes Gewölbe, das vor vielen Jahrhunderten tief in den Berg hineingetrieben wurde. Die relative Luftfeuchtikeit beträgt 95 Prozent, die Temperatur liegt zwischen zehn und zwölf Grad Celsius. Das ganze Jahr über.

Wir sind im Keller des Cafés Casino im Bad Ischler Stadtteil Gries. Bernhard Schmalnauer ist der Besitzer des Hauses. Einmal im Monat führt er Neugierige in diese Bad Ischler Unterwelt. Er führt sie zurück in die vorletzte Eiszeit, als die Gletscher gewaltige Geröllmassen hier abluden. Schotterkonglomerat, in das 120.000 Jahre später die Ischler Steinkeller schlagen konnten, die sicher waren vor den Fluten der Traun. Schmalnauer führt die Besucher aber auch zurück zu seinem Vater, den legendären Sänger und Wirtshausbesitzer Båcht-Sepp, dessen Leben hier zugrunde ging. Bernhard Schmalnauer war 20 Jahre alt, als sein Vater starb. "Es war keine schöne Zeit", sagt er.

Café Casino
Café Casino: In der Tanzbar gab in den Dreißigerjahren ein Pianist den Takt vor.  

Café Casino: In der Tanzbar gab in den Dreißigerjahren ein Pianist den Takt vor.  

Der Kühlschrank von Bad Ischl

Das Gebäude in der Grazerstraße wurde 1625 als Bürgerhaus über dem Eingang zum Steinkeller errichtet. Diesen gab es schon lange zuvor. Das ringförmig angelegte Gewölbe ist so angelegt, dass kleine Fuhrwerke durchfahren konnten. Zu einer Zeit, als Ischl mit Salz und Handel zu erstem Wohlstand kam, war das der Kühlschrank des Marktfleckens. Mit großen Eisblöcken wurde der Keller bis weit in den Sommer hinein kühl gehalten. Weinhändler hatten hier ebenso ihre Lager wie später Hoteliers.

Der Keller machte das Gebäude in der Grazerstraße aber auch zu einem idealen Ort, um Bier herzustellen. 1870 verwandelte sich das Haus in eine Brauerei samt Gaststätte und erlebte in der Folge seine Blütezeit. Bernhard Schmalnauer hat in Archiven und Chroniken gestöbert, um die Geschichte des Kellers und des Hauses, in dem er aufwuchs, zu rekonstruieren. Er hat Werbeanzeigen aus den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gefunden, in denen die Gastwirtschaft erstmals als "Kaffee Kasino" bezeichnet wird. "Es war ein Tanzlokal mit einem Pianisten", sagt er. Die Nische, in der das Piano stand, ist im ersten Stock des heruntergekommenen Hauses noch erkennbar. Spinnweben hängen auf alten Lustern, die Farbe blättert von der Decke.

Café Casino
Bier: Einige Fässer erinnern noch an die alte Brauerei, die hier einst betrieben wurde.  

Bier: Einige Fässer erinnern noch an die alte Brauerei, die hier einst betrieben wurde.  

Zwei Etagen tiefer tropft manchmal Wasser vom Steingewölbe herab, was Schmalnauer aber nicht weiter stört. Der 42-Jährige trägt bei Führungen durch die unterirdische Welt Bad Ischls einen Hut und erklärt, wie raffiniert der Naturkeller einst angelegt wurde: Luftschächte, Sickerflächen und ausgetüftelte Gefälle machten das ausgedehnte Kellersystem sicher vor Fluten oder Sauerstoffmangel. Zugemauerte Maueröffnungen deuten darauf hin, dass es einst auch von anderen Häusern Zugänge gab. Es gibt überhaupt viele Vermutungen, was dieses Gewölbe betrifft. So nimmt man an, dass zur Zeit der Protestantenverfolgung hier geheime Gottesdienste abgehalten wurden.

Schillerndes Szenelokal

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Gaststätte ihren heutigen Namen: Café Casino. Als solches kaufte der Vater von Bernhard Schmalnauer 1971 das Haus. Er hieß Josef Schmalnauer wurde aber schon damals von allen Båcht-Sepp genannt. Als vollbärtiger, singender Wirt machte er die Gaststätte zu einem schillernden Szenelokal. Der aus Bad Goisern stammende Sänger Wilfried trat hier als Jugendlicher auf. Und wenn man Erzählungen älterer Ischler Glauben schenkt, saß auch Udo Jürgens hier einmal am Piano.

