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Kultur

"Wartet nicht auf die Politik! Packt es selbst an!"

Von Peter Grubmüller  14. September 2020 00:04 Uhr

"Wartet nicht auf die Politik! Packt es selbst an!"
Supermodel, Aktivistin, Autorin: Waris Dirie

Brucknerfest-Eröffnung: Festrednerin Waris Dirie prangerte Rassismus und Frauenfeindlichkeit an.

"Wir sind doch alle gleich, insofern sollten wir versuchen, einander mit Respekt zu behandeln", sagte Waris Dirie in ihrer gestern frei und auf Englisch gehaltenen Festrede zur Eröffnung des Brucknerfests im Linzer Brucknerhaus. Rassismus erlebe die aus Somalia stammende Aktivistin mit österreichischem Pass und Autorin des Buches "Wüstenblume", in dem sie vor 22 Jahren unter anderem ihre Tortur der Geschlechtsverstümmelung schilderte, nach wie vor als etwas Alltägliches. So sei sie jüngst an einem Hotelempfang als Einzige einer Gruppe nach dem Ausweis gefragt worden. Von einem anderen Hotel wurde sie beim Versuch, ein Zimmer zu buchen, abgelehnt – nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie schwarz ist.

"Die Geschichte mit dem Ausweis hat sich am Samstag in Linz zugetragen. Jenes Hotel, in dem sie das Zimmer nicht bekommen hat, befindet sich in der Schweiz", sagte Diries Manager Walter Lutschinger im Gespräch mit den OÖN.

"Macht euren Job!"

Dirie beschwor die Liebe als Grundhaltung, plädierte ob des existierenden Reichtums für mehr Verteilungsgerechtigkeit, prangerte Frauenfeindlichkeit und Gier an, zudem forderte sie mehr Wertschätzung für die Natur. Schließlich wandte sie sich an die Politikerinnen und Politiker in den ersten Reihen: "Wir gaben euch unser Vertrauen, wir gaben euch die Macht – jetzt macht euren Job!" Offenbar in einem Anflug von Resignation drehte sie sich zu den Musikerinnen und Musikern des OÖ. Jugendsinfonieorchesters: "Wartet nicht auf die Politik! Packt es selbst an!"

Kurz davor hatte die zweite Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) das Brucknerfest eröffnet. Den Festival-Übertitel "Kontroverse" bahnte sie mit zwei Duellen an: jenem von Don Camillo und Peppone sowie dem realen musikalischen von Johannes Brahms und Anton Bruckner. Peppone und Brahms seien traurig zurückgeblieben, nachdem ihnen ihr Kontrahent abhandengekommen war: Don Camillo wurde von der Kirchenleitung versetzt, Bruckner starb 1896 – ein Jahr vor Brahms.

Sowohl Peppone als auch Brahms hätten erkannt, "dass sich in der Kontroverse etwas Neues und Besseres erschaffen lässt", sagte Bures. Dementsprechend eröffne die Kontroverse für Kunst, Wissenschaft und Forschung "großes kreatives Potenzial".

In gesellschaftspolitischen Debatten sei die Kontroverse aus der Mode gekommen. Bures: "Wir wollen etwas hören, aber wir hören nicht mehr so genau hin. Wir wollen etwas sehen, aber wir schauen nicht mehr so genau. Wir wollen etwas spüren, aber wir fühlen nicht mehr mit." Die Kontroverse sei der Motor in eine bessere Welt. Nur die Lautesten zu hören und kein Mitgefühl für andere aufzubringen, "nicht einmal für die Kinder in Moria", sagte Bures, "gefährde unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt."

  • Video: Eröffnung des Brucknerfestes "Kontroverse"

Diese Kritik vertiefte der Linzer Bürgermeister Klaus Luger (SPÖ): "Wir müssen Haltung zeigen – und Haltung heißt nicht, Geld nach Moria zu schicken." Der wuchtigste Applaus des Tages und Bravo-Rufe donnerten durchs Brucknerhaus.

Obendrein fädelte Luger eine Argumentationskette für mehr Kontroversen auf. Und weil Künstler von den Corona-Bestimmungen am härtesten betroffen sind, sei es bemerkenswert, dass Brucknerhaus-Chef Dietmar Kerschbaum unter anderem bei der Klangwolke am Samstag vor allem regionale Künstler beauftragt habe. Luger: "Die Unterstützung für regionale Künstler in Corona-Zeiten ist keine Sozialmaßnahme, sondern eine Investition in die Zukunft."

Der starke Staat

Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) bewertete das Brucknerfest "als Statement, dass wir die Corona-Krise gemeinsam meistern wollen und meistern werden." Die Kreativität sei die Triebfeder unseres Lebens – vom privaten Alltag bis zur Gestaltung der Gesellschaft –, zudem seien "Kunst und Kultur weder Luxus noch Lebensverzierung, sondern Kultur ist das, was uns im Innersten ausmacht."

Stelzer bewertete es als Scharte in der Geschichte der Republik, dass es im Kontext von Corona am längsten dauerte, "bis wir eine Idee hatten, wie wir Künstlerinnen und Künstler ausreichend unterstützen." Und Stelzer weiter: "Ein starker Staat ist nicht einer, der alles regelt, vorschreibt und garantiert. Sondern er ist ein leistungsfähiger Helfer, der dann zur Stelle ist, wenn Einzelne in Not sind."

Brucknerfest bis 11. Oktober, Infos und Karten unter: www.brucknerhaus.at

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