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Hilfe für die Bienen: So retten wir auch die Artenvielfalt im Land

Karl Neubauer: Er ist einer der Imker, die die OÖN-Firmenbienenpaten betreuen werden

Hilfe für die Bienen: So retten wir auch die Artenvielfalt im Land

LINZ. Bienen sind nicht nur die wichtigsten Bestäuber der Pflanzen. Der Schwund der Insekten bedroht auch andere Tierarten.

Von Alfons Krieglsteiner und Markus Staudinger, 14. April 2018 - 00:05 Uhr

Sie ist ein kleines Wunder: Ohne Bienen würde die Hälfte unserer Supermarktregale leer bleiben. Denn sie sind die wichtigsten Bestäuber unserer Pflanzen.

"Von 100 Äpfeln sind 80 überhaupt nur da, weil sie von Bienen bestäubt werden", sagt Heinz Wahlmüller vom Landesverband für Bienenzucht. Doch in einer zunehmend unwirtlichen Welt hat die Biene einen schweren Stand. Oberösterreich zählt 80.000 Bienenvölker, jährlich gehen Tausende von ihnen zugrunde. Die OÖNachrichten und der Landesverband für Bienenzucht wollen diesem stillen Sterben lautstark entgegentreten.

Mit unserer Aktion "Retten wir die Bienen" wollen wir Bewusstsein schaffen für die zunehmend prekäre Lage unserer Honigbiene. Wir wollen die Zahl der Bienenvölker in unserem Land mehren und Forschung zum Wohl unsere Bienen fördern.

In den nächsten Wochen werden wir Ihnen in der Schwerpunktserie "Retten wir die Bienen" die Welt der Bienen nahe bringen, ein Einmaleins des Imkerns liefern und auf die Bedeutung von Insekten im Ökosystem hinweisen.

Die Folgen des Insektenschwunds treffen uns alle. Noch ist es ein hypothetisches Szenario, das die US-Biosupermarktkette "Whole Foods" 2016 durchgespielt hat. Man entfernte in einem Laden alle Produkte, die es ohne Bienen und andere Bestäuberinsekten nicht mehr geben würde. Und siehe da: 52 Prozent des Sortiments fielen weg. Ob Kirschen, Äpfel, Marillen, Kürbisse, Tomaten: 75 Prozent unserer Nahrungspflanzen sind von der Bienenbestäubung abhängig.

"Nicht mehr fünf vor zwölf"

Die Honigbiene ist nur ein Indikator für ein weltweites Phänomen: das Insektensterben. "Für unsere Fluginsekten ist es längst nicht mehr fünf vor zwölf, sondern zwölf", sagt Michael Strauch, Leiter der Artenschutzprojekte der Naturschutzabteilung des Landes Oberösterreich.

Das zeigt der Verlust an "Biomasse". Der fällt jedem auf, der heute im Auto übers Land fährt. Anders als noch vor 20 Jahren, findet man auch nach längerer Fahrt kaum "zerdetschte" Insekten auf der Windschutzscheibe. Den Schwund der Biomasse belegt ein Beispiel aus Krefeld (Nordrhein-Westfalen). Insektenkundler hatten dort 1989 auf einer Wiese eine Insektenfalle aufgestellt. Darin fingen sie Insekten mit einer Gesamtmasse von 1400 Gramm. Als sie 2013 den Versuch wiederholten, waren es nur noch 300 Gramm.

"In den vergangenen 20 Jahren ist die Gesamtmenge der Fluginsekten um 80 Prozent zurückgegangen", sagt Arno Aschauer, Artenschutzreferent des WWF Österreich.

Doch 80 Prozent unserer 3000 Wild- und Nutzpflanzen werden von Bienen und anderen Fluginsekten bestäubt. "Wenn sie verschwinden, bekommen wir im Obstbau Verhältnisse wie in China, wo man die Kulturen mittlerweile von Hand bestäuben muss", warnt Gerald Neubacher von der Landes-Naturschutzabteilung.

