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Wirtschaftsraum OÖ

"Ich wusste, etwas ganz anderes wartet auf mich"

Von Isabel Klambauer und Elisabeth Prechtl  22. Januar 2022 00:05 Uhr

Caroline Schiffner
Caroline Schiffner hat sich selbstständig gemacht.

LINZ. Fünf Menschen erzählen, warum sie in der Krise ganz neue berufliche Wege gingen.

"Ich hatte plötzlich so viel Zeit im Lockdown. Hätte ich mir keine Beschäftigung gesucht, ich glaub, ich wäre verrückt geworden", sagt Start-up-Gründer Florian Holzmayer: Er hat vor einem Jahr "Flow Factory" gegründet und sich auf multifunktionale Möbel spezialisiert.

So wie Florian Holzmayer erging und ergeht es vielen Menschen in der Coronakrise: Auch mehr Zeit für die Familie, Existenzängste oder die Suche nach dem Sinn werden als Gründe angeführt, warum Menschen sich beruflich ganz neu orientieren oder sich selbstständig machen.

Andere, wie Manuel Stanek, Geschäftsleiter der Interspar-Filiale in der Plus City in Pasching, haben zwar nicht den Beruf (Vertrieb), aber die Branche (früher: Sportartikel- und Autohandel) gewechselt: "Ich konnte und kann mich sehr gut mit der Branche identifizieren. Darüber hinaus war mir wichtig, eine klare Perspektive in einem sicheren Umfeld zu haben", sagt der 32-Jährige über den Lebensmittelhandel.

Bei der ehemaligen Event-Managerin Caroline Schiffner war der Wunsch nach Veränderung schon länger vorhanden: "Corona hat das Ganze beschleunigt", sagt die Carophie-Betreiberin über ihren Weg in die Selbstständigkeit.

"Covid-Klarheit" setzt ein

Die Flucht aus angestammten Berufen ist ein globaler Trend, wie aus einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hervorgeht: Das Phänomen wird auch als "Covid-Klarheit" bezeichnet. Viele Menschen seien sich in der Pandemie klar darüber geworden, dass ihre Arbeit nicht ihre Erwartungen erfülle oder sie nicht die gewünschte Anerkennung bekämen, so die ILO. So mancher sei aus diesen und anderen Gründen auch gar nicht aktiv auf Arbeitssuche. In manchen Branchen, etwa der Gastronomie, dem Handel und in der Pflege, werde es auch immer schwieriger, Stellen zu besetzen.

„Corona hat das verwirklicht“

Caroline Schiffner, Betreiberin des Leondinger Deko-Cafés Carophie (Handelsbetrieb mit Gastronomie), hat sich vergangenes Jahr gemeinsam mit ihrer Schwester Sophie Inreiter in die Selbstständigkeit gewagt. Ambitioniert, zur Unternehmerin zu werden, war die gelernte Rezeptionistin und Kellnerin aber schon vorher gewesen. Sie gründete kurz nach der Krise das Unternehmen Knopfwerk und stellt Wandbehänge in Handarbeit her. „Ich hatte schon Jahre zuvor den Traum, mich selbstständig zu machen. Corona hat das verwirklicht“, sagte sie im OÖN-Gespräch über den Wechsel auf die Arbeitgeberseite.

Caroline Schiffner blickt optimistisch in die Zukunft. Demnächst will sie eine Kollektion mit Stofftaschen auf den Markt bringen und das Deko-Café um ein Nagelstudio erweitern.

Vom Friseursalon in die Fertigung

„Gehöre ich wirklich da hin?“ Diese Frage stellte sich Silvija Radicovic in der Krise. Die 27-jährige Friseurin war bis zum Jobwechsel sogar die Salonleiterin bei Red Level in Pasching. „Das war mir zu wenig“, erzählt sie im OÖN-Gespräch. Darüber hinaus hätte sie durch die Pandemie sehr viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Hinzu kommt, dass es auch finanziell knapp wurde.

