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Die Landlerkultur stirbt langsam aus

Der Soziologe Roland Girtler fährt seit zwanzig Jahren zu den Landlern nach Siebenbürgen in Rumänien. Er lebt dort mit den Menschen, hat meistens eine Gruppe Studenten im Schlepptau. Die Zukunft der Landler ist jedoch ungewiss, ihre Gemeinden Neppendorf, Großau und Großpold schrumpfen stetig.

Die Landlerkultur stirbt langsam aus

Erika Messner hält mit 83 Jahren die Paulick-Villa am Attersee in Schuss Bild: Weihbold

Mit der durch den Tod von Otto Habsburg neu angefachten Habsburger-Nostalgie, die sich mancherorts bis zur Hysterie steigert, kann der Soziologieprofessor aus Spital am Pyhrn nichts anfangen. Er nimmt das Schicksal der Landler als eines von vielen Beispielen: „Die Landler waren Protesanten, etwa aus dem Salzkammergut, die von den katholischen Habsburgern, namentlich von Karl dem VI. und später von dessen Tochter Maria Theresia brutal aus ihrer Heimat vertrieben worden sind.“

Landlerforscher Ernst Buchinger hat herausgefunden, dass in den Jahren 1734 bis 1737 allein aus den Pfarren Goisern, Hallstatt, Laufen und Ischl 624 Menschen deportiert worden sind, davon die Hälfte Kinder. Briefe und Dokumente legen noch heute Zeugnis davon ab, mit welch persönlichem Leid diese Umsiedelungen verbunden gewesen sind, weil beispielsweise Frau und Kind in Ketten gelegt worden sind. Da Wörter wie Vertreibung oder Deportation wenig schön klingen, erfand die kaiserlich-königliche Administration den Begriff „Transmigration“ unter diesem Tarnmäntelchen sind die Zwangsumsiedelungen samt zerrissener Familien zusammen gefasst worden.

In seiner ursprünglichen Bedeutung ist „Landler“ ein regionaler Herkunftsbegriff, der einen Bewohner des „Landls“, der historischen Region zwischen Wels, Gmunden und Vöcklabruck bezeichnet hat. Heute werden unter diesem Sammelbegriff alle Nachkommen jener Luther-Anhänger bezeichnet, die ab dem Jahr 1734 aus ihrer Heimat vertrieben worden sind und im heutigen Rumänien in Siebenbürgen (damals Österreich-UngarnI) ein neues Leben aufbauen mussten.

Geschichte und Gegenwart der Landler interessieren den Soziologen Girtler seit mehreren Jahrzehnten. Er feierte erst kürzlich seinen siebzigsten Geburtstag, hält nach wie vor Vorlesungen an der Uni Wien unter dem Titel „Die feinen Leute“ und besuchte Ende Juni mit Studenten „seine“ Landler in Großpold in Rumänien.

Im Wiener Cafe Landtmann berichtet Girtler von seiner jüngsten Reise, führt zuvor als einziger Gast mit den Kellnern Schmäh, die dem Herrn Professor immer einen besonders schönen Tisch frei halten. Der Sohn eines Arztes aus der Pyhrn-Eisenwurzen ist unangepasst, leutselig, ein Original. Er erscheint mit Filzhut, Schlabbersakko, stylischer Sonnenbrille und moos-grün-grauem Stoffrucksack. Beim Thema Landler ist der Siebzigjährige in seinem Element. „Ich bin kurz nach dem Zusammenbruch des Ceausescu-Regimes zum ersten Mal nach Rumänien gefahren“. Damals seien die typischen Dorfgemeinschaften der Landler noch intakt gewesen, hätten die Menschen alte Traditionen gepflegt. „Burschen und Mädchen waren getrennt organisiert, es wurden alte Volkslieder gesungen und auf gute Nachbarschaft Wert gelegt – mir hat diese Kultur auf Anhieb imponiert.“ Doch innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre hat sich laut Girtler viel verändert: „Heute sind beinahe alle jungen Leute fort, nur noch die Alten übrig. Die meisten sind über siebzig und schaffen die landwirtschaftliche Arbeit kaum noch. Ich fürchte diese Kultur wird früher oder später verschwinden.“