 

„Sterben die Insekten, dann sterben auch die Vögel“

Meise, Schwalbe, Spatz: Die Zahl der kleinen Insektenfresser unter den Vogelarten geht zurück

Alle Lebewesen sind Akteure in einem komplexen Netz wechselseitiger Abhängigkeiten. Ein Netz, in das der Homo sapiens störend eingreift. Ein Beispiel nennt der Insektenkundler Fritz Gusenleitner, Leiter des Biologiezentrums des Landes Oberösterreich: die „Lichtverschmutzung“.

"Sterben die Insekten, dann sterben auch die Vögel"
Dié insekten werden weniger, das hat weitreichende Folgen  
Bild: dpa

Sie bedroht die nachtaktiven Fluginsekten. Nachtfalter werden von den im Blaulichtbereich leuchtenden Quecksilberdampflampen magnetisch angelockt, fliegen sich zu Tode. „Höchste Zeit, dass wir sie durch Natriumdampflampen oder Full-Cut-off-Leuchten ersetzen“, sagt Gusenleitner. Die Apokalypse der Nachtinsekten hat fatale Folgen für die Fledermäuse. Alle 25 heimischen Arten sind akut gefährdet. Täglich braucht eine Fledermaus ein Drittel ihres Körpergewichts an Insektennahrung. Doch danach muss sie lange suchen.

Vom Schwund der tagaktiven Insekten sind etwa die Meisen betroffen. 20.000 Insekten braucht ein Meisenpaar für eine Brut. Ist nur noch ein Fünftel des „Angebots“ vorhanden, müssen sie viel länger suchen. „Kommt dann noch widriges Wetter dazu, ist die Brut verloren“, sagt Gusenleitner.

Verschwinden der Kiebitze

Schwalbe, Mauersegler, Braunkehlchen: Gerade die kleinen Insektenfresser unter den Vögeln gehen zurück. Der Kiebitz ist in der Schweiz schon verschwunden, bei uns kommt er noch in Restbeständen vor. Auch einst häufige Arten wie Stare und Spatzen, die ihre Jungen mit Insekten füttern, werden rar.

„Sterben die Insekten, dann sterben auch die Vögel“, sagt der Ornithologe Stephan Weigl vom Biologiezentrum: „Das ganze Ökosystem ist aus den Fugen geraten.“

 

Unsere ersten Tage als Imker: Das Ehepaar Öllinger

Im Garten von Heidemarie und Josef Öllinger in Bad Schallerbach hat am Mittwoch ein Bienenvolk Einzug gehalten.

Seit dieser Woche haben Heidemarie und Josef Öllinger neue Mitbewohner in ihrem Garten in Bad Schallerbach: ein Bienenvolk. „Als wir von der OÖN-Initiative ,Retten wir die Bienen‘ erfahren haben, haben wir uns gedacht: Super, das ist eine tolle Aktion!“, sagt Josef Öllinger (72). Die Öllingers beschlossen - unterstützt von den OÖN und dem Landesverband für Bienenzucht – selbst Imker zu werden.

Unsere ersten Tage als Imker: Das Ehepaar Öllinger
Josef und Heidemarie Öllinger auf Tuchfühlung mit ihren neuen Gartenbewohnern.  
Bild: Weihbold

Am Mittwoch um 6.15 Uhr früh stand Imkermeister Ernst Tiefenthaler (55) aus dem nahen Pichl, der auch Neueinsteigerkurse für den Landesverband abhält, mit dem Bienenstock vor der Tür. Ein Platz zum Aufstellen war schnell gefunden: Auf einer 1400 Quadratmeter großen Parzelle zwischen Tannen und Serbischen Fichten, geschützt vor der prallen Mittagssonne, kommt das Volk ins Schwärmen. „Sie fliegen schon aus“, sagt Öllinger, der sich ihrer Magie nicht entziehen kann: „Ich muss immer wieder hingehen und sie beobachten.“ Dabei gilt für den frischgebackenen Bienenpaten: „Vor dem Flugloch muss man sich möglichst langsam bewegen, damit sie nicht unruhig werden.“

