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Landespolitik

Verfasser von "Rattengedicht" entschuldigt sich

Von nachrichten.at   22. April 2019

Christian Schilcher, FPÖ Braunau

BRAUNAU. Nachdem ein ausländerfeindliches Gedicht im Parteiblatt der FPÖ Braunau am Osterwochenende Aufregung ausgelöst hat, hat sich der Verfasser, Braunaus FPÖ-Vizebürgermeister Christian Schilcher, nun entschuldigt.

Update: Am Dienstag trat Braunaus FPÖ-Vizebürgermeister Christian Schilcher zurück – Details dazu hier

Das Gedicht erzürnte nicht nur die SPÖ, sondern auch den Koalitionspartner im Land sowie die Grünen (mehr zu den Reaktionen lesen Sie weiter unten im Text). Unter dem Titel "Die Stadtratte (Nagetier mit Kanalisationshintergrund)" werden darin Vergleiche zwischen Menschen und Ratten gezogen. Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) nannte das Gedicht "widerlich" und forderte, ebenso wie Bundeskanzler Sebastian Kurz, eine Distanzierung.

"Unscharfe und wenig präzise Formulierungen"

Der Verfasser, Braunaus FPÖ-Vizebürgermeister Christian Schilcher entschuldigte sich am Montagabend per Aussendung für seine "unscharfen und zu wenig präzisen Formulierungen". "Es tut mir aufrichtig leid, wenn ich mit meinem Gedicht Menschen verletzt oder beleidigt habe. Das war nicht meine Absicht", heißt es dort. 

"Ich wollte schlicht aus Sicht eines Tieres, das eine Stadt von unten beobachtet, Veränderungen beschreiben, die ich und andere durchaus zu Recht kritisieren. Ich selbst setzte mich und meine Familie dabei auch in die Perspektive dieser Tiere – in diesem Fall eben Ratten. Dass der Vergleich von Mensch und Ratte historisch belastet und mehr als unglücklich ist, ist ein Faktum und es tut mir aufrichtig leid, das missachtet zu haben", so Schilcher. 

Mit seinem Text habe er provozieren, aber keinesfalls beleidigen oder gar jemanden verletzen wollen. "Ich möchte für mein Gedicht zwar nicht die Freiheit der Kunst beugen, bitte aber um Verständnis für meine unscharfe, tatsächlich zu wenig präzis durchdachten Formulierungen. Ich wollte nur sagen: Wer zu uns kommt und sich an unsere Gesetze hält, kann ein Teil von uns werden, wer unsere Gesetze und Gebräuche miss- oder gar verachtet, kann das nicht. Nicht mehr und nicht weniger sollte mein Gedicht zum Ausdruck bringen"

Rattengedicht FPÖ Braunau
Rattengedicht FPÖ Braunau

Schreiner: "Geschmacklos und abzulehnen"

Auch FPÖ-Landesparteisekretär Erwin Schreiner nahm Stellung: "Die Allegorie von Ratte und Mensch ist historisch belastet, daher geschmacklos und abzulehnen. Dass der Autor auch sich selbst in diesen Rattenvergleich miteinbezieht, macht die Sache dabei nur unwesentlich besser."

Es sei das ganze Gedicht "letztlich ein misslungener Versuch, ein ernstes Thema in Versform aufzuarbeiten. Dass dabei, aus der Dichtkunst entlehnte, stilistische Mittel für Amateurdichter nicht immer zielführend sind, um das Gemeinte unmissverständlich auf den Punkt zu bringen, beweist dieses Gedicht leider eindrücklich", so Schreiner weiter.  "Es hat letztlich Tendenzen die man keinem Interpretationsspielraum überlassen darf. Seitens der Landespartei hat man ein ernstes und klärendes Gespräch mit dem Autor geführt, der Autor ist voll einsichtig", so Schreiner. 

"Abscheulich und menschenverachtend"

Zuvor hatte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) von Oberösterreichs Freiheitlichen eine Distanzierung von dem Gedicht. "Die getätigte Wortwahl ist abscheulich, menschenverachtend sowie zutiefst rassistisch und hat in Oberösterreich und im ganzen Land nichts verloren", so Kurz am Montag.

"Es braucht sofort und unmissverständlich eine Distanzierung und Klarstellung durch die FPÖ Oberösterreich", meinte Kurz wörtlich. Dabei stelle er sich auch hinter Oberösterreichs ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer, der "schnell und richtig" gehandelt habe. "Hier darf nicht weggeschaut werden, sondern es müssen klar Grenzen gezogen werden", so der Bundeskanzler.

Als „unglücklich“ bezeichnete das Gedicht der Bezirksparteiobmann der FPÖ Braunau, David Schießl: „Ich hätte das nicht gemacht.“ Er sagt gegenüber den OÖNachrichten aber auch, dass darin Migranten nicht mit Ratten gleichgesetzt würden. Im Gegenteil, der Dichter, Braunaus FPÖ-Vizebürgmeister Christian Schilcher, trete hier wie schon oft zuvor als Stadtratte auf.

Schilcher: "Viel Lärm um nichts"

Schießl weist auch die Rücktrittsaufforderungen zurück und den „Versuch, einen Zusammenhang mit Landesparteichef Manfred Haimbuchner herzustellen“. In Braunau würden sicher nicht sofort Konsequenzen gezogen. „Aber wir werden das Thema in den Gremien besprechen.“ Auch müsse man überlegen, dass künftig solche Broschüren vor der Veröffentlichung innerhalb der Partei gelesen würden.