Bevor er wehmütig wird, kramt der Wissenschafter in seinen Jackettaschen und fördert neben dutzenden Zetteln, Briefen und Fotografien auch sein Mobiltelefon zu Tage. Er ruft kurz entschlossen seine Gastgeberin in Großpold, Anneliese Pitter, eine echte Landlerin, an. „Gelt, du ziehst nicht weg, du und dein Mann Andreas, ihr bleibt“, begrüßt er sie, und versichert der Frau, dass er den Besuch vor ein paar Tagen sehr genossen habe, Pitter einen Fixplatz in seinem Herzen einnehme und er sich schon wieder auf das nächste Jahr, das nächste Wiedersehen freue. Dann reicht er das Telefon weiter. Der typische Landler-Dialekt klingt etwas ungewohnt, ist aber gut zu verstehen, klingt irgendwie oberösterreichisch, aber doch eine Spur weicher. Anneliese Pitter bestätigt, dass das Leben nicht gerade einfacher geworden ist: „Die Arbeit wird immer beschwerlicher, die Jungen gehen alle nach Österreich oder Deutschland – aber wir bleiben hier.“

„Dieser bayrisch-oberösterreichischer Dialekt ist lebendige Sprachwissenschaft“, sagt Girtler begeistert. Das Landlerische habe für ihn eine große Ähnlichkeit mit dem Mittelhochdeutschen.

Girtler betrachtet die Soziologie nicht nur als ein theoretisches Wissenschaftsgebilde, sondern vor allem auch als praktische Arbeit mit den Forschungsobjekten – den Menschen. So hat der gelernte Archäologe schon mitgeholfen, ein traditionelles Begräbnis in Großpold zu Stande zu bringen: „Ich habe das Grab ausgehoben und meine Studenten haben den Sarg getragen.“

Auch wenn die Landler stets auf ihre Gemeinschaft und ihre Traditionen bedacht waren, nach und nach heirateten Landler und die so genannten Siebenbürger Sachsen untereinander. Diese deutsche Minderheit Rumäniens hat mit dem heutigen deutschen Bundesland Sachsen nichts zu tun, besiedelt Siebenbürgen seit dem 12 Jahrhundert.

In Seewalchen am Attersee besitzt Erika Messner (83) die Paulick-Villa, in der einst Maler Gustav Klimt ein- und ausgegangen ist. Messner ist gebürtige Siebenbürger-Sächsin und hat bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr in Kronstadt gelebt. „Uns ist es als wohlhabenden Bauern zweifellos gut gegangen, die Siebenbürger glauben ohnehin sie seien der Nabel der Welt.“ Messner hat ein deutschsprachiges Gymnasium besucht, wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges im Alter von 17 Jahren brutal von der Schulbank weg nach Russland deportiert und zur Zwangsarbeit verpflichtet. „Das war grausam. Meine Schwester und ich litten Hunger und wir froren.“ Mehr als eine Handvoll Reis und einen Klumpen Brot hätte es nicht gegeben. „Dabei mussten wir schwere Steine schleppen oder bei minus vierzig Grad eingefrorene Schienen freilegen“. 27 Monate lang habe dieses Martyrium gedauert, das sie bis heute geprägt habe. „Ich werfe nichts Essbares weg.“

In ihre eigentliche Heimat ist Messner nie zurück gekehrt. Über Frankfurt a. d. Oder ging die Reise nach Linz, wo sie hängen geblieben ist, sich als Dienstmädchen verdingt hat und schließlich ihren Mann kennenlernte. Über ihren Gatten lernte Erika Messner wenig später Trude Flöge kennen. Die frühere Besitzerin der Paulickvilla ist die Nichte von Emilie Flöge, der Lebensgefährtin von Gustav Klimt.

Messners Mann und Trude Flöge wurden miteinander bekannt, weil Messner der Frau ein paar Erdäpfel geschenkt hatte, und im Gegenzug Bücher aus der Bibliothek der Villa ausborgen durfte. .„1971, als Flöge starb, erbten wir das Haus, weil die Vorbesitzerin wusste, dass wir die Mittel haben um es zu erhalten. Gut erhalten ist das Schmuckstück bis heute. Viele Stammgäste verbringen hier seit dreißig Jahren und länger Sommerfrische wie vor 150 Jahren. Das meiste musste Erika Messner alleine schaffen: „Mein Mann ist 1972 bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“ Aber im Haushalt und im Garten hilft ein Paar, mit siebenbürgischen Wurzeln.

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Artikel Martin Dunst 16. Juli 2011 - 00:04 Uhr
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