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Oberösterreich

Heimkind hing am Stacheldraht: "Jetzt reicht’s, jetzt musst was machen"

Von Marina Mayrböck   15. Oktober 2018 00:05 Uhr

Heimkind hing am Stacheldraht: "Jetzt reicht’s, jetzt musst was machen"
Spartakus-Bewegung 1971.

BRAUNAU/LINZ. Der Braunauer Alfred Hinterholzer war – wie erst jetzt bekannt wurde – heimlicher Kopf der Heimrevolte in Linz-Wegscheid 1971 – den OÖN schildert er seine Erinnerungen.

"Ich hab gesehen, wie einer aus dem B-Raum geflüchtet ist. Auf dem Eingangstor war Stacheldraht. Er ist trotzdem raufgeklettert. Ihm sind die Kapos hinterher, sie haben ihn vom Zaun runtergezogen. Der Bursch ist mit seinen Armen am Stacheldraht hängen geblieben… Es hat die vom Heim nicht interessiert, wie es ihm gegangen ist. Da hab ich gedacht: Jetzt reicht’s, jetzt musst du was machen." Seine Erinnerung an diesen Sommertag 1971 lässt Alfred Hinterholzer nicht los. Der gebürtige Innviertler war damals 17 Jahre alt und hat etwas gemacht, was Jahrzehnte keiner wusste: Er war Kopf der Heimrevolte in Linz-Wegscheid.

Das Landesjugendheim war in den 60er- und 70er Jahren bekannt für seine brutalen Züchtigungsmethoden. Hinterholzer spricht sogar von einem "modernen Konzentrationslager". Erzieher mit NS-Vergangenheit, einheitlicher Haarschnitt, keine Schuhe, Prügel, seelische Misshandlung. B-Raum stand für Besinnungsraum, eine Vier-Quadratmeter-Zelle mit Holzpritsche. Sprechen war verboten, Polster und Decke gab es nur abends. Kapo war die Bezeichnung für Funktionshäftlinge in NS-Konzentrationslagern, in Wegscheid waren es Spitzel und Lieblinge der Erzieher.

Heimkind hing am Stacheldraht: "Jetzt reicht’s, jetzt musst was machen"
Der „Besinnungsraum“

Der „Besinnungsraum“

 

"Die Planung oblag mir"

"Hinten am Sportplatz, im Matratzengebäude, haben wir uns erstmals unterhalten. Jede der fünf Heimgruppen hatte eine Abordnung. Man musste vorsichtig sein, weil in jeder Gruppe mindestens ein Kapo war. Die haben wir schnell ausfindig gemacht und außen vor gelassen. Es war ein kleiner Kreis, der an den Treffen teilgenommen hat. Die Planung des Widerstandes lag bei mir. Oberster Grundsatz war Ungehorsam. Wir wollten die Landesregierung zwingen, zu uns zu kommen, mit uns zu sprechen, und sie über die Missstände informieren", sagt Hinterholzer. Er spricht von einem Glücksfall, dass zur selben Zeit der Druck von außen groß geworden war. Außerhalb der Heimmauer versammelte sich eine Spartakus-Gruppe. Mit der Kampagne "Öffnet die Heime" wurde in mehreren Ländern ein Ende der brutalen Zustände in den Erziehungs- und Lehrlingsheimen gefordert. Auch in Wegscheid.

Hinter den Heimmauern war Hinterholzer der wichtigste Mann. Fluchten wurden organisiert, Gitterstäbe manipuliert. Acht seiner Gruppe – er selbst ist geblieben – schafften den Ausbruch, seilten sich nachts vom ersten Stock ab. Sechs ließen sich von den Spartakus-Leuten überreden, zurückzukommen. Das Zentrum des Widerstandes musste das Heim sein...

Rückendeckung und Unterstützung bekam der damalige Teenager von "Opa", dem Dorfvorsteher der daneben gelegenen Baracke, in der Gastarbeiter wohnten. "Den kannte man nur unter Opa. Opa war Kommunist. Er gab mir Tipps, wie man Widerstand leisten kann." Der heute 64-Jährige erinnert sich an die Demos vor dem Heimtor, als die Gendarmerie gerufen wurde. Und an den damaligen Heimleiter mit geladener Pistole. Das war im Juli, August 1971. Im Oktober wurde Hinterholzer aus dem Heim entlassen. "Für sie war es offensichtlich, dass ich Teil der Bewegung war, aber sie wussten nicht, dass ich Kopf der Sache war. Es war einfacher, mich auf diese Art loszuwerden. Vermute ich, ansonsten wäre ich vor Volljährigkeit nicht rausgekommen."

Heimkind hing am Stacheldraht: "Jetzt reicht’s, jetzt musst was machen"
Alfred Hinterholzer in den 80ern

Alfred Hinterholzer in den 80ern

 

"Alle hielten dicht"

Für ihn hat die Freiheit mit der Spartakus-Revolte begonnen. Er zog nach Berlin und setzte seine Bäckerlehre fort. "Ich fand schnell Anschluss an die Kommune und hab an Demonstrationen alles mitgenommen. Man gehörte dazu, wurde ernst genommen. Alles Sachen, die für mich neu waren. Ich war damals ein ziemlich wilder Hund. Beziehung gab’s auch keine, bis ich meine erste Frau kennengelernt habe. Das ging zehn Jahre gut." Sein Geheimnis nahm er mit nach Berlin. "Alle hielten dicht, niemand wusste, dass ich der Organisator war", sagt er.

Der Linzer Historiker Michael John habe ihn über die Klasnic-Kommission ausfindig gemacht.

 

Zur Person

Alfred Hinterholzer wurde in Neukirchen (Bezirk Braunau) geboren. Vater bekannt, Mutter unbekannt, aufgewachsen bei den Großeltern. Nach dem Tod seiner Oma musste er als Siebenjähriger zu seinem Vater und der Stiefmutter nach Braunau. Er wurde täglich geschlagen. In der Hoffnung auf ein besseres Leben wollte er in ein Heim… Er lebte in Berlin, bis er 1998 bei einem Klassentreffen in Braunau seine zweite Frau kennenlernte. Eine „gravierende“ Verbesserung der Heimzustände hat es laut Hinterholzer erst 1973 gegeben. Historiker John war kürzlich Gast bei den Braunauer Zeitgeschichtetagen zum Thema „die 68er“, Hinterholzer saß im Publikum.

 

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