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Guatemala: Steinbruch der verlorenen Kinder

Während der drei Minuten, die Sie benötigen, um diese Zeitungsseite zu lesen, sind weltweit rund 30 Kinder verhungert. In Guatemala, das zurzeit in einem Krieg unter Drogenbanden versinkt, sind 60 Prozent der Bürger Analphabeten, viele Kinder hungern. Oberösterreich ermöglicht dort eine Reihe von Schulprojekten – denn Bildung gilt als Schlüsselmaßnahme gegen Armut und Hunger.

Im Steinbruch der verlorenen Kinder

Großfamilie Castro: Zur Schule gehen nur die Buben. Bild: Mandlbauer

Guatemala ist das Land des Kinderreichtums. Mehr als die Hälfte der Bürger ist nach 1980 geboren, 10 Kinder und mehr pro Familie sind keine Seltenheit, von einem sozialen Netz kann keine Rede sein und von Gerechtigkeit schon gar nicht. Kinderarbeit ist alltäglich, sogar im Steinbruch müssen Sechsjährige Felsen klopfen und Steine zerteilen.

Kein Strom, kein Licht

„Hin und wieder haben wir genug zu essen“, sagt Diego Castro, 38, „aber oft eben nicht.“ Seine Frau Juana, 34, hat neun Kinder geboren, ihr gemeinsamer Hausstand besteht aus wenigen Hühnern, zwei Gänsen, 750 Quadratmetern von der Hitze ausgedörrtem Grund, zwei aus Lehmziegeln gemauerten Häusern. Drei Brettergestelle bilden die Bettstatt für die elf Familienmitglieder, eine Autobatterie mit angeschlossenem Radio ist der einzige Luxus im Hause Castro, Licht gibt es noch keines. Wenn Diego Arbeit als Maurer hat, was selten ist, verfügen die Castros über ein Tageseinkommen von rund zwei Euro. Gerade genug, um nicht zu verhungern. Die ganze Hoffnung, an die sich die Castros klammern, besteht darin, dass ihre Kinder zur Schule gehen dürfen. Hilfe aus Oberösterreich macht es möglich.

Wir befinden uns mitten im Hochland von Guatemala, vier Autostunden nördlich der Hauptstadt Guatemala City, auf unwegsamen Trampelpfaden abseits der Gemeinde Xekichelaj und nochmals eineinhalb Stunden Fußmarsch auf und ab. Diego Castro empfängt mit dem Stolz eines Menschen, der wenig hat und um dieses Wenige täglich ringen muss. Bohnen und Mais lagern in der Küche mit offener Feuerstelle, im Rauch hängen ein paar karge Schnitten Fleisch zum Selchen. Auf uns Europäer wirken der sorgsam gekehrte Innenhof, das spartanische Innere der Hütte, der weite Blick auf Maisfelder und Wiesen, die den Hängen abgerungen werden, idyllisch, Überfluss und Ablenkung sind hier Fremdworte, Romantik empfindet nur der Gast. Für die indiostämmigen Bewohner ist das Leben hier eines von heute auf morgen, ein täglicher Kampf.

Diego Castros einzige Ablenkung ist es, wenige Male im Monat auf dem Dorfplatz Fußball zu spielen. „Da kann ich ein wenig vergessen, welche Mühe mir das Leben bereitet“, sagt er mit erkennbarer Scham.

Castros scheu vorgetragener Dank gilt einer Delegation der Katholischen Männerbewegung, die mit ihrer Aktion „Sei so Frei“ Schulen in dieser Gegend finanziert und 740 Schulkindern wenigstens zweimal wöchentlich ein ausreichendes Essen finanziert. „Ich bin glücklich, dass es meine Kinder in die Schule geschafft haben. Und ich hoffe, dass sie nach der Primaria (der Grundschule, Anm.) auch noch die Secondaria besuchen können“, sagt Diego den Leuten von „Sei so Frei“, die auf ihrer Entwicklungshilfereise vom oberösterreichischen Landeshauptmann begleitet werden.