In der Regel hatte aber Båcht-Sepp die Gitarre in der Hand. Sein Sohn besitzt farbstichige Fotos von damals. Sie zeigen schunkelnde Wirtshausrunden, Bierflaschen auf den Tischen, Männer, die Frauen auf die Schulter greifen – und mittendrin Båcht-Sepp mit seiner Gitarre. Jeder wusste: Das Café Casino kennt keine Sperrstunde. Es gab ja das Kellergewölbe, in das sich die Runden zurückziehen und weiterfeiern konnten. Bis in den Morgen.

Café Casino
Flaschen: Bis 1992 wurde beim Båcht-Sepp bis in die Morgenstunden gezecht.  

Flaschen: Bis 1992 wurde beim Båcht-Sepp bis in die Morgenstunden gezecht.  

Doch das Glück verblasste. Das Gasthaus verfiel und mit ihm Båcht-Sepp. Vielleicht war es auch umgekehrt. Bernhard Schmalnauer kennt die Blütejahre seines Vaters nur aus Erzählungen. In den Achzigern galt der Bärtige längst als mürrischer Wirt, der sein Lokal manchmal einfach nicht öffnete und der Besucher erst lange vom Fenster aus taxierte, bevor er entschied, ob er sie hereinlässt. Das ganze spielte sich stets nach Mitternacht ab. Für eine ganze Generation Betrunkener im Salzkammergut war Båcht-Sepp die letzte Anlaufstelle.

Als Sepp 1992 starb, hinterließ er seinem Sohn einen Schuldenberg und ein desolates Haus – samt Kellersystem. Berhard Schmalnauer, der als Veranstaltungstechniker sein Geld im Burgtheater aber auch in Salzburg und Graz verdiente, verpachtete das Lokal. Doch die Grazerstraße im Stadtteil Gries war mittlerweile längst zum Scherbenviertel verkommen. Hier kann man sein Geld heute für Tätowierungen ausgeben oder an Glücksspielautomaten verlieren. Oder in leere, verstaubte Auslagen starren. In der Nacht sucht in diesem Viertel keiner Amusement.

Café Casino
Fuhrwerk: Das riesige Kellergewölbe darunter wurde mit Einspännern befahren.

Fuhrwerk: Das riesige Kellergewölbe wurde mit Einspännern befahren

Vor zwei Jahren beschloss Schmalnauer, das Gewölbe und seine Geschichte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seither bietet er Führungen an. Es sind Reisen in die Vergangenheit der Stadt, die 120.000 Jahre zurückführen. Für Schmalnauer selbst ist die Spurensuche auch ein Versuch, das Andenken an seinen Vater zu bewahren. Eines Vaters, der ein Titan war und so viel Lebenskraft hatte, dass er daran zugrunde ging.

Café Casino
Strom: Jedes Jahrhundert hinterließ seine Spuren in der Unterwelt von Bad Ischl.  

Strom: Jedes Jahrhundert hinterließ seine Spuren in der Unterwelt von Bad Ischl.  


Eine tragische Figur: Båcht Sepp

Josef Schmalnauer wurde 1930 als Sohn eines Holzknechts in Bad Ischl geboren. Er war Elektriker-Lehrling, als 1945 die US-Armee einmarschierte. Aufgrund einer verlorenen Wette ließ er sich mit Mitte 20 einen Vollbart wachsen, den er nie wieder ablegte. Er wurde in Bad Ischl deshalb nur noch Båcht-Sepp (Bart-Sepp) genannt.

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren verdiente er sein Geld als Holzknecht und Musikant. Mit seiner Gitarre und einem Motorroller tourte er durch Österreich, Deutschland, Holland und Dänemark und verdingte sich als Sänger von Volks- und Seemannsliedern.

1971 kaufte Båcht-Sepp das Café Casino in der Grazerstraße. Als singender Wirt löste er anfangs großen Andrang aus. Sein Gasthaus war Treffpunkt für alle Gesellschaftsschichten. Nach der Sperrstunde wurde oft bis in den Morgen (halblegal) im Kellergewölbe weitergefeiert. Aber mit dem Wirt ging es dabei ebenso bergab wie mit seinem Café.

Irgendwann in den Achtzigern war der Musikant nur noch eine letzte nächtliche Anlaufstelle für betrunkene Nachtschwärmer, die bei seinem berühmten Gulasch gemeinsam mit ihm dem Morgen entgegentranken. 1992 starb Båcht-Sepp als gebrochener, einsamer Mann.

Café Casino
singender wirt    

 

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