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Linzer Nein zu den "Stolpersteinen" ist für Israels Botschafterin unbegreiflich

STEYR. Talya Lador-Fresher kritisiert im OÖN-Interview, dass die kleinen Messing-Gedenktafeln jüdischer Nazi-Opfer in der Landeshauptstadt nicht erlaubt werden.

Linzer Nein zu den "Stolpersteinen": "Ich begreife das einfach nicht, ehrlich"

Talya Lador-Fresher ist seit 2015 Israels Botschafterin in Österreich. Bild: VOLKER WEIHBOLD

Das Projekt der "Stolpersteine" gibt es seit 1992. Mit diesen kleinen, in den Gehsteig eingelassenen Messing-Gedenktafeln wird an Mitbürger gedacht, die in der Nazi-Zeit verfolgt, ermordet, vertrieben oder deportiert wurden (Juden, Roma, Sinti, Homosexuelle). Man findet sie in vielen Ländern, von Norwegen bis Italien.

In Österreich gibt es viele "Stolpersteine", in der Stadt Salzburg sind es etwa mehr als 300. Nur in Linz gibt es sie nicht. "Es macht mich sehr traurig, dass man in Linz einem wundervollen Projekt keinen Platz im öffentlichen Raum geben will", sagt Israels Botschafterin in Österreich, Talya Lador-Fresher, im OÖN-Interview. "Linz ist die einzige Stadt im deutschsprachigen Raum, die ich kenne, die das nicht erlaubt. Das kann ich einfach nicht begreifen, ehrlich."

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OÖNachrichten: Sie haben kürzlich gesagt, dass für einen Vertreter des Staates Israel ein Besuch in Linz "keine einfache Angelegenheit" sei. Warum empfinden Sie das so?

Talya Lador-Fresher: Das hängt mit den beiden Adolfs zusammen, die mit Oberösterreich verbunden sind – Hitler und Eichmann. Wenn Sie in Österreich und Israel fragen, wer der schlimmste Nazi gewesen ist, dann kommt in beiden Ländern die Antwort: Adolf Hitler. Fragt man jedoch nach dem zweitschlimmsten Nazi-Verbrecher, dann werden in Österreich eher die Namen Hermann Göring, Heinrich Himmler oder Joseph Goebbels fallen – die Mehrheit wird wohl nicht Eichmann nennen. In Israel aber wird die überwiegende Mehrheit Eichmann sagen.

Warum ist das so?

Erstens wegen des Prozesses gegen Eichmann in Israel, das war ein signifikantes Ereignis für unseren Staat. Und zweitens weil er als "Mastermind" der "Endlösung" (Plan der Nazis, alle Juden zu ermorden, Anm.) gesehen wird. Für uns Israelis ist er ganz klar die Nummer zwei.

Gibt es in Linz Ihrer Ansicht nach zu wenig Aufarbeitung?

Österreich hat bei der Vergangenheitsbewältigung schon sehr viel gemacht – auch wenn spät damit begonnen wurde. Es sind im Bildungsbereich und auch auf der politischen Ebene viele wichtige Schritte gesetzt worden. Gerade deshalb macht es mich sehr traurig, dass man in Linz einem wundervollen Projekt keinen Platz im öffentlichen Raum geben will.

Meinen Sie die "Stolpersteine"?

Ja, genau – diese im Boden verlegten kleinen Gedenktafeln aus Messing, die an jene jüdischen Mitbürger erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. Und Linz ist die einzige Stadt im deutschsprachigen Raum, die ich kenne, die das nicht erlaubt. Das kann ich einfach nicht begreifen, ehrlich.

Haben Sie darüber mit dem Linzer Bürgermeister gesprochen?

Ja, das hat in puncto Stolpersteine nichts gebracht. Daher spreche ich das hier noch einmal bewusst an. Ich bin überzeugt davon, dass Linz Teil dieses Projekts sein sollte.

Israel feierte kürzlich 70. Geburtstag. Was bedeutet dieser Tag für Sie – und für das Land?

Israel ist die einzige moderne, pluralistische Demokratie im Nahen Osten – und das Land ist eine führende Start-up- und Hightech-Nation. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Probleme gibt, die wir noch lösen müssen. Aber da ist vieles, auf das man stolz sein kann. Israel ist – gegen alle Widerstände – eine Erfolgsgeschichte.

