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Oberösterreich

Kremsmünster: Die Opfer und ihre Forderungen

KREMSMÜNSTER. Ein Teil der Missbrauchs-Opfer hat der Stiftsführung einen Forderungskatalog vorgelegt. Die überlegt noch, was, in welcher Form umgesetzt wird

Die Opfer und ihre Forderungen

Die Aufarbeitung der Missbrauchs- und Gewaltfälle im Stift Kremsmünster ist längst nicht abgeschlossen. Bild: OON

In das Kloster hatte Abt Ambros die Missbrauchs-Opfer Mitte Jänner geladen. Erst jetzt wird der Inhalt des Gesprächs bekannt. Helmut K. war dabei. „Ich habe einen Schulkollegen vertreten. Er hat es nicht geschafft, wollte keine Neutraumatisierung in Kauf nehmen“, berichtet der Linzer. Ihm selbst sei damals das Ärgste erspart geblieben. Trotzdem hätte es ihn Überwindung gekostet, ins Kloster zurückzukehren. Jetzt will er mithelfen, dass alles aufgearbeitet wird. Sieben Opfer haben an dem damaligen Treffen teilgenommen. Das Ergebnis: ein Forderungskatalog an das Stift, der mit Ausnahme eines Punktes (Opferfonds) von Abt Ambros zur Kenntnis genommen und akzeptiert worden sei, so Helmut K. Bis 15. April sollten diverse Punkte erfüllt beziehungsweise in die Wege geleitet werden.

Zwei Monate sind seit dem Gespräch vergangen. „Passiert ist seither nichts. Wir haben nie mehr etwas gehört“, sagt der ehemalige Stifts-Absolvent. Deshalb mache man nun einen Schritt in die Öffentlichkeit. „Das sind keine überzogenen Forderungen, das ist das Minimum, was man angesichts der Vorfälle an Aufarbeitung verlangen kann“, sagt er. Wichtig ist den Opfern vor allem ein klares Schuldeingeständnis der Mitwisserschaft des Stiftes. „Bisher ist noch nie gesagt worden, wir haben gewusst, was vorgefallen ist und es ist vertuscht worden“, sagt Helmut K. Die Aussagen von Abtes Ambros, wonach es in seiner Schulzeit Gerüchte gegeben hätte, denen nicht nachgegangen worden sei, empfänden viele Opfer als Affront, so der Stifts-Absolvent: „Seit Jahrzehnten ist alles bekannt, auch während der Amtszeit des Abtes hätte es bereits interne Ermittlungen gegeben“, sagt Helmut K. Abt Ambros erklärt: „Ich bin seit 2007 Abt und habe erst 2008, erfahren, dass gegen einen Mitbruder Ermittlungen laufen.“

„Es ist noch alles offen“

Hinsichtlich der Anbringung einer Mahntafel und einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Missbrauchs- und Gewaltfälle sei noch alles offen, so der Abt: „Wir sind noch am Überlegen. Es gibt verschiedene Meinungen, die es abzuwägen gilt.“ In nächster Zeit werde eine Entscheidung getroffen, so Abt Ambros. Bezüglich des Entschädigungsfonds halte man sich strikt an die Vorgaben der Klasnic-Kommission. Man hätte jedoch bisher mehr als fünf Opfer entschädigt.

 

Forderungen der Opfer:

Schuldeingeständnis: Ein klares Schuldeingeständnis der Mitwisserschaft des Stifts und persönliche Entschuldigung bei allen bekannten Opfern und nach dem 15. April auch in der Öffentlichkeit.

Mahnmal: Auf dem Gelände des Stiftes soll ein Mahnmal oder eine Skulptur errichtet werden, auf der klar und öffentlich sichtbar gemacht wird, was im Stift passiert ist.
Opferfonds: Vom Stift soll ein großzügig ausgestatteter Opferfonds eingerichtet werden, der von Betroffenen unbürokratisch selbst verwaltet wird.
Aufarbeitung: Die Missbrauchs- und Gewaltfälle sollen von einer unabhängigen Expertenkommission wissenschaftlich aufgearbeitet werden, und zwar mit Fokus auf die Tätergeschichte und auf das System ab 1945.
 
 
3 Fragen an Adelheid Kastner, Forensische Psychiaterin
 
Die Staatsanwaltschaft kritisiert, dass Ihr Gutachten im Fall Kremsmünster seit Monaten ausständig sei.
Ich kann die Kritik verstehen. Es ist so, dass ich derzeit am Fertigstellen meines Gutachtens bin und die Staatsanwaltschaft Steyr die Expertise in den nächsten Tagen bekommen wird.
 
Ihr Auftrag war zu begutachten, ob bei 15 Opfern schwere psychische Folgen durch sexuellen Missbrauch eingetreten seien. War dies schwierig?
Es ist aus fachlich ganz allgemein zu sagen, dass es kein psychisches Symptom gibt, das ausschließlich durch sexuellen Missbrauch entsteht. Jahrzehnte später zu beurteilen, ob ein Symptom durch sexuellen Missbrauch oder andere Formen von Gewalt entstanden ist, ist schwierig.
 
Viele Opfer fordern ein Bekenntnis zur dunklen Vergangenheit, für Sie verständlich?
Das Versagen der Institution einzugestehen, wäre notwendig. Das müsste von ganz oben kommen. Es geht um das Anerkennen, dass unter dem Dach des Klosters grobe Verstöße gegen die Menschlichkeit passiert sind. Ein bloßes „Bedauern“ wäre zu schwach.
 
 
Zeitzeuge erinnert sich: „Es gab auch gute Erlebnisse“
Josef Aigner, Professor für Psychoanalytische Pädagogik an der Uni Innsbruck, war Zögling im Internat des Stiftes Kremsmünster und kritisiert die Berichterstattung im „profil“. Er stellt die Vorkommnisse selbst nicht in Frage, aber: Wer das Internat als „Nachkriegs-KZ“ oder „Vernichtungslager für Kinderseelen“ beschreibe, „betreibt Geschichtsklitterung und eine unerhörte Verhöhnung der Holocaust-Opfer“. Die Darstellung eines „besinnungslosen Gewaltregimes“ verfehle die Realität.
 
Dieselben Patres, die schwere Gewalt anwendeten, konnten auch nett und jovial sein. „Ich höre schon den Vorwurf der Verharmlosung“, sagt Aigner. „Ich will darauf hinweisen, dass Missbrauch und Gewalt in der Pädagogik meist nicht so trampelnd daherkommen, sondern verführerischer und widersprüchlicher sind.“ Viele Absolventen wüssten auch von Positivem zu erzählen, wie Gemeinschaft, Sport oder kulturelles Lernen.
 
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Artikel Roswitha Fitzinger und Robert Stammler 20. März 2012 - 00:04 Uhr
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