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Literatur

Tilda Swinton: Erzählungen eines Nachtschmetterlings

Von Von Reinhold Tauber   10. Dezember 2009 00:04 Uhr

Berlin war aus gegebenem Anlass in den letztvergangenen Tagen und Wochen in aller medialen Munde und in den Print-Medien als riesige Erinnerungs-Welle. Dazu nun Spezielles.

Vorerst – der Lehrsatz: „Parallelen schneiden sich im Unendlichen.“ Selten aber verzahnen sich in meinem Bewusstsein Parallelen schon bei ihrer Verfolgung derart wie in diesem Fall. Der eine Strang: Ich sehe die Schauspielerin Tilda Swinton auf ihrem uralten Fahrrad 1988 durch Berlin fahren – die Mauer entlang, damals noch finstere, bösartige, tödliche Grenze, begleite sie wie die Kamera entlang von Unkraut-Wucherungen, durch verrottetes Gelände, durch gesichtslose Neustadt-Siedlungen, durch den Tiergarten, vorbei geht es an Kinderspielplätzen ebenso wie durch stille Villenviertel, an den Wannsee, meist still, nur O-Ton, gelegentlich leise gezirpte lyrisch-poetische Tiefsinnigkeiten. „Cycling the Frame“.

Mauerreste

Und ich sehe sie 20 Jahre später wieder fahren, dem Verlauf der verschwundenen Mauer entlang, manche Reste stehen noch, auf nun durchgehenden Straßen ist der Verlauf mit Pflastersteinen markiert. „The Invisible Frame“.

An den Rändern der Stadt kaum Veränderung, wie sich die Bilder gleichen … Und dann lese ich die Stadt-Erzählungen Wolfgang Hermanns, „Konstruktion einer Stadt“. Berlin, Zeitraum an Text-Indizien festzumachen: auch ab 1988, aber auch herauf bis ins grenzen-lose Heute. „Die Stadt ist meine Muschel. Sie umschließt mich. Ich steige in einen Schacht, ich rase durch unterirdische Röhren, ich komme irgendwo ans Tageslicht. Ich gehe die graue Straße entlang. Es ist eine von tausend grauen Straßen … - … wie Nachtschmetterlinge irren die Gedanken der Menschen um die Lichter in den Fenstern. Ein solcher Nachtschmetterling bin auch ich …“ Und: „Die Stadt, in ihrer Folge von Bewegungen, verschliff die vielen Einzelbewegungen zu einem unüberschaubaren Gebilde.“ Streifzüge durch die Stadtrand-Landschaft, durch die Poesie der Gärten, Beschreibung eines Tages auf einem Platz in einem bescheidenen Stadtrand-Viertel, Beobachtungen jener, die mit der neuen Zeit nicht mitkommen: „In manchen Bezirken waren die Alten wie vergessene Dinosaurier…“

Berührende Ergänzung

Ich lese die schönen, präzisen Texte in einer Sprache, die ohne jeden Stil-Schnörkel auskommt, in ihrer Konzentration auf Bild-Vermittlung bezwingt. Aber es sind auch Vexierbilder von Realität, Irreales, Traumhaftes mischt sich mit den realen Gegenden und Objekten – siehe Zitat oben. Und: Beim Lesen der Texte bin ich mit Swinton unterwegs, die Bilder des Films und die Bilder des Texts legen sich fast deckungsgleich übereinander.

Vielleicht hat mancher TV-Konsument auch die Filme gesehen, er kann beim Lesen des Hermann-Texts nachprüfen, ob diese Parallelität auch auf seine Imaginations-Bereitschaft zutrifft. Aber für all jene, die nur den Text lesen: Sie haben ein Stadt-Erlebnis auf Papier, das ihnen Bilder in den Geist zeichnet, die dort lange nachwirken können.

Und für all jene, die das vergangenes Jahr erschienene Buch des Wildgans-Preisträgers „Paris Berlin New York“ gelesen haben: Für sie eine berührende Ergänzung des Berlin-Segments.

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