Vor fünf Jahren hat „Sei so Frei“ gemeinsam mit der Partnerorganisation Adico begonnen, in der Region Joyabaj Schulen zu errichten, Stipendien zu verteilen, die Gesundheitsversorgung zu verbessern, Handwerker auszubilden und die Bewohner besser mit Lebensmitteln zu versorgen. Spenden aus Oberösterreich machen es möglich, dabei ist ein oberösterreichischer Euro in Guatemala das Vierzigfache wert, sagt der Präsident der Katholischen Männerbewegung, Franz Gütlbauer. „Um das Geld, das in Oberösterreich die WC-Anlagen einer Schule kosten, kann in Guatemala eine ganze Schule gebaut werden.“

Die ganze Gemeinde ist auf den Beinen, als die oberösterreichische Delegation in zwei Geländewagen und begleitet vom Bürgermeister eintrifft, um in der Ortschaft Xekichelaj den Schulsportplatz zu eröffnen. Die fünf Priester des Dorfes heben beschwörend die Arme zum Himmel, um von Maya-Gottheiten Unterstützung zu erbitten, im Hintergrund spielen Senioren auf der Marimba, Böller werden abgefeuert, die Frauen des Dorfes haben in großen Töpfen Hühnerfleisch gegart, die Schuldirektorin begrüßt die Gäste, die Hymne wird gespielt, ehe Landeshauptmann Pühringer mit dem örtlichen Bürgermeister und der jungen Direktorin den Sportplatz eröffnet.

Hendl als Festmahl

In den großen Pausen dürfen die Kinder auf den neuen Sportplatz, sie spielen Chamusca, Fußballspiele zweier kleiner Mannschaften (vergleichbar mit einer Hüttelpartie bei uns), die den Kindern als Ausgleich dienen zum harten Schulalltag. Der Sport dient als Möglichkeit, mit Kindern anderer Schulen in Kontakt zu kommen.

Nur ein paar Hügel, aber eine ganze Fahrstunde weiter eröffnet die oberösterreichische Entwicklungshilfe-Delegation, der neben Landeshauptmann Pühringer und Franz Hehenberger noch der künftige Gemeindebundpräsident Johann Hingsamer, die Landtagsabgeordnete Martina Pühringer und der Obmann der Katholischen Männerbewegung, Franz Gütlbauer, angehören, einen weiteren Sportplatz. Vor zwei Jahren konnte „Sei so Frei“ hier im Dorf Sechum eine Schule errichten, für deren Bau die OÖNachrichten gemeinsam mit der Katholischen Männerbewegung um Spenden gebeten haben. 8000 Euro sind auf diese Weise zusammengekommen, auf der Schule prangt ein aufgemalter OÖNachrichten-Schriftzug, die Dorfgemeinschaft hat auf dem harten Beton Gras aufgelegt, Sonnenblumen zieren das Festgelände zur Eröffnungsfeier, auch hier werden Böller geschossen, die Hymne gespielt, ehe sich die Direktorin bei allen Besuchern für die Unterstützung bedankt und ihre Schulkinder Tänze aufführen.

Als Franz Hehenberger, Josef Pühringer und Mayra Aragon mit der Direktorin eine riesige OÖN-Torte anschneiden, gibt es für die mehr als hundert Kinder kein Halten mehr, sie raufen sich um die schönsten Stücke. Eigentlich sollte das guatemaltekische Ministerium jedem Schüler tägliche eine Jause garantieren, bestehend aus einem einfachen Maisgetränk und einem kleinen „Keks“. Doch seit einigen Monaten kommt das Geld nur noch sporadisch, bei vielen Schulen überhaupt nicht mehr an. 55 Prozent der Kinder sind deshalb chronisch unterernährt. Um 77.000 Euro pro Jahr hat es die oberösterreichische Organisation „Sei so frei“ in dieser Region ermöglicht, dass 740 Kinder in neun Schulen nun ein Schuljahr hindurch wenigstens zweimal wöchentlich eine gesunde Hauptnahrung erhalten.

Als die oberösterreichischen Gäste in der Dorfschule von El Tablon bewirtet werden, ortsüblich mit Bohnen, Fisch, Huhn und Pina-Fresco (einem Ananassaft), sitzen um sie herum die Schüler der Klasse und mampfen ihr von „Sei so frei“ bezahltes Mittagessen. Es gibt Huhn und ein Joghurt, die Kosten pro Mahlzeit und Kind liegen bei 15 Quetzal, das sind umgerechnet 1,30 Euro, hochgerechnet auf 740 Schüler und ein Jahr 77.200 Euro.

Projektleiter Franz Hehenberger ist nicht zum ersten Mal in der Gegend. „Seit wir hier aktiv sind, hat sich die Situation der armen Bevölkerung deutlich verbessert. Die Eltern in den Dörfern haben erkannt, dass Bildung der Schlüssel für alles ist.“

Auch Sie können „Sei so Frei“ mit Ihrer Spende unterstützen. Nähere Informationen unter www.seisofrei.at. Spenden auf das Konto 691733 bei der Hypo Landesbank, BLZ 54000.

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Artikel Von Gerald Mandlbauer aus Guatemala 25. März 2010 - 00:04 Uhr
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