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Konstantin Wecker: „Ich bin immer noch wütend“

Von Reinhold Gruber, 02. Juli 2021, 10:51 Uhr
Seine Stimme ist immer noch wichtig: Konstantin Wecker ist auf seinem neuen Album „Utopia“ wütend und zärtlich. Bild: Thomas Karsten

Die Poesie seiner Worte ergibt Lieder und Gedichte, in denen er Gedanken und Empfindungen, Überzeugungen und Gefühle formuliert und zu den Menschen bringt. Mit „Utopia“ ist Konstantin Wecker wieder ein Meisterwerk gelungen.

Es ist eine schöne Vorstellung, das Leben ohne Herrschaft und Gehorsam. Für sein neues Album „Utopia“ hat der 74-jährige Liedermacher und Poet diesen Herzenswunsch in feine Klänge arrangiert. Ein Gespräch über die Wut, die Zärtlichkeit, das Alter und was sonst noch wichtig ist.

OÖN: Sie sind ein Mensch, der nie mit seinem Wütendsein gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen hinter dem Berg gehalten hat. Und doch hören Sie sich auf Ihrem neuen Album auch hoffnungsvoll und liebevoll an. Sind Sie milder geworden?

Konstantin Wecker: Ich bin immer noch wütend und auch angriffig. Ein Text wie ‘Schäm dich Europa’ drückt die ganze Wut aus, die ich seit vielen Jahren habe, wie mit den Geflüchteten umgegangen wird. Das ist eine wirkliche Schande, vor allem für Länder, die so reich sind wie wir. Was mich da – um bei der Wut zu bleiben – wirklich so erzürnt, ist, dass am Anfang ja ein schöner Gedanke stand.

OÖN: Sie meinen den Gedanken vom gemeinsamen Europa?

Konstantin Wecker: Der europäische Gedanke war ja wirklich sehr gut. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus – damit bin ich groß geworden. Meine Generation musste, weltgeschichtlich wahrscheinlich einmalig, ein ganzes Leben lang nie eine Kriegssituation erleben. Trotzdem hat unser Europa die Kriege in die Welt hinaus getragen. Unsere Waffenfirmen bauen Waffen, mit denen in Syrien Menschen abgeschlachtet werden. Das alles erscheint mir mittlerweile nur noch pervers. Die Bedrohung des Faschismus ist viel größer als wir es in unserer Jugend erlebt haben. Da gab es zwar ein paar alte Nazis, aber es gab noch keine wirklichen Neonazis. Was da jetzt passiert, ist sehr bedrohlich und gerade durch Corona werden Mythen wieder geschaffen. Faschismus nährt sich ausschließlich von Mythen. Das ist die große Gefahr, denn rational kannst du einem Mythos nicht begegnen.

OÖN: Sind das Ängste, die Sie haben?

Konstantin Wecker: Ja. Ich habe meinen ersten 'Willi' 1977 geschrieben. Da hätte ich mir niemals vorstellen können, dass das passieren kann, was wir jetzt haben. Das ist eine neue Bewegung nach rechts, die wir ganz in Europa haben. Das ist also schon weiterhin zum wütend sein. In meinem Lied 'Wut und Zärtlichkeit“ habe ich mir zugestanden, dass man wütend sein muss, weil sonst wird nichts geändert. Aber man darf nicht aus Wut heraus handeln. Da kommt die Zärtlichkeit ins Spiel. Wenn, dann sollte man aus Liebe handeln. Die Idee von „Utopia“, von einem herrschaftsfreien, liebevollen Miteinander kann ich nicht wütend propagieren, sondern nur voller Hoffnung und Liebe.

OÖN: Sie sagen auch, dass Sie Mut machen wollen, alte Denkmuster zu durchbrechen, sich immer wieder neu zu erkennen. Fällt einem Letzteres schwer, wenn man darauf baut, was man gelesen und gehört hat, nicht aber was man fühlt?

Konstantin Wecker: Ich glaube, in unserer Gesellschaft ist es üblich, dass man schon sehr jung glaubt, sich ganz erkannt zu haben. Man muss immer fit und der Beste sein. Übrigens: Dass man sich in Corona-Zeiten mit dem Ellbogen begrüßt hat, sagt einiges über die Gesellschaft aus (lacht). Ich mache es lieber mit der Faust als mit dem Ellbogen. Da fällt es uns umso schwerer, uns selbst zu begegnen.

OÖN: Braucht es dazu das Alter?

