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Bild: Colourbox.de

Demenz: Das große Vergessen

Wie Angehörige das Leben mit Demenz-Patienten gut meistern können und sich selbst nicht verlieren.

Von Dietlind Hebestreit, 09. April 2014 - 00:05 Uhr

Um ein Viertel stieg die Zahl der Demenz-Kranken in den vergangenen drei Jahren weltweit an. Laut einer Studie von „Alzheimer Disease International“ sind derzeit rund 44 Millionen Menschen betroffen.

Bis 2050 rechnet die Organisation mit einer Verdreifachung der Fälle – allein in Europa werden dann 16 Millionen Menschen erkrankt sein. Betroffen sind davon aber nicht nur die Patienten, sondern auch immer die Angehörigen und besonders die Partner. „Es gibt keine Paradelösung, wie mit dieser Erkrankung umgegangen werden kann“, sagt Karin Gillesberger.

Die klinische und Gesundheitspsychologin von der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz führt oft Entlastungsgespräche mit Angehörigen. Sie erklärt, wie diese mit der Situation besser fertig werden können:

Die Sichtweise der Betroffenen anerkennen: Es geht darum, den Respekt zu wahren. Demenzkranke Menschen beharren zum Beispiel oft darauf, immer das selbe Gewand anzuziehen. Es ist dann keine ideale Lösung, darauf zu pochen, dass die Kleidung schmutzig ist und eben gewaschen werden muss. Eine Möglichkeit hingegen ist es, ähnliche Sachen zu besorgen, eventuell mit dem Betroffenen gemeinsam auszusuchen. „Es gilt immer eine Lösung zu finden, die für beide passt“, erklärt Gillesberger. Der Pflegende sollte immer bedenken, dass der Patient weniger Strategien hat, um Konflikte zu lösen. Deshalb müsse der gesunde Mensch dabei federführend mitwirken.

Fähigkeiten erkennen und fördern: Der Angehörige sollte genau beobachten, was der betroffene Mensch für Fähigkeiten und Interessen hat. Diese in den Alltag möglichst gut einzubetten und zu fördern, ist das Ziel. Die Aufgaben sollen als wichtiger Beitrag anerkannt werden, damit der Patient nicht das Gesicht verliert. „Da muss man eben manchmal respektieren, dass etwas vielleicht nicht so perfekt gemacht ist“, so die 37-jährige Psychologin.

Die Wohnung adaptieren: Alzheimer-Patienten werden oft als stur empfunden. Manche der Konfliktpunkte lassen sich ausräumen, indem die Wohnung adaptiert wird. Es gilt, die Probleme zu erkennen und auszuräumen. Oft ist zum Beispiel die Körperhygiene ein Streitpunkt. Die Pflege fällt leichter, wenn etwa eine bodenebene Dusche installiert wird. Auch wenn lästige Handlungen angenehm gestaltet werden – zum Beispiel durch Musik –, fallen sie leichter.

Nicht endlos diskutieren: Der Betroffene kann oft Dinge nicht logisch erklären, sein Standpunkt muss nicht nachvollziehbar sein. Oft schont es also die Nerven aller Beteiligten, wenn fruchtlose Diskussionen vermieden werden. Trotzdem sollte der Standpunkt des Patienten respektiert werden.

Aggressionen und Streit vermeiden: Beides sollte weder unterdrückt noch „ausgehalten“ werden. „Am besten ist es, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen“, sagt die Psychologin. Wenn es also brenzlig wird: Von kritischen Inhalten ablenken, das Thema wechseln. Oder auch den Raum verlassen, spazieren gehen. Es tut der Betreuungsperson meistens gut, selbst Spannung abzubauen.

Sich nicht selbst die Schuld geben: Fast jedem pflegenden Angehörigen eines Menschen mit Demenz reißt irgendwann der Geduldsfaden. „Dann sollte man sich sagen, dass man auch einmal schwache Momente haben darf“, sagt Gillesberger. Statt sich schuldig zu fühlen, ist es besser zu überlegen, wie sich ähnliche Situationen künftig im Vorfeld bereits verhindern lassen. „Man kann seine Ungeduld oft auch auf andere Art wieder gut machen. Taten wirken da oft mehr als Worte. Und oft hat der Mensch mit Demenz die Situation schneller vergessen als der pflegende Angehörige“, so die Psychologin.