Vom Friseursalon in die Fertigung
Silvija Radicovic

„Es ist fast gar nichts übrig geblieben“, sagt Radicovic. Das veranlasste sie, sich in neuen Gefilden umzuschauen. So landete die Traunerin schließlich bei Fronius Sattledt, wo sie ihr Gespür für Präzision wieder ausleben kann und eine Ausbildung zur Elektrotechnikerin absolviert. Die Krise bewertet sie eher positiv. Sie sei dadurch ermutigt worden, den Schritt ins neue Berufsleben zu wagen, in dem sie mehr Anerkennung erfährt.

„Ein guter Gastgeber sein“

„Ich bin gerne unterwegs und mag den Kontakt mit anderen Leuten“, sagt Ahmed Mohamed Abdelrahman: Das hat den gebürtigen Ägypter, der 2010 der Liebe wegen nach Österreich gekommen ist und in Linz lebt, dazu bewogen, 2020 seine Stelle als Kaffeespezialist bei Nespresso aufzugeben und bei den ÖBB zu beginnen.

"Ein guter Gastgeber sein"
A. Abdelrahman und seine Kollegin Petra

2021 hat er seine Ausbildung zum Zugbegleiter abgeschlossen: „Ich bin in ganz Österreich unterwegs, kontrolliere die Tickets, helfe den Passagieren. Ein guter Gastgeber zu sein, habe ich als Ägypter im Blut“, sagt der 35-Jährige. Der Beruf sei krisensicher: „Und man kann sich weiterbilden.“ Auf die Maskenpflicht reagierten die meisten verständnisvoll: „Wenn sich jemand nicht daran hält, ist es wichtig, freundlich zu bleiben.“

Ein Fensterplatz in der Sonne

Florian Holzmayer war als Rezeptionist in einem Fitnessstudio beschäftigt, als die Coronakrise begann: „Ich konnte nicht arbeiten. Hätte ich mich nicht beschäftigt, wäre ich verrückt geworden“, sagt der 23-Jährige: „Ich wusste, etwas anderes wartet auf mich.“

Ein Fensterplatz in der Sonne
Florian Holzmayer

 

Der Handwerker machte sein Hobby zum Beruf, gründete mithilfe des Inkubators tech2b sein Start-up „Flow Factory“ und entwarf den „Balcosy“: Dabei handelt es sich um ein multifunktionales Möbelstück. Innen hängend dient es als Tisch oder Ablage, hochgeklappt kann damit die Fensternische als Balkon genutzt werden. Ein Sechstel der heimischen Haushalte verfüge über keine Freiflächen, der Bedarf für den „Balcosy“, der in Zusammenarbeit mit einer Tischlerei gefertigt wird, sei gegeben. Der Verkauf soll im März starten, die Preise beginnen bei 700 Euro: Bis zu 250 Stück sollen es 2022 werden.

„Ich bereue es überhaupt nicht“

Bis zu 17 Stunden am Tag im Gasthaus arbeiten, und das an sieben Tagen in der Woche: Dieses Leben wollte der gelernte Koch und Kellner Roman Schlößl nicht mehr führen. „Der Beruf war stressig, und das Familienleben hat darunter gelitten.“

Er gab nach 16 Jahren als Pächter sein Gasthaus zurück und beschäftigt sich seit dem Vorjahr auf andere Art mit Lebensmitteln: Der 49-Jährige arbeitet nun für das in Wolfern beheimatete und zur Vivatis-Gruppe gehörende Unternehmen Weinbergmaier in Wien, Spezialist für tiefgekühlte Knödel, Strudel und Mehlspeisen.

"Ich bereue es überhaupt nicht"
Roman Schlößl

Die Bezahlung, so Schlößl, sei in seinem neuen Job natürlich geringer: „Aber das nehme ich in Kauf.“ Er schätzt die geregelten Arbeitszeiten und die freien Wochenenden: „Den Schritt bereue ich überhaupt nicht.“

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