Israel ist nicht gut auf die UNO zu sprechen. Warum fühlt man sich schlecht behandelt?

Ein früherer israelischer Außenminister sagte einmal: "Wenn ein UNO-Resolutionsentwurf erklären würde, dass die Erde eine Scheibe ist und Israel daran schuld sei, dann würde er automatisch eine Mehrheit bekommen." Damit ist gemeint, dass die UNO Israel gegenüber voreingenommen ist. Die arabischen Staaten und die Bewegung der Blockfreien Staaten hatten und haben immer noch eine Mehrheit.

Lässt sich das belegen?

Ja, nehmen Sie beispielsweise den UNO-Menschenrechtsrat: Seit dem Jahr 2006 wurden dort 62 Resolutionen verabschiedet, die die Menschenrechtslage in Israel verurteilen. Für den Rest der Welt – Jemen, Syrien, Sudan, Türkei etc. – gab es im gleichen Zeitraum 55 Resolutionen. Das macht keinen Sinn und zeigt die Doppelmoral dieses Gremiums.

Seit Dezember hat Österreich eine neue Regierung mit Beteiligung der FPÖ. Hat das die Beziehungen zu Israel beeinflusst?

Es gibt ausgezeichnete Beziehungen zwischen den beiden Regierungschefs. Zu den FPÖ-geführten Ministerien gibt es nur Kontakt auf Beamtenebene. Der Generalsekretär im israelischen Außenamt wurde aber beauftragt, eine neue Bewertung vorzunehmen.

Wann gibt es die Entscheidung?

Noch weiß niemand, wann – und wie sie ausschauen wird.

2000 bei der ersten schwarz-blauen Koalition berief Israel seinen Botschafter aus Wien ab. Sie durften bleiben. Warum?

Das hat nicht nur mit Israel zu tun, damals gab es ja auch Sanktionen gegen Österreich. Und derzeit bin ich die einzige Botschafterin in Wien, der es nicht erlaubt ist, mit FPÖ-Ministern offiziellen Kontakt zu haben. Alle meine Kollegen aus Frankreich, Belgien, Großbritannien etc. dürfen das.

 

"Starke Worte von Kurz in Rouhanis Gegenwart"

Hassan Rouhani und Sebastian Kurz am Mittwoch in Wien

"Starke Worte von Kurz in Rouhanis Gegenwart"

Bundeskanzler Sebastian Kurz (VP) hat jüdische Kritik am Wien-Besuch von Irans Präsident Hassan Rouhani offenbar mit seinen Aussagen zum Existenzrecht Israels entkräften können: "Wir wünschen, dass Irans Präsident nicht in Wien empfangen worden wäre, vermerken aber die starken Worte von Kurz in Rouhanis Gegenwart", twitterte das "American-Jewish Comittee" (AJC).

Der Sprecher des israelischen Außenamtes, Emanuel Nahshon, verbreitete Kurz’ Aussagen vom Mittwoch ebenfalls über Twitter, ergänzt um die rhetorische Frage: "Wird darüber in den iranischen Medien berichtet werden?"

Kurz ließ am Mittwoch mitteilen, dass er vor dem Empfang für Rouhani bewusst mit Israels Premier Benjamin Netanyahu telefoniert habe, weil es ihm wichtig schien, Israels Sichtweise zu hören.

Kurz hatte bei einem Auftritt mit Rouhani gesagt, der Kampf gegen den Antisemitismus und die Unterstützung für Israel seien "zentral" für Österreich. Mit Blick auf die Linie des Iran gegenüber Israel fügte er hinzu: "Aus unserer Sicht absolut inakzeptabel ist, wenn das Existenzrecht Israels infrage gestellt wird oder zur Vernichtung Israels aufgerufen wird. Die Sicherheit Israels ist für uns als Republik Österreich nicht verhandelbar."

Rouhani konterte mit einer Attacke auf die „Zionisten“ (Israel, Anm.), die er als "Besatzungsgruppe und Unterdrücker“ brandmarkte. Außerdem hielt er Israel vor, den "Islamischen Staat" (IS) in Syrien zu unterstützen.

Video: Schlagabtausch zwischen Kurz und Rouhani

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Artikel Clemens Schuhmann 06. Juli 2018 - 00:04 Uhr
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