Heute wird Imkermeister Tiefenthaler erstmals Nachschau halten und auf den Brutraum einen ersten Stock für den Wabenbau setzen. 20 Obstbäume warten im Garten des pensionierten Ärzte-Ehepaars auf die Bestäubung, dazu eine artenreiche Magerwiese als Wellness-Oase für Honig- und Wildbienen, denen auch ein „Insektenhotel“ zur Verfügung steht. Auf eines freut sich das Ehepaar besonders: „Wenn Mitte August unser erster Honig geschleudert wird.“

Schon der Opa war Imker

Mit den Honigbienen verbindet Josef Öllinger schöne Kindheitserinnerungen. „Mein Opa hatte in Zell an der Pram 30 Völker, da habe ich ihm in den Ferien oft beim Imkern geholfen.“ Auch im Bekanntenkreis macht das Vorbild der beiden Schule: „Einige wollen jetzt auch selber Bienenpaten werden“, sagt Josef Öllinger.

 

„Wir wollen zeigen, dass Bienen eine Lobby haben“

Seit 2016 ist Johann Gaisberger (64) aus Bad Goisern „Chef“ der 8000 Freizeitimker im oö. Landesverband für Bienenzucht. Im OÖN-Gespräch beantwortet er die Frage, was man für die Bienen tun kann, kurz und bündig: „Bei unserer gemeinsamen Aktion mit den OÖNachrichten mittun!“

"Wir wollen zeigen, dass Bienen eine Lobby haben"
Johann Gaisberger ist seit 2016 Präsident des Imkereiverbandes.  
Bild: OÖN

OÖN: Was macht die Honigbiene zum wichtigsten Bestäuber?

Johann Gaisberger: Dass die Blüten vieler Wild- und Nutzpflanzen exakt an die Bestäubung durch die Bienen angepasst sind. Hinzu kommt die Menge der Einzeltiere, die die Blüten besuchen: Ein Bienenvolk hat 50.000 Individuen, ein Hummelvolk bringt es nur auf 600.

Was hat den Verband zu der Initiative mit den OÖN bewogen?

Wir wollen damit zeigen, dass die Bienen eine Lobby haben. Uns Imkern ist wichtig, dass die breite Öffentlichkeit mehr über Bienen, ihre Bedeutung, ihren Schutz und die Imkerei erfährt.

Was erwarten Sie sich davon?

Dass die Öffentlichkeit sachlich informiert und für die Thematik sensibilisiert wird. Die Menschen sollen wissen, dass sie mit uns in Kontakt treten können. Und dass sie bei uns unverfälschten Qualitätshonig kaufen können.

Firmen können auch eigene Bienenstöcke aufstellen?

Ja, das hat eine Signalwirkung. Nach dem Motto: Uns liegt die Natur am Herzen. So wird ein positives Image vermittelt: ,Wir wollen eine gut gehende Firma in einer intakten Umwelt sein.’

Was können die Gemeinden für die Bienen tun?

In bienenfreundlichen Gemeinden gibt es möglichst wenig Intensivlandwirtschaft. Die Baumärkte verzichten freiwillig auf Pflanzenvernichtungsmittel, ebenso die Bauhöfe. Und auf den Gemeindeflächen werden Blühflächen angelegt.

Was lässt Sie für die Zukunft der Bienen hoffen?

Dass die Zahl der Imker stetig steigt. 2017 hat der Landesverband 487 neue Mitglieder gewonnen. Darunter sind viele junge Familien sowie Imkerinnen: Oberösterreichs Imker-Verband wird immer weiblicher und jünger, und die Imker bilden sich ständig weiter. (kri)

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