Konstantin Wecker: Nein, da muss man nicht so alt sein wie ich jetzt. Ich habe als 30-Jähriger schon gewusst, dass ich mit 20 ein ganz anderes Ich hatte als mit 30. Diese Ichs, die wir von uns rational zu erkennen glauben, die wir uns selbst bauen und die natürlich damit zu tun haben, was die Gesellschaft von uns fordert, da hat man die große Chance im Alter einmal sein wahres Selbst zu finden. Das heißt zwar nicht, dass man es gefunden hat, wenn man alt ist. Aber die Möglichkeit dazu ist da.

OÖN: Sich selbst zu begegnen, Tag für Tag ist auch ein neues Lied.

Konstantin Wecker: Ja, das ist vielleicht die Aufgabe des Alters. Denkmuster zu durchbrechen und zu erkennen, dass es Muster sind.

OÖN: Hält uns das frisch?

Konstantin Wecker: Ich glaube schon. Irgendwann merkt man aber, dass die Sterblichkeit anklopft. Als junger Mensch habe ich viel getan, womit ich mir körperlich geschadet habe. Ich hatte wahrscheinlich das Gefühl, unsterblich zu sein, sonst hätte ich es ja nicht gemacht. Die einzige Chance wäre, auch dem Wort Tod zu begegnen.

OÖN: Das wird in unserer Gesellschaft aber ausgeklammert.

Konstantin Wecker: Ja, so wie das Alter ausgeklammert wird. In den indigenen Gesellschaften gab es immer die sogenannten Ältesten. Das waren weise, alte Menschen, auf die man gehört hat. Unsere alten Menschen werden von uns in irgendwelchen Seniorenheimen abgeschlossen und man hört sie auch gar nicht mehr an. Dabei wäre es so wichtig, zu hören, was ein 90-Jähriger von sich gibt. Und unsere Politiker sind beim besten Willen keine Ältesten in diesem Sinn. Das können sie auch gar nicht sein, sonst wären sie sofort ihres Amtes enthoben.

OÖN: Apropos Politiker. Wundern Sie sich darüber, wie es Menschen in die Politik ziehen kann, die unpolitisch sind wie in Deutschland oder in Österreich?

Konstantin Wecker: Da werde ich immer radikaler. Wir werden seit Jahrtausenden von Psychopathen beherrscht. Von Caligula bis Trump haben abgesehen von ein paar Ausnahmen alle, die uns bis heute beherrscht haben, alles dafür getan, die Erde zu zerstören, alles kaputt zu machen, was uns am Leben erhält. Die Kultur hat da immer wieder einen Aufschub geboten, der Menschheit die Chance geboten, inne zu halten, sich auf das eigentliche Wesen des Menschen zu besinnen. Eigentlich ist die Kultur immer „Utopia“ gewesen. Der Grundgedanke eines friedlichen, menschlichen Miteinanders ist in der gesamten Kulturgeschichte zu finden.

OÖN: Warum glauben Sie, fällt es uns so schwer, Respekt vor- und füreinander zu haben?

Konstantin Wecker: Weil neoliberale uns seit Jahrzehnten einreden, dass der Mensch eigentlich schlecht ist und es das einzig wichtige ist, andere zu besiegen.

OÖN: Aber Corona hätte manches ändern können, denn durch das abrupte Bremsen des gesellschaftlichen Lebens wurde uns allen vor Augen geführt, dass man nicht immer nur laufen und noch mehr haben muss, um zufrieden zu sein. Doch jetzt ist das Gefühl da, dass sich alles wieder in das alte Verhaltensmuster dreht. Haben Sie durch Corona neue Erfahrungen mit und an sich entdeckt?

Konstantin Wecker: Ich habe in dieser Zeit auch das Buch „Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten“ geschrieben und dann auch Streams im Internet dazu gemacht. Ich wollte eigentlich nur über mein Leiden als Künstler ohne Bühne schreiben. Das war der Anlass. Es wurde dann aber immer politischer. Ich kenne viele Leute, die gerade noch so über die Runden kommen, während andere 60 Millionen Euro an einem Maskendeal verdienen. Da sieht man, wie sehr der Kapitalismus versagt. Das ist die Hoffnung, dass es einige Menschen nach Corona einsehen werden. Denn es sind sehr viele Weltreiche durch Pandemien untergegangen. Man muss schauen, ob sich da was durch Corona verändern wird.

