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Kultur

"Bundesregierung ist eine Zumutung für die österreichische Kulturnation"

Von Peter Grubmüller  15. Mai 2020 00:04 Uhr

"Bundesregierung ist eine Zumutung für die österreichische Kulturnation"
Herbert Föttinger ist wegen der Passivität der Regierung in Rage.

WIEN. Josefstadt-Direktor Föttinger kritisiert politische Plan- und Empathielosigkeit in kulturellen Belangen und spricht einigen Kollegen aus der Seele.

Jede Programm- und Spielplan-Präsentation von Theatern und Kulturvereinen in diesen Wochen findet unter Vorbehalt statt. Den Intendantinnen und Theaterdirektoren reißen die Geduldsfäden, weil es die Bundesregierung nicht schafft, konkrete Fahrpläne und praktikable Corona-Richtlinien unter anderem für Häuser der darstellenden Kunst und Kinos zu entwerfen. Das Theater in der Josefstadt peilt nun, ohne genaues zu wissen, den 17. September als ersten Premierenabend an, Thomas Bernhards Dramolette "Der deutsche Mittagstisch" (Regie: Claus Peymann) sollen gespielt werden. Außerdem über die Spielzeit 2020/21 verteilt: sechs Uraufführungen (u.a. von Peter Turrini, Thomas Arzt, Daniel Glattauer) und eine deutschsprachige Uraufführung. Aber das war nicht alles, was Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger gestern loswerden wollte. Nämlich auch: "Diese Pandemie ist eine Zumutung für die Freiheit der Kunst. Und: Diese Bundesregierung ist eine Zumutung für die österreichische Kulturnation."

Wertschöpfung: 6 Milliarden

Für das jüngste Wut-Video von Lukas Resetarits hat Föttinger vollstes Verständnis. Er kritisiert insgesamt "die Plan- und Empathielosigkeit der Regierung". Die Zeit des Lavierens müsse nun vorbei sein. Föttinger fordert klare Perspektiven für künftigen Proben- und Spielbetrieb: "Halbgare Möglichkeiten zulasten der Freiheit der Kunst darf es nicht geben." Schließlich gelte: "Nur dort wird Kunst entstehen, wo sie frei sein kann." Jeder Eingriff in das Kunstschaffen stelle "eine Form der Zensur dar", bei der als Nächstes Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und Handlungsfreiheit in Gefahr gerieten. Föttinger sieht einen Mangel an kompetenten Kulturpolitikern in Österreich und erinnerte an die Minister Fred Sinowatz, Hilde Hawlicek und Rudolf Scholten.

Knapp 200.000 Menschen würden in Österreich im Kultursektor arbeiten und dabei eine Wertschöpfung von fast sechs Milliarden Euro erwirtschaften. Deswegen müsse er auch Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) in die Pflicht nehmen, der gesagt hatte, er hoffe, dass nach Verlautbarung der für diese Tage angekündigten neuen Verordnungen die Kulturschaffenden wieder zufrieden seien. "Nein, wir sind nicht zufrieden", ließ er dem Minister ausrichten.

Kultur-Staatssekretärin Ulrike Lunacek ließ Föttinger mit seinem Ärger diesmal aus. Sie war bereits zuvor von den Neos und von FPÖ-Chef Norbert Hofer ("unterirdische Performance") zum Rücktritt aufgefordert worden.

Lunacek ließ sich vertreten

Gestern machte Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) während der per Video abgehaltenen Tagung der Kulturreferenten aller Bundesländer seine eigenen Erfahrungen: "Die Frau Staatssekretärin hat uns willkommen geheißen. Wir hatten alle große Erwartungen, immerhin sollte es um diesen 700-Millionen-Euro-Topf gehen und darum, wie wir Kultur wieder stattfinden lassen. Nach der Begrüßung war sie sofort weg und hat sich von Sektionschef Meindl vertreten lassen. Das war ein bisserl eigen, sagen wir es so."

Neues hätten die Kulturreferenten nicht erfahren. "Wenn Österreich irgendwo Weltbedeutung hat, dann ist das in der Kultur. Und es ist höchst bedauerlich, dass wir beim Hochfahren der Kultur immer noch im Trüben fischen – für den Profi-Fußball und für alles andere haben wir Bedingungen. Aber für jenen Bereich, für den wir international im Rampenlicht stehen, gibt’s noch immer nichts. Das ist unerträglich", sagt Stelzer. Und weiter: "Wir werden uns auch wirtschaftlich, touristisch und gesellschaftlich schwer tun, solange es das Kulturleben nicht gibt. Wenn sich da nichts tut, werden wir in allen anderen Bereichen ein böses Erwachen erleben." Ob er Lunacek auch für rücktrittsreif halte? Stelzer: "In personelle Dinge mische ich mich nicht ein, weil es sich auch um eine Mehrfachzuständigkeit handelt. Da ist unter anderem auch das Gesundheitsministerium involviert."

Landestheater-Intendant Hermann Schneider fühlt sich vom Bund ebenfalls auf "absurde Weise alleingelassen". Er erwarte eine Regelung, die in Monatsschritten eine Erhöhung der Zuschaueranzahl gestattet. Das Programm für 2020/21 werde er am 10. Juni vorstellen. "Ich möchte momentan nicht in der Haut eines Politikers stecken. Allerdings stelle ich in meiner Umgebung sehr wohl fest, dass es momentan unvorstellbar schwer ist, zu agieren. Umso mehr schätze ich das Klima, das wir in Oberösterreich haben. Mit dem Landeshauptmann sind wir im ständigen Dialog", sagt der kaufmännische Landestheater-Direktor Thomas Königstorfer.

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