Schilcher selbst hatte vor seiner Entschuldigung im OÖN-Gespräch gesagt, dass angesichts der EU-Wahl in rund einem Monat "viel Lärm um nichts" betrieben werde. Entweder hätten das Gedicht manche bewusst missverstanden, oder es sei nicht gelesen worden. Er habe Migranten nichts mit Ratten verglichen. Dass unter dem Titel der Rubrik "Die Stadtratte" in Klammern "Nagetier mit Kanalisationshintergrund" steht, habe nichts mit Zynismus zu tun. Vor rund drei Monaten habe ihm diese Idee jemand zugetragen , es sei witzig gemeint gewesen.

Als Stadtratte tritt Schilcher schon seit Jahren auf. "Es geht mir darum, zu zeigen, wie eine Ratte im Kanal ihre Situation mit dem Leben oberhalb des Bodens vergleicht und sie sich  über gewisse Entwicklungen wundert." Es gehe in der Rubrik um unterschiedlichste politische Themen.

Schilcher schließt nicht aus, sich zu distanzieren, falls es ansonsten keine gedeihliche Zusammenarbeit zwischen Schwarz und Blau im Land mehr geben können. Er schließt auch seinen Rücktritt nicht aus, falls die Alternative wäre, dass die Landeskoalition nicht mehr weiterarbeiten könne. Aber davon gehe er natürlich nicht aus.

Stelzer: "Solche Vergleiche haben keinen Platz"

"In einem weltoffenen Land wie Oberösterreich haben solche Vergleiche keinen Platz und werden auch nicht toleriert. Ich erwarte mir, dass sich die FPÖ rasch und deutlich von diesem 'Gedicht' distanziert", sagte Stelzer: "Wenn das jemand bei uns geschrieben hätte, wüsste ich, was zu tun wäre".

Auch die oberösterreichische SP-Chefin Birgit Gerstorfer reagierte in einer Aussendung schockiert. Gerstorfer verlangt, dass Konsequenzen gesetzt werden: „Alle hier Involvierten und Verantwortlichen, von Landeshauptmann-Stellvertreter Manfred Haimbuchner bis zum Braunauer Stadtparteivorsitzenden Hubert Esterbauer, müssen auf der Stelle zurücktreten. Solche Propaganda darf in Österreich keine Sekunde geduldet werden. Ich fordere auch Landeshauptmann Stelzer auf, von seinem Koalitionspartner klare Konsequenzen zu verlangen. Die unzähligen rechtsradikalen und menschenverachtenden 'Einzelfälle' der FPÖ haben System und verlangen nach einer klaren Antwort von höchster Ebene der Landespolitik. Es kann so nicht weitergehen."

SPÖ-Bundesparteiobfrau Pamela Rendi-Wagner erinnert das Gedicht "fatal an einen sprachlichen Umgang mit Menschengruppen, wie er in der NS-Propaganda üblich war". Sie nahm Bundeskanzler Kurz in die Pflicht. Dieser habe erklärt, die FPÖ sei an ihren Taten zu messen. "Will der Kanzler in dieser Sache Glaubwürdigkeit haben, muss er jetzt handeln", forderte Rendi-Wagner Konsequenzen durch den Kanzler.

"Letzte rote Linie überschritten"

Auch David Stögmüller, Grüner Bundesrat und Gemeinderat in Braunau am Inn, hat mit einer Stellungnahme reagiert .„Ich fordere Stadtrat Hubert Esterbauer (FPÖ) auf, umgehend von allen Ämtern zurückzutreten und außerdem einen klaren Schlussstrich von ÖVP und SPÖ unter die Koalitionen mit der FPÖ zu ziehen. Jetzt ist die letzte rote Linie überschritten worden und es muss endlich Konsequenzen geben. “

Weiters sagt er: „Die Diskussionen rund um die Verbindungen der FPÖ zu den Identitären ist noch keine 2 Wochen vergangen und schon beweist die FPÖ erneut, dass sie auf allen Ebenen ein Problem mit dem Rechtsextremismus hat. Angefangen in Braunau über die Stadt Linz, das Land Oberösterreich bis hin zur Bundesregierung mit einem Innminister Kickl, und überall befindet sie sich wegen ÖVP oder SPÖ in Regierungsverantwortung. Das ist der wahre demokratiepolitische Skandal."

Weitere Details bekannt

Indes wurden auch weitere Details zum Verhältnis der Linzer Burschenschaft "Arminia Czernowitz" zu den Identitären bekannt. Wie die "Wiener Zeitung" am Montag in ihrer Online-Ausgabe berichtete, hat die Burschenschaft bereits ab 2012 Werbung für die rechtsextreme Identitäre Bewegung auf ihrer Homepage gemacht. Zudem waren Mitglieder der Identitären schon in der alten Bude der Arminia zu Gast.

Die Burschenschaft, der etwa in Linz Vizebürgermeister Markus Hein (FPÖ), Stadtrat Michael Raml sowie mehrere freiheitliche Gemeinderäte angehören, ist aktuell in der "Villa Hagen" gemeldet. Die Politiker beteuerten zuletzt, nichts von einem weiteren Mieter, den Identitären, gewusst zu haben. Diese betrieben dort ihr "Khevenhüller Zentrum", bis das Mietverhältnis Anfang April gekündigt wurde.

Doch schon vor ihrer Einmietung in die "Villa Hagen" sollen laut den Recherchen der "Wiener Zeitung" die Identitären dort Veranstaltungen abgehalten haben. Das würden inzwischen nicht mehr abrufbare Einträge der Identitären auf deren Website zeigen.

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