Angriffe nicht persönlich nehmen: Betroffene können sich oft nicht mehr so gut ausdrücken, fühlen sich schnell hilflos. Ihre Stimmung hängt vom Hier und Jetzt ab. Statt gekränkt zu sein, sollte der Pflegende sich das ins Gedächtnis rufen.
Gut organisieren: Alzheimer-Patienten vergessen oft, was sie zu tun haben oder was ausgemacht ist. Hilfreich ist es da, viel aufzuschreiben und den Betroffenen an Termine zeitgerecht noch einmal zu erinnern. Immer einen Zettel zum Telefon legen, den Kalender sichtbar aufstellen. Manchen Menschen hilft auch das Handy.

Rituale einführen: Demente Menschen haben oft Angst, ohne genau zu wissen wovor. Was dagegen helfen kann, ist beruhigende Musik, Rituale vor dem Schlafengehen – zum Beispiel noch einmal gemeinsam die Wohnung zu kontrollieren, bevor man ins Bett geht. Generell gilt: Es erleben ist besser, als es zu sagen.

Routine tut gut: Es macht das Leben leichter, wenn der Tag Fixpunkte aufweist. Zum Beispiel immer nach dem Frühstück zu duschen. Der Patient kann sich dann auf den festen Ablauf verlassen.
Beim Orientieren helfen: Schilder auf der WC-Tür, beschriftete Küchenkastln, ein Fixplatz für Schlüssel, Brille und Geld – so kann sich der Patient besser orientieren. Es kann auch helfen, nachts das Licht anzulassen, damit der Weg aufs WC leichter gefunden wird.

Hilfe zur Selbsthilfe: Viele demente Menschen befürchten immer wieder, dass sie bestohlen werden. Wenn der Betroffene etwas verlegt und man gibt ihm den Gegenstand zurück, kann es sein, dass er einen als „Dieb identifiziert“. Besser sei es, den Gegenstand so zu deponieren, dass ihn der demente Mensch selbst wieder finden kann.

Hilfe holen: Einen dementen Menschen zu begleiten, ist eine sehr fordernde Aufgabe. Deshalb ist es gut, sich so oft und so viel Hilfe wie möglich zu holen. So bleibt Zeit für die Aufgaben als Ehefrau/mann, Tochter oder Sohn. Adressen dazu rechts.

 

Demenz

Der Begriff Demenz definiert den kontinuierlichen Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit, vor allem von Gedächtnisleistung und Denkvermögen. Als häufigste Ursache dafür sehen Mediziner heute die Alzheimer-Krankheit an.

110.000 Mensch leiden in Österreich unter Demenz. Manche Experten sprechen von bis zu 130.000 Betroffenen

16 Millionen Patienten werden bis 2050 in Europa von Demenz betroffen sein. Weltweit arbeiten Spezialisten unter Hochdruck an Therapien gegen Alzheimer. Bisher gibt es dafür jedoch noch keine Heilung, manche Medikamente und Behandlungen können den Verlauf aber bereits etwas verlangsamen.

 

Hilfreiche Adressen

Wer einen dementen Menschen pflegt, sollte sich dafür bei Zeiten Unterstützung holen. Hier die wichtigsten Adressen:

  • Psychologen, Psychotherapeuten: www.psychologen.at, www.psyonline.at
  • Selbsthilfegruppen/Stammtische für pflegende Angehörige (Land, Caritas …) www.selbsthilfe-ooe.at
  • Caritas Servicestelle für pflegende Angehörige  www.pflegende-angehoerige.or.at,  PAULA-Kurse (Pflegeanleitung)
  • Pflegetelefon Oberösterreich: Tel. 0800 / 20 16 22
  • Sozialberatungsstellen (zum Beispiel Kompass für Linz …)
  • Gebietskrankenkasse (ANNA, Ambulante medizinische Reha, Netzwerk Hilfe GKK) www.ooegkk.at
  • Mobile Hilfen (Caritas, Samariterbund, Volkshilfe, Hilfswerk, private Anbieter …)
  • Alzheimerhilfe M.A.S. www.alzheimer-hilfe.at
  • Ergotherapie, Logopäden, Physiotherapie
  • Seniorenclubs, Tageszentren, Aktivtreff
  • Psychosozialer Notdienst (pro mente OÖ): Tel. 0732/651015

 

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Kommentare

„ “ pepone puschl40
„Lieber Alles vergessen als Alles verschütten!!! “ puschl40 Lieber Alzheimer als Parkinson
„unterschiedliche Arten von Demenz ...Auf der einen Seite die, vor allem auch für die Anghörigen ...“ train_your_brain Es gibt ja mittlerweile zwei recht

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