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Kultur

Wie Sebastian Kurz den Begriff der "Familie" entstellt

Von Peter Grubmüller  15. Juni 2021 04:28 Uhr

Wie Sebastian Kurz den Begriff der "Familie" entstellt
Michael Köhlmeier (l.) und Konrad Paul Liessmann sind mit ihrem Buch "Der werfe den ersten Stein" zu Gast.

Literaturschiff: Autor Michael Köhlmeier liest heute mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann im Biohof Huber in Sierning.

Schriftsteller Michael Köhlmeier (71) dichtet mythologische Geschichten bis hin zu Märchen neu – und Philosoph Konrad Paul Liessmann (68) begründet deren Relevanz für die Gegenwart. Diesem blendenden Konzept folgen die beiden nun schon in ihrem zweiten gemeinsamen Buch "Der werfe den ersten Stein". Heute (19.30 Uhr) lesen Köhlmeier/Liessmann beim "Literaturschiff" im Biohof Huber zu Gunersdorf in Sierning. Im OÖN-Interview spricht Köhlmeier über diesen literarisch-philosophischen Doppelpass, seine politische Rede vom Mai 2018 und darüber, welches Thema er im Lichte der Regierung ÖVP/Grüne anpacken würde.

OÖNachrichten: Herr Köhlmeier, wie ist es zu diesem Projekt von Konrad Paul Liessmann und Ihnen ursprünglich gekommen?

Michael Köhlmeier: Vor bald 25 Jahren haben Konrad und ich das Philosophicum in Lech am Arlberg gegründet. Inzwischen trifft sich dort immer im September alles, was im deutschsprachigen Raum in der Philosophie Rang und Namen hat. Wir setzen ein Hauptthema, und dazu gibt’s verschiedene Vorträge. Irgendwann hatten Konrad und ich folgende Idee: Machen wir doch ein philosophisch-mythologisches Gespräch. Das heißt: Ich such mir aus der griechischen, nordischen und biblischen Mythologie bis hin zum Märchen drei Geschichten zum Thema aus. Und der Gag ist, dass ich Konrad nicht erzähle, was auf ihn zukommt. Auf der Bühne hat er Zeit zum Überlegen, solange meine Geschichte eben dauert. Und er musste sie dann aus philosophischen Gesichtspunkten interpretieren. An diesen Abenden war die Bude immer voll.

Wie wurden Bücher aus dieser Idee?

Eine Frau vom Hanser Verlag, die zu Gast war, schlug das vor. Aber wir haben gesagt: "Na ja, das Ganze lebt doch von der Spontaneität." Trotzdem haben wir uns überreden lassen und gleich das erste Buch mit dem Titel "Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?" gemacht. Das zweite war eben "Der werfe den ersten Stein – mythologisch-philosophische Verdammungen".

Hat Herr Liessmann jemals live auf der Bühne kapituliert?

Nein, ein Konrad Paul Liessmann kapituliert nicht. Das Schöne ist, ihm zuzusehen, wie er denkt. Kleist hat einen Artikel über "Die Entstehung der Gedanken beim Sprechen" geschrieben. Bei Konrad sieht man das sehr gut. Ich weiß dann: Aha, jetzt hat er den Haken. Er ist ein Philosoph antiken Ausmaßes. Damals war es ja so, dass die Philosophen im Hof rundum spaziert sind und ihre Gedanken gehend und sprechend entwickelt haben. Das kann er auch vorzüglich.

Welche mythologische Geschichte fällt Ihnen zur aktuellen politischen Atmosphäre, zu öffentlich gewordenen Chats und zur Kritik der Politik an der Staatsanwaltschaft ein?

Die Geschichte von Othello, die wir aber nicht aus der Sicht Othellos, sondern aus der Sicht des Jago erzählen. Jago ist der Inbegriff des literarischen Intriganten. Konrad Paul Liessmann sagt in diesem Zusammenhang einen sehr schönen Satz: "Die Waffe des Intriganten ist gar nicht die Lüge, sondern die Halbwahrheit."

Im Mai 2018, in Zeiten der ÖVP/FPÖ-Koalition, haben Sie in der Hofburg mit Ihrer Rede "Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle" heftige Debatten ausgelöst. Unter anderem wegen Ihrer Kritik an der Schließung der Fluchtrouten beklagten sich ÖVP und FPÖ. Worüber würden Sie heute angesichts der Koalition ÖVP/Grüne sprechen?

Der Inhalt wäre aus dem Umfeld der Korruption, wobei das ein sehr großes Thema ist. Es gibt eben Leute, die meinen, ihnen gehöre die ganze Welt. Ich erinnere mich an dieses naiv bass erstaunte Gesicht von Thomas Schmid (der zurückgetretene ÖBAG-Chef, Anm.), als man ihm erklärt, dass die Welt nicht ihm gehört. Es ist dieser Glaube daran, du würdest von irgendwoher berufen sein, dass dir das alles gegeben wird – und dann kannst du tun, was du willst. Korruption läuft ja nicht immer nur über Geld …

Inwiefern?

Letztendlich läuft es auf Geld hinaus, aber das war mit der FPÖ irgendwie leichter, weil sie sich ungeschickter angestellt hat. Die pure materielle Geldgier war einfach zu deutlich. Aber es gibt auch die Machtgier, die ja nicht besser ist. Herr Schüssel (2000 bis 2007 Bundeskanzler, Anm.) war sicher nie interessiert, dass er Geld abstaubt. Aber er war an der Macht interessiert. Bei Sebastian Kurz und der "Familie" ist das anders. Jetzt hab ich’s: Ich würde über den Begriff Familie sprechen, und wie nun dieser Begriff entstellt wird.

Welche literarische Herleitung fällt Ihnen dazu ein?

In Shakespeares "Julius Cäsar" hält Antonius eine Rede, in der immer wieder vorkommt: "… aber Brutus ist ein ehrenwerter Mann." Seit dieser Rede sind die Begriffe "ehrenwerter Mann" oder "ehrenwerte Gesellschaft" fast klagenswert. Das ist mit einem Mal negativ besetzt, obwohl der Begriff an sich etwas Positives meint. Shakespeare ist es gelungen, diesen Begriff in einer einzigen Rede umzudrehen. Das war schon bei der Mafia so, aber wir in Österreich sind gerade dabei, dass der Begriff "Familie" eine Bedeutung bekommt, die absolut negativ ist.

Die Corona-Lage entwickelt sich gut, aber wie waren Sie selbst mit der Pandemie konfrontiert?

Unser jüngster Sohn und seine Lebensgefährtin wurden positiv getestet. Beruhigend war, dass sie fast nichts gespürt haben. Dennoch waren sie natürlich drei Wochen in Quarantäne. In dieser Zeit haben sie meine Frau und ich versorgt. So wie sie uns im ersten Lockdown versorgt haben, weil wir die Alten sind, die geschont werden müssen.

Waren Sie ökonomisch beeinträchtigt?

Ich schon, weil ja ein großer Teil des Einkommens von Schriftstellern aus den Honoraren für Lesungen und Vorträgen besteht. Bei meiner Frau Monika (die Schriftstellerin Monika Helfer, Anm.) war’s umgekehrt: Sie hat in dieser Zeit die erfolgreichsten Bücher ihres Lebens ("Die Bagage", "Vati", Anm.) veröffentlicht. Natürlich wäre sie auch gerne herumgezogen, aber bei ihr waren die Einkünfte so gut, dass sie gerne darauf verzichtet hat. Also gemeinsam wäre es vermessen zu sagen, wir hätten wie ganz viele aus dem Kulturbereich Not gelitten.

Info: www.literaturschiff.at

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Peter Grubmüller

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