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"Der Ökostrom wird als Sündenbock für zu hohe Strompreise genützt"

LINZ. Die deutsche Energieexpertin Claudia Kemfert über die schleppende Energiewende.

Claudia Kemfert

Die Ökonomin Claudia Kemfert war auf Einladung des Energieinstituts der Johannes Kepler Universität zu Gast in Linz. Bild: OÖN

Die deutsche Energieexpertin Claudia Kemfert referierte auf der Linzer Uni über die Energiewende. Im Interview erklärt Deutschlands bekannteste Ökonomin, warum die Abkehr von Öl und Kohle so schwer fällt und der Ökostrom als Sündenbock herhalten muss.

 

OÖN: Wie sind Sie angereist?

Kemfert: Aus Zeitgründen mit dem Flugzeug. Ich weiß, das ist aus Klimasicht nicht die beste Variante. Aber ich spende in Klimaschutzprojekte und neutralisiere meine Emissionen.

Ihr Spezialgebiet ist die Energiewende. Wie definieren Sie diese?

Es ist eine komplette Transformation des Energiesystems im Verkehrs-, Strom- und Gebäudeenergiesektor. Das bedeutet eine Abkehr von fossilen Energien hin zu erneuerbaren und nachhaltigen Energien und Energieeffizienz. Also raus aus Kohle, Öl und letztlich auch Gas.

Diskutiert wird darüber seit Jahrzehnten. Der Fortschritt ist schleppend.

Im Stromsektor haben wir immerhin in Deutschland 30 Prozent erneuerbare Energien in den vergangenen 15 Jahren erreicht. Der Anteil wird auf 80 Prozent steigen in den kommenden Jahrzehnten. Im Gebäudeenergiebereich und bei nachhaltiger Mobilität passiert eindeutig zu wenig. Wir subventionieren beispielsweise immer noch den Diesel. Der Schienen- und öffentliche Nahverkehr und die E-Mobilität werden nicht ausreichend unterstützt.

Wer ist daran schuld: die Politik, die Konsumenten, der niedrige Ölpreis?

Ein Schuldiger ist sicher die Politik, weil in Deutschland verabsäumt wurde, eine nachhaltige Verkehrspolitik auf den Weg zu bringen. Der niedrige Ölpreis ist sicher auch Gift für die Energiewende. Das billige Benzin führt zu Verschwendung und falschen Investitionsentscheidungen. Die Konsumenten setzen nur um, was der Rahmen hergibt. Ich bin überzeugt, Autofahrer würden klimaschonende Fahrzeuge kaufen, wenn es finanziell attraktiv und eine funktionierende Infrastruktur vorhanden wäre.

Im Strombereich gibt es Fortschritte, aber die Ökostrom-Förderung ist teuer: Österreichs Haushalte bezahlen pro Jahr 120 Euro, die deutschen ungefähr das Doppelte.

Das ist eine Investition in die Zukunft. Wir schaffen Innovation, Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Die Investitionen von heute vermeiden Kosten der Zukunft durch fossile Energien und Atomkraft. Denken Sie an die erheblichen Schäden durch Klimawandel und Atomenergie. Diese Kosten-tsunamis rollen noch auf uns zu. Die Kosten für Ökostrom sind bereits massiv gefallen, und die Technik wird wettbewerbsfähig. Für zukünftige Generationen wird es deutlich billiger.

Die Strompreise werden sinken?

Wir zahlen im Moment überhöhte Netzentgelte, in Deutschland sogar Kohlesubventionen. Das behindert die Energiewende und macht den Strom unnötig teuer. Gleichzeitig wird der Ökostrom als Sündenbock genützt, um die hohen Strompreise zu erklären. Dabei könnten die niedrigeren Börsenpreise längst an die Verbraucher weiter gegeben werden. Ist der Umbau des Stromsystems einmal abgeschlossen, haben wir eindeutig niedrigere Kosten, als wir in der Vergangenheit je hatten.

Es gibt Bestrebungen, die einheitliche Stromhandelszone zwischen Österreich und Deutschland aufzulösen. Ist das sinnvoll?

Auf gar keinen Fall, das ist eine Gespensterdebatte. Nicht die angeblich mangelnden Netze sind das Problem. In Deutschland gibt es zu viel Atom- und Kohlestrom. Der blockiert die Netze. Wir brauchen keine Preiszonen, sondern nach dem Atom- nun endlich einen Kohleausstieg.

 

Eine Karriere zwischen Uni, Politik und Talkshows

Claudia Kemfert ist Deutschlands bekannteste Ökonomin. Als Abteilungsleiterin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat sie sich auf Energiethemen spezialisiert. Als Expertin ist Kemfert gefragter Interviewgast im deutschen Fernsehen und wäre beinahe Energieministerin in Nordrhein-Westfalen geworden.
Bis 2009 war sie als Professorin an der Humboldt-Universität in Berlin, zuvor promovierte sie an der amerikanischen Eliteuniversität Stanford über die Öl- und Energiemärkte.
Aktuell unterrichtet die 47-Jährige Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin.
Der frühere EU- Kommissionspräsident José Manuel Barroso holte Kemfert als Beraterin, ebenso wie die Weltbank und die UNO. Seit 2011 ist die Energieökonomin Mitglied beim Club of Rome.
Nebenbei schreibt die Verfechterin für die Energiewende Bücher über die „Klimazukunft“ und den „Kampf um den Strom“. Als Vegetarierin verbessert sie ihre eigene Klimabilanz.

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Artikel Susanne Dickstein 26. September 2016 - 00:04 Uhr
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