OÖN: Sie besitzen die Fähigkeit mit der Poesie der Worte Gedanken und Empfindungen, Überzeugungen und Gefühle zu formulieren und zu den Menschen zu bringen. Das ist ein Geschenk. Denken Sie sich manchmal am Ende des Schreibens „wow“?

Konstantin Wecker: Es ist mir geradezu unheimlich. Wenn man plötzlich ein Gedicht vor sich liegen hat, das man geschrieben hat, dann hat man nicht das Gefühl, dass es von einem ist, sondern es ist da. Alle meine Gedichte habe ich mir nie ausgedacht. Übrigens auch nicht den „Willi“ damals. Der floss einfach heraus. Es gibt ein einziges Lied, das ich ganz bewusst geschrieben habe und zwar mit dem Borchert-Zitat „Sage Nein“, das ist ein rational ersonnenes Lied. Bei „Utopia“ habe ich festgestellt, dass mich meine Poesie, meine Gedichte dazu zwingen, mich mit dem Alter anders zu beschäftigen. Ich habe es erst an den Gedichten gemerkt. Ich werde immer überrascht. Es ist ein Geschenk. Es ist auch kein Verdienst.

OÖN: Freuen Sie sich wieder auf die Menschen, die zu ihren Konzerten und Lesungen kommen werden?

Konstantin Wecker: Ich freue mich wahnsinnig auf die Umarmung. Ich bin auf der Bühne angstfreier als im normalen Leben. Ich bin so bei mir. Natürlich spielt es eine Rolle, dass ein Publikum bei mir ist, das auch bei sich ist. Das trägt mich auch.

Musik-Tipp: Konstantin Wecker „Utopia“ (Sturm & Klang) Neue Lieder und Gedichte voll Poesie und Kampflust gegen Ungerechtigkeiten und Tendenzen in der Gesellschaft, die man nicht schweigend hinnehmen muss. So gibt es auf dem neuen Album auch eine neue Version des legendären „Willi“, diesmal dem rumänischen Willi gewidmet, der im Februar 2020 in Hanau beim Amoklauf eines Rechtsextremen sterben musste. Wie acht andere Menschen mit Migrationshintergrund auch.

Live-Tipps:

  • Am 21. Juli gastiert Konstantin Wecker mit seinem Bühnenpartner Jo Barnikel und dem Programm „Solo zu zweit“ in der Reihe „Bühne am Dom“ in Linz. Karten für den poetischen Abend gibt es unter www.buehneamdom.at
  • Die Tour zum Album „Utopia“ wird Wecker am 17. November 2021 ins Linzer Brucknerhaus führen.
  • In Wels liest er schon am 2. und am 3. Juli im Schlosshof aus seinem Buch „Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten“.
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Autor
Reinhold Gruber
Lokalredakteur Linz
Reinhold Gruber
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8  Kommentare
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mitreden (28.669 Kommentare)
am 02.07.2021 11:59

Er könnte auch einmal ein wütendes Lied über die kriminellen Zuwanderer schreiben, könnte auch nicht schaden.

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BuergerderMitte (976 Kommentare)
am 02.07.2021 11:45

Das ist einer der schlimmsten linken Hetzer den es gibt. Er hat Trump damals ganz offen den Tod gewünscht. Solche Leute haben im Qualitätsmedien nichts verloren. Die Bürger der Mitte verachten solche Subjekte.

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diwe (2.455 Kommentare)
am 02.07.2021 22:05

"Die Bürger der Mitte verachten solche Subjekte." Ihre Mitte hat scheinbar einen ziemlichen Drall nach rechts. Ist eh egal, denn wenn man sieht, wer bisher gepostet hat, weiß man eh, was dabei rauskommen musste.

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gent (3.909 Kommentare)
am 02.07.2021 11:43

Ein Seelenverwandter dieser Frau Krisper! Schließlich verwendet er in seinen Ergüssen das Wort Arschloch inflationär.

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Obiwankenobi (447 Kommentare)
am 02.07.2021 11:32

... und einschlägig ausgebildet ?

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u25 (5.146 Kommentare)
am 02.07.2021 11:20

Wie viele Sozialwanderer hat er schon aufgenommen ?

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bergfex3 (2.484 Kommentare)
am 02.07.2021 11:36

Der hatte ursprünglich mal ein paar nette Lieder bevor er sich zu einem dieser verbissenen Linken gemausert hat.
Seither kannst ihm nicht mehr zuhören bei seinen hängengeblieben Platten.

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u25 (5.146 Kommentare)
am 03.07.2021 14:27

Sehe